"11 Freunde"-Kolumne Qualmende Socken auf dem Plüschsofa

Die wöchentliche Exklusiv-Kolumne von Deutschlands bestem Fußball-Fanzine. Heute: Die neue Sat.1-Fußballshow, Wüstensand in Stollenschuhen und das schwere Los der Fußballfrauen.


Im Sat.1-Studio dürfte es voller sein
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Im Sat.1-Studio dürfte es voller sein

Endlich, auf Druck der Fan-Bewegung "PRO 20.15" erfüllt Sat.1 die Forderung nach einer "großen Fußball-Show" am Samstagabend. Zwar hüllt sich der Sender noch in Schweigen, doch bereits jetzt kursieren Details über das Gesicht des neuen Blockbusters. Und das erwartet die Zuschauer: Pünktlich um 20.15 Uhr heißt es "Showtime" in München. Während Moderator Jörg Wontorra noch eilig hinter der Bühne geschminkt wird, intoniert eine Bigband bereits die schmissige ran-Erkennungsmelodie. Unter dem tosenden Beifall des Studiopublikums tänzelt Wontorra im Frack die Showtreppe herunter.

Am Fuße der Treppe wartet bereits Liga-Präsident Werner Hackmann und wirft dem Conférencier gut gelaunt ein Mikrofon zu, das große Ähnlichkeit mit der Fernbedienung für den "Premiere World"-Decoder hat. Begleitet vom Sat.1-Fernsehballett schmettern Hacki & Wonty gemeinsam ein Medley aus "Fußball ist unser Leben" und "Money Makes The World Go Round".

Nach einer ersten Werbeunterbrechung ist Zeit für ausgiebige Talks mit den Stargästen, die im Laufe der Sendung auf die Torwand schießen müssen, spontan heiraten, auf eine einsame Insel gefahren werden und dort zum Schluss auf die Waage steigen. Nach einem Werbebreak werden gegen 21.55 Uhr die Spiele der Fußball-Bundesliga kompakt in der Rubrik "Spieltag" zusammengefasst. Danach zurück zur Werbung.

Coordes Aleikum - Marathonläufe im Wüstensand

Den meisten Zeitungen war es nur eine Randnotiz wert, im präsaisonalen Trubel um blonde Brasilianer und hünenhafte Tschechen. Wir sind dennoch traurig, dass einer der ganz großen Trainer uns verlässt. Egon Coordes, der große alte Mann des Zirkeltrainings, wechselt mit sofortiger Wirkung zum Al-Kaleej Sport-Club Khorsakkan in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Wir erinnern uns wehmütig: Lange bevor die Feldwebel Felix Magath und Eduard Geyer das Torschusstraining mit Medizinbällen etablierten, machte Coordes seinen Jungs schon mit unorthodoxen Trainingsmethoden Beine. Der ehemalige HSV-Trainer und Bayern-Assistent scheuchte die Profis die Abhänge rauf und runter, bis deren Socken qualmten und Herzklappen bebten. Mit seinem Nussknackergesicht marschierte Coordes griesgrämig übers Trainingsgeviert und raunzte schwächelnde Spieler an.

Wissen die Wüstensöhne, auf wen sie sich da eingelassen haben? Steigerungsläufe die Düne hinauf werden noch zu den sanfteren Übungen aus der Coordes-Fibel gezählt. Seine bevorzugte Anstoßzeit für Testspiele? Highnoon! Auf eine Jahreszeit freut sich der 57-Jährige dem Vernehmen nach besonders: Ramadan - die ideale Zeit für Muskelaufbau im Coordes-Land der 1001 Liegestützen.

