"11 Freunde"-Kolumne Klappfrisur auf Abwegen

Die wöchentliche Kolumne von Deutschlands bestem Fanzine. Heute: Das Comeback von Ernst Huberty, Van Bastens Vorschläge zur Regeländerungen und die Einkesselung der Klasse 1b.


Windhund auf Abwegen: Umgewandelt zur "kecken Alliteration"
DDP

Windhund auf Abwegen: Umgewandelt zur "kecken Alliteration"

Früher war er eine Institution am Samstag, wie Badewanne und Autowäsche. Ernst Huberty führte viele Jahre mit souveräner Eleganz durch die Sportschau, nichts konnte die stets piekfein gekleidete Klappfrisur aus der Ruhe bringen. Nicht einmal die lästige Spesenabrechnung. Nun schickte der klamme Fußball-Sender Sat.1 den 75-Jährigen noch einmal auf Sendung. Für "ran am Samstag" sollte der Altmeister das Spiel Leverkusen gegen Kaiserslautern kommentieren. Und wir schalteten gespannt ein. Würde Huberty den Jungs noch mal zeigen, was eine Reporterharke ist. Durch Zurückhaltung, Stil und Contenance? Doch es schwante uns bereits Übles, als Huberty in der Vorabschalte die Zuschauer nicht wie gewohnt im eleganten Zweireiher mit Einstecktuch begrüßte, sondern die alte Regenjacke von Johannes B. Kerner auftrug. Und der Eindruck trog nicht. Denn Huberty gab neun Minuten lang den Dauerplauderer. Und als im Lauterer Strafraum unter Beteiligung des Spielers Thomas Hengen nach dem Ball gestochert wurde, entfleuchte dem Alt-Reporter doch tatsächlich der Kalauer: "Mit Hengen und Würgen". Das wäre ihm früher nicht passiert, dachten wir und schalteten enttäuscht den Fernseher aus. Mit Würgen.

Zäh wie Windhunde: Der "Kicker" zitiert


Apropos Wortspiel: Das Sportmagazin "Kicker" ist in Fachkreisen und darüber hinaus bekannt für seine hintersinnigen Überschriften. Immer wieder gerne las man, dass "Oliver Reck sich vergeblich reckte" und "Markus Anfang von Anfang an" mitspielte. In der Ausgabe der Vorwoche lobte das Blatt dann auch mal einen, der nicht professionell gegen die Lederkugel tritt, nämlich den Triathleten Lothar Leder. Dessen Kondition fand der "Kicker" so berückend, dass er sie mit der kecken Alliteration: "Lothar zäh wie Leder" würdigte. Nun würde uns doch interessieren, welche Quelle im "Kicker"-Zitatenlexikon angegeben war. Vielleicht "deutsche Spruchweisheit" oder "ehem. Reichskanzler"? Dann fehlt uns allerdings die "Kicker"-übliche Konsequenz in der Umsetzung: Wenn schon die Titelzeile "zäh wie Leder", dann auch die Zwischenüberschriften: "Flink wie ein Windhund" und natürlich "Hart wie Kruppstahl". Aber wahrscheinlich hebt sich der "Kicker" letztere für den nächsten "Ironman" auf.

On the road: Nachtwanderungen mit Basti


Im Januar soll er wieder genesen sein, so lauten die letzten Meldungen über Bayerns Sorgenkind Sebastian Deisler. Und damit auch wirklich nichts schief geht, hat der FC Bayern extra einen Fitnesstrainer engagiert, der aufpasst, dass der Basti nicht auf dem Laufband umknickt. Fast konnte man also Mitleid bekommen, angesichts der Torturen beim Fitmacher, zehn Stunden täglich auf dem Laufband, anschließend Wärmepackungen, Krafttraining und noch einmal zehn Stunden auf dem Laufband. Doch trafen wir in der letzten Woche einen Gewährsmann, der erstaunt berichtete, er sei nichtsahnend in den nicht mehr ganz so frühen Morgenstunden in ein Berliner Szenelokal gestiefelt und habe dort den rekonvaleszenten Deisler gesehen. "Er war es", schwört der vertrauenswürdige Zeuge. Und weit und breit kein Laufband und keine Elektrolytgetränke zu sehen. Wir hoffen nun, dass wenigstens Deislers Fitnesstrainer anwesend war und dem Schützling heimlich ein paar Vitamintabletten ins Bier geworfen hat. Damit der Basti im Januar wieder fit ist.

Regelschmerzen: Van Basten spielt den letzten Mann


Kühne Vorschläge zu Regeländerungen im Fußball sind normalerweise das Privileg der Leserbriefschreiber in der "Sport-Bild". Wir wollen in diesem Zusammenhang nur an Hendrik Kuntz aus 99735 Holbach erinnern, der bereits 1996 in einem Brandbrief forderte: "Um Härte und Foulspiel zu verhindern, sollten nur noch sechs oder sieben Fußballer auf dem Feld stehen. Gibt es trotzdem Fouls, muss der Sünder 15 Minuten vom Platz". Nun aber hat sich auch der ehemalige holländische Stürmer Marco van Basten für eine umfassende Regelreform stark gemacht und gleich mal ein paar gut abgehangene Vorschläge in die Runde geworfen. Unter anderem will van Basten die alte Bolzplatzregel vom "letzten Mann" einführen, der den Ball in die Hand nehmen darf. Bevor nun dem Holländer aufgeht, dass diese Regel ja streng genommen schon jetzt praktiziert wird, fordern wir die Adaption weiterer Vorschriften vom Pausenhof. Ab sofort dürfen größere Spieler kleineren Spielern eine reinhauen, das ist die sogenannte "Großer-Bruder-Regel". Und wenn Mario Basler mal wieder eine seiner gefürchteten Eckbälle treten möchte, zeigt der Schiedsrichter gleich auf den Punkt. Denn ab sofort gilt: "Drei Ecken, ein Elfer".

Sicherheitshalber: Klasse 1b eingekesselt


Weil vier Jahre schnell vergehen, machen sich in Berlin bereits allerlei gewichtige Herren Gedanken über die Weltmeisterschaft 2006. Ganz wichtig ist dabei ein ordentliches Sicherheitskonzept, wie Innenminister Otto Schily vor ein paar Tagen betont hat. "Wir setzen auf frühzeitige Fanbetreuung und Jugendarbeit", hat Otto gesagt und will deshalb das Sicherheitskonzept in den Schulen der Republik vorstellen. Das wird sicher ein großer Erfolg. Wenn erst einmal eine Polizeieinheit die Klasse 1b der Grundschule einkesselt, um potentielle Hooligans unter den Schülern zu warnen. Wenn erfahrene Beamte die Fälschung von Eintrittskarten mit handelsüblicher Farbkopierer erläutern ("Ist kinderleicht. Könnt ihr auch!"). Und auch das Puppentheater der örtlichen Schutzpolizei bekommt sicher von den Erstklässlern viel Beifall. Für die Aufführung "Das Kasperle und der holländische Hooligan".



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