20 Jahre Fußballmagazin "11 Freunde" "Keiner von uns will, dass wieder mit der Schweinsblase gekickt wird"

Seit nun 20 Jahren wirft das Magazin "11 Freunde" einen ganz eigenen Blick auf den Fußball. Zum Jubiläum spricht Chefredakteur Philipp Köster über Nostalgie, Ewald Lienen im Büro und den Lieblingsfeind RB Leipzig.
Ein Interview von Peter Ahrens
Fußball, Fußball, Fußball - in allen Facetten. Und das seit 20 Jahren

Fußball, Fußball, Fußball - in allen Facetten. Und das seit 20 Jahren

Foto: 11FREUNDE

SPIEGEL: Wie berichtet ein Fußballmagazin, wenn es über Monate wegen Corona keinen Fußball gibt?

Köster: Alles sehr unerquicklich gerade. Die Redaktion ist auch geschockt von den Ereignissen. Und natürlich sind wir wie alle anderen auch abhängig davon, dass der Ball irgendwann wieder läuft. Was ich mir wünschen würde, wäre, dass der Fußball in dieser Pause zu sich kommt und sich fragt, welche Rolle er in der Gesellschaft überhaupt spielt.

SPIEGEL: Mit der Frage kann man sicher die nächste Ausgabe füllen. Und dann?

Köster:  Wir könnten uns natürlich in Nostalgie flüchten. Noch mehr Historie, noch mehr Baumwolltrikots. Oder wir öffnen das Heft für die große Diskussion: Was will der Fußball eigentlich, außer immer mehr Geld abzugreifen? Damit hat er sich ja in den letzten Jahrzehnten vorrangig beschäftigt, auf zunehmend absurde und teilweise obszöne Weise. Und wir merken, dass der Kern dessen, was den Fußball ausmacht, was ihn so spannend, so schön, so faszinierend macht, nicht so unzerstörbar ist, wie wir dachten.

SPIEGEL: "11 Freunde" sieht sich als Bewahrer dieses Fußballkerns - und frönt der Fußballnostalgie. Das kann man strukturkonservativ nennen, wenn man sich seit 20 Jahren nicht bewegt.

Köster: Das ist ein klassisches Klischee und leicht zu widerlegen, wenn man einen Blick in unsere ersten Ausgaben wirft. Was uns im Jahr 2000 beschäftigt hat und womit wir uns heute beschäftigen, sind völlig unterschiedliche Dinge. Damals haben wir dafür gekämpft, dass Stadien nicht umbenannt werden und die Stehplätze in den Kurven erhalten bleiben. Heute schauen uns die jungen Fans verstört an, wenn wir vom Frankfurter Waldstadion oder von der Bielefelder Alm sprechen. Wir betreiben keine Fundamentalopposition gegen den modernen Fußball, finden aber manche Auswüchse unerträglich.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Köster: Beispiel Videobeweis. Er zerstört das emotionale Stadionerlebnis nachhaltig. Als Fan nicht mehr jubeln zu können, weil im Kölner Keller noch ein Ohrläppchen im Abseits entdeckt wird, das ist doch Mist. Und deshalb hören wir auch nicht auf, dagegen zu stänkern – selbst wenn uns das als Konservatismus ausgelegt wird.  

SPIEGEL: Wir sind gegen den Videobeweis. Was heißt das – wir? Ist das die Meinung des Chefredakteurs?

Köster: Wir denken in der Redaktion oft sehr ähnlich über grundlegende Fragen des Fußballs. Die Redakteure sind ja alles Stadiongänger und ahnten, was passieren wird. Ansonsten ist "11 Freunde" kein hermetisch abgeschlossener Kreis von Leuten, die sich nach der Oberliga West zurücksehnen. Ich lese bei uns immer mal wieder Meinungen, mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann und wo mir schon ein abschätziger Kommentar auf den Lippen liegt. (lacht) Aber in den Redaktionskonferenzen reiße ich mich dann doch zusammen. Es gibt schließlich viele verschiedene Arten, Fußball zu lieben und Fußball zu sehen.