Spielerfrauen: So wie Freundin, so wie Mutti

Seit der inzwischen außer Dienst gestellte Hamburger Berufsfußballer Thomas Doll einmal nüchtern Sinn und Zweck seiner Ehe bilanzierte ("Ich brauche keinen Butler, ich habe eine junge Frau") ist die Diskussion über die Rolle der Spielerfrau um keinen wirklich essenziellen Beitrag mehr bereichert worden, die Rabauken Bianca Illgner und Angela Geenen-Häßler einmal außen vor gelassen. Doch nun machen junge Spieler des Zweitliga-Aufsteigers SV Babelsberg 03 Mut.

Mama told me not to sing
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Mama told me not to sing

So gestand das Nachwuchstalent Arthur Nabialak im rührigen Fanzine "Abseits", auf welchen Typ Frau er denn stehe: "Sie sollte intelligent sein - und reich!" Sein Kollege Jazek Ratajczak hingegen meinte zunächst pflichtschuldigst: "So wie meine Freundin." Um dann aber gleich hinzuzufügen: "Am besten wäre es, wenn sie wie Mutti wäre." Die Quadratur des Kreises - das hat doch schon fast Dollsche Qualität. Wir werden das im Auge behalten.

Vereinsmaskottchen - unförmige Plüschsofas mit Gesicht

Pünktlich zu Saisonbeginn könnten sich die Profivereine ein Herz fassen und die Wahl ihrer Maskottchen neu überdenken. Wohin man auch blickt: In nahezu allen Stadien latschen unförmige Plüschsofas mit Gesicht über den Rasen und winken unverdrossen ins Publikum. In Bielefeld ist es eine überdimensionale Bierflasche, während in Köln als Konkurrenz zum stoischen Geißbock Hennes ein merkwürdiger Baumarkt-Biber im FC-Trikot über die Tartanbahn flaniert. Gerechtes Schicksal: Regelmäßig wird das Maskottchen ob seiner viel zu großen Zähne von den auswärtigen Fans gehänselt und verspottet.

Schule sollte das auch in Berlin machen, wo sich eine Mischung aus Straßenköter und Yeti namens "Herthinho" etabliert hat, laut Hertha-Presseinfo, 2,35 Meter groß und "mit Biene Maja aus Prag liiert". Nicht nur geschmacksverirrt, sondern auch noch ein Schwindler vor dem Herrn. Wir wissen verbrieft, dass zwischen Maja und "Herthinho" nichts gelaufen ist. Und sollte "Herthinho" weiter den Dicken machen, schicken wir Willi und seine Gang von Slavia Prag vorbei. Die machen keine Gefangenen.

Heiliges Rind: 66 Inder auf der Homepage des SC Verl

Die Homepages der Bundesligisten werden täglich von vielen tausenden Surfern angeklickt. Ein paar Klassen tiefer hingegen freut man sich über jeden Besucher. Als etwa der westfälische Regionalligist SC Verl seine Homepage in Betrieb nahm, kamen die Webmaster aus dem Staunen nicht mehr heraus. Binnen zehn Tagen "haben sich 1500 User unter www.scverl.de eingeklickt" teilt das Stadionmagazin mit. Viele davon kamen aus dem Ausland. So wurden die Nachrichten des SC Verl unter anderem in Italien (154 Zugriffe), Belgien (99), Indien (66), Finnland (51) und sogar in den USA (51) abgerufen. 66 Inder?

Bis zur Green-Card-Diskussion dachten wir ja, dass auf dem Subkontinent keine zehn Internetanschlüsse existieren. So kann man sich irren! 66 Inder haben weder Rupien noch Mühen gescheut, um sich auf den ersten Blick mit den wichtigsten Informationen wie Ergebnis des letzten Spiels und aktuellem Tabellenstand zu versorgen. Dazu gibt es knallige Farbfotos. Zu sehen sind hier sicherlich Kühe, die im ländlichen Verl genauso heilig sind wie am Ganges. Mittlerweile funktioniert auch die Bestellfunktion des Fanshops und die Verl-Anhänger in Bombay und Kalkutta werden ordentlich Schals und Schlüsselanhänger geordert haben. Also, Ihr 51 Finnen, jetzt zugreifen.



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