"11 Freunde"-Kolumne Sforza bildet sich zum Minenleger fort

Die wöchentliche Kolumne von Deutschlands bestem Fanzine. Heute: Wie Ciriaco Sforza sich auf dem Lauterer Betzenberg in Sachen Vetternwirtschaft schult, die Invasion Wolfsburger Cola-Dosen und besonders hässliche Fußballprofis.


Heißer Betzenberg: Ciriaco Sforza (r.) und der ehemalige FCK-Boss Jürgen Friedrich
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Heißer Betzenberg: Ciriaco Sforza (r.) und der ehemalige FCK-Boss Jürgen Friedrich

Chapeau! Wir lüften unseren Hut vor Ciriaco Sforza, dem durchtriebenen Geschäftsmann aus der Westschweiz. Denn in seinen Kontrakt beim 1. FC Kaiserslautern findet sich nicht nur ein üppiges Salär, sondern auch eine delikate "Zusatzvereinbarung". Dort, wo sich andere Profis routiniert "Weiber satt" oder "zwei Kisten feinster Schampus täglich" zusichern lassen, hat Sforza gleich an seinen Lebensabend gedacht und nach dem Ende seiner Karriere die Weiterbeschäftigung als Sportdirektor in den Vertrag gelötet. Eine verantwortungsvolle Position, und deshalb wird der 32-Jährige wohl zuvor auf der FCK-eigenen Führungsakademie für den Job an der Vereinsspitze geschult. Das dürfte kein Zuckerschlecken werden, das Programm beim derzeitigen Bundesliga-Schlusslicht ist anspruchsvoll. Allein die Pflichtscheine, der Aufbaukurs "Intrigen und Mauscheleien" und das Proseminar "Vetternwirtschaft für Anfänger". Dann im Wahlpflichtbereich die Vorlesung "1000 tolle Bilanztricks" und der Heimatkurs "Kaiserslautern - die pulsierende Metropole in der Pfalz". Und eigentlich stünde auch noch das Hauptseminar "vertrackte Vertragsklauseln" an. Aber halt, in dieser Thematik könnte Sforza besser als Dozent wirken.

Wackere Wacker-Fans: Erst die Arbeit ...

Bei Zweitliga-Frischling Wacker Burghausen ist die Welt seit Sonntag in bester Ordnung. Favorit Eintracht Frankfurt wurde auswärts mit 2:0 besiegt. Die mitgereiste Autobesatzung Fans schwenkte fröhlich ihre Fahnen. Nur daheim, im beschaulichen Burghausen, fehlt die rechte Stimmung in der Bude. "In der Wacker-Arena ist es mir noch zu leise", hatte Trainer Rudi Bommer nach dem 2:2 gegen Alemannia Aachen gemosert und dabei strafend in Richtung Westkurve geblickt. Die übte nämlich bereits für die stille Andacht am Kirchsonntag. Die Probleme sind dabei logistischer Natur. Verzweifelt fragt ein Anhänger mit dem ulkigen Kampfnamen "Petzi" auf der Wacker-Homepage: "Wie soll man denn mit zehn Mann die Mannschaft nach vorne schreien?" Aber immerhin, einen kleinen Hoffnungsfunken gibt es: "Zum Glück kamen in der zweiten Halbzeit einige Fans, die bis sechs Uhr arbeiten mussten!" Und wir nehmen an, zu zwölft ging die Post dann richtig ab.

Product Placement: Wolfsburger Überdosis

Jetzt will es der VfL Wolfsburg anscheinend zwingen. Was haben die Niedersachsen nicht alles unternommen, um das Image eines seelenlosen Werksvereins loszuwerden. Haben einen Trainer mit passendem Namen verpflichtet, ein piekfeines Stadion gebaut, Stefan Effenberg samt mondäner Lebensabschnittsgefährtin nach Wolfsburg gelockt. Und nun versucht es der VfL auch noch hinten herum, mit einer neuartigen Form des Product-Placements. Aber der Reihe nach: Bekanntlich verkauft seit einigen Wochen ein namhafter Brausehersteller seine roten Dosen mit den Wappen diverser Fußballclubs. Beworben werden die Büchsen als "eine Auswahl attraktiver Vereine" und mit dem etwas nebulösen Sprüchlein "Go for it". Wir gingen für es und räumten vorsichtshalber schon mal das Regal für die neue Sammlung. Doch welche Enttäuschung: Bei uns im Supermarkt weit und breit kein FC Bayern, kein FC Schalke 04, kein Hamburger SV, nicht einmal der VfL Bochum. Stattdessen kilometerweise Paletten mit Wolfsburger Dosen. Da glauben wir doch nicht mehr an Zufall und fragen spitz nach: Wird Volkswagen nun Aktionär bei Coca-Cola? Kann es vielleicht sein, dass die "Auswahl attraktiver Vereine" genau und abgezählt aus einem einzigen Verein besteht? Auf den die Beschreibung nicht einmal passt? Ein klarer Fall für das Kartellamt: Zerschlagen Sie die unheilige Allianz. Sofortige Zwangsleerung und Neulackierung aller Wolfsburger Dosen. Go for it.

Offenbacher Dialektik: Faustrecht und Nächstenliebe

Fußballfans sind nicht so doof, wie man denkt. Einen weiteren Beleg für diese These liefert uns wieder einmal das Fanzine "Erwin" mit einem Dialog zwischen einem Ordnungshüter und einem Anhänger der Offenbacher Kickers. Anlass des Disputs war ein offen zur Schau getragenes T-Shirt, auf dem in englischer Sprache ein gegen Polizisten gerichteter Schmähspruch zu lesen war. Anschließend entspann sich folgende Auseinandersetzung, die Faustrecht und gelebte Toleranz vorbildlich vereinigt:

Polizist: "Das ist hier verboten!"
Offenbacher: "Warum, das ist doch englisch."
Polizist: "Meinen Sie, das verstehen wir nicht?"
Offenbacher: "Also englisch, nee, das versteht doch keiner gleich sofort."
Polizist: "Was würden Sie sagen, wenn das nächste Mal ein Ansbacher mit T-Shirt kommen würde, auf dem steht: Alle Offenbacher sind Schweine?"
Offenbacher: "Der bekäme aufs Maul, aber das T-Shirt könnte er anlassen."

Link außen (7): Rübennasen und Mausezähne

Ein flüchtiger Blick auf die Mannschaftsfotos der Bundesligisten zeigt uns lauter glattrasierte und rundgebürstete Jungprofis. Doch der erste Eindruck täuscht, natürlich tummeln sich auch auf dem grünen Rasen jede Menge unglücklicher Physiognomien. Die verdienstvolle englische Webseite "Ugly Footballers" hat sich nun der Aufgabe gewidmet, all die Rübennasen, Doppelkinne und Mausezähne im europäischen Profifußball aufzuspüren. Jeder Delinquent wird mit einfühlsamen Kommentaren der Preisklasse "Muss unbedingt was mit seinen Zähnen machen" bedacht. Wer auf der Skala "Ugly-o-Meter" neun Bälle bekommt, ist ganz vorne dabei. Allerdings: Die Auswahlkriterien für die WM 2002 kommen etwas merkwürdig daher. Zwar finden sich die üblichen Verdächtigen, der Japaner Junichi Inanamoto, Diego Simeone aus Argentinien und natürlich der Engländer Robbie Fowler. Aber kein einziger Deutscher? Warum wurden Thomas Linke und Oliver Kahn nicht berücksichtigt? Und vor allem: Wo ist Jens Jeremies? Dem Bayern-Profi aus Görlitz hätten wir ohne Zögern zehn Bälle gegeben.



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