SPIEGEL: Aber dieses "Früher war alles besser?" gehört schon zur Botschaft dazu.

Köster: Schon unser Name spielt ja mit der hübschen Vorstellung, dass auf dem Platz nicht nur elf Geschäftemacher und kickende Ich-AGs herumrennen. Das finden insbesondere die Leute albern, die mit Fußball nur schnelles Geld machen wollen - windige Berater und halbseidene Funktionäre. Aber keiner von uns will, dass wieder mit der Schweinsblase gekickt wird. Uns geht es um etwas anderes, nämlich um die Bewahrung dessen, was wir Fußballkultur nennen. Deshalb kritisieren wir ja auch RB Leipzig so oft und so heftig.

SPIEGEL: Der Lieblingsfeind von "11 Freunde".

Köster: Hehe. Kann man so sagen. Dabei wird missverstanden, was wir am Leipziger Modell so eklig finden. Es geht nicht um die Art, wie dort Fußball gespielt wird oder wie dort Jugendarbeit geleistet wird. Und am Ende ist uns auch herzlich egal, ob der Getränkekonzern aus Fuschl am See nun 200 oder 500 Millionen Euro in Leipzig versenkt. Wir glauben aber, dass Fußballkultur nur funktioniert, wenn es einen Kern gibt, ein kulturelles Leben, einen Verein, der sich kommerzieller Verwertung entzieht. Und das ist der Unterschied zu Schalke, Dortmund und dem FC Bayern. Dass wir genauso scharf kritisieren, wenn der FC Bayern mit den Mächtigen aus Katar herumkumpelt, wird übrigens oft übersehen.

Mehr als 200 Hefte, mehr als 200 Titelbilder

Mehr als 200 Hefte, mehr als 200 Titelbilder

Foto: 11FREUNDE

SPIEGEL: Ein Positivartikel über RB käme nicht ins Blatt?

Köster: Das können gern andere übernehmen. Wobei wir auch schon Ralf Rangnick im großen Interview hatten und Julian Nagelsmann sehr wohlwollend porträtiert haben, als er noch in Hoffenheim als Coach angestellt war. Aber klar ist auch: Die klebrige Art und Weise, wie sich die Leipziger als Zukunft des Fußballs darstellen, führt sicher ab und zu auch mal zu Schnappatmung bei unseren Redakteuren.

SPIEGEL: Und der Chefredakteur ist frei von Schnappatmung?

Köster: Nein, bei mir geht auch schnell der Puls hoch. Wobei ich früher weitaus orthodoxer und grantiger war als heute. Da haben mich die täglichen Diskussionen in der Redaktion eher liberaler werden lassen. Wo ich jedoch zunehmend kompromissloser werde, ist im Umgang mit den Leuten im Fußball, die mit nichts anderem beschäftigt sind, als immer noch mehr Geld mit dem Fußball zu verdienen.

SPIEGEL: "11 Freunde" vermarktet dafür die Kritik am Fußball.

Köster: Zunächst mal: Wir geben eine Zeitschrift heraus und sind keine Vermarktungsagentur. Aber es stimmt schon: Wer besonders scharf die Kommerzialisierung des Fußballs kritisiert, muss diese Maßstäbe auch an sich selbst anlegen. Wir standen ja ziemlich schnell vor der Frage, ob wir den Widerspruch aushalten, über eine Entertainmentbranche wie den Fußball zu berichten und trotzdem darin nicht nur Geschäft, sondern auch Kultur zu erblicken. Das wollten wir. Und uns war auch klar, dass wir nicht nur 2000 Leute aus den Fanszenen erreichen wollten, sondern ein größeres Publikum. Sonst wäre die "11 Freunde"-Geschichte sicher auch schon 2002 zu Ende gewesen.

SPIEGEL: Für die Hardcore-Fans ist "11 Freunde" heute auch Mainstream.

Köster: Ja, das ist so. Und das habe ich auch vor ein paar Tagen Dietmar Hopp erklärt, der unsere Berichte dafür verantwortlich machte, dass Gladbacher Ultras beleidigende Plakate hochgehalten haben. "Die lesen uns doch gar nicht" habe ich Hopp geschrieben. Das hat ihn aber nicht überzeugt, glaube ich. Von Hopp abgesehen, war es eine bewusste Entscheidung, uns nicht nur mit Fanthemen zu beschäftigen, sondern stärker ins aktuelle Geschehen einzutauchen. Das finden manche schade. Werder-Trainer Florian Kohfeldt zum Beispiel, einer unserer alten Leser und Sammler, fand es früher besser. Andere freuen sich auch, wenn wir mit Mats Hummels oder Joel Matip längere Gespräche führen  - auch auf die Gefahr hin, dass manche Interviews dann von Pressestellen glattgebügelt werden.

Philipp Köster und Stellvertreter Jens Kirchneck 2006.

Philipp Köster und Stellvertreter Jens Kirchneck 2006.

Foto: imago sportfotodienst/ imago images/ teutopress

SPIEGEL: Wie guckt der etablierte Fußball auf das Magazin? Ist es für "11 Freunde" wichtiger, von ihm ignoriert oder von ihm anerkannt zu werden?

Köster: Es gibt Leute, die Freunde des Hauses geworden sind. Andreas Rettig, Thomas Hitzlsperger und vor allem Ewald Lienen, der 2005 mal bei uns vorbeischaute, weil sein Sohn bei uns ein Praktikum machte und sich einfach bei uns einquartierte. Da hat manch ein Mitarbeiter komisch geschaut, als Ewald plötzlich nebenan am Schreibtisch saß. Bei anderen muss man aufpassen, dass Kritik nicht zu wohlfeil wird. Karlheinz Rummenigge vorzuwerfen, dass er Fußballkultur und Fanszenen nicht versteht, ist sinnlos. Der bewegt sich seit 40 Jahren in anderen Kreisen, wie sollte der plötzlich ein Verständnis für Jugendkulturen entwickeln.

SPIEGEL: "11 Freunde" setzt in Abgrenzung zu anderen Sportmedien stark auf Humor. Um zu signalisieren, dass man das alles nicht so ernst nimmt. Wo ist da die Grenze zur Witzischkeit?

Köster: Nicht jeder Witz gelingt, bisweilen kommt der Humor sicher auch ein bisschen zu studentisch daher. Und nicht umsonst hing mal ein Plakat in der Rostocker Kurve: "Fußball leben statt studieren – 11 Freunde boykottieren!" Aber ich finde, es gab viele lustige Sachen. Als wir unter lustigen Namen wie "Rolf Töpper, Wien" Leserbriefe an den Kicker geschrieben haben oder mit der Ultragruppe "Brigade Hartmut Strampe" Schiedsrichter angefeuert haben. Es wird allerdings immer schwerer, die Pointen gut zu timen. Es gilt: Jeder  Witz, den du heute machst, stand gestern schon auf Twitter.

"11 Freunde"-Cover mit begrenzter Haltbarkeit

"11 Freunde"-Cover mit begrenzter Haltbarkeit

Foto: 11FREUNDE

SPIEGEL: Schnelllebigkeit auf der einen Seite, ein Monatsmagazin auf der anderen Seite. Mit der Folge, dass man zum Beispiel im Januar ein Klinsmann-Hertha BSC-Cover herausbringt, das für einen ganzen Monat halten soll - und ein paar Tage später ist Klinsmann weg.

Köster: Ja, der berühmte "11-Freunde"-Fluch. Kaum bei uns auf dem Cover, schon entlassen oder verletzt oder wieder zurück in Amerika. Ach, beim Thema Klinsmann war ich echt genervt. Wir hatten eine wunderbare goldene Bling-Bling-Halskette mit dem Hertha-Wappen und der Schrift "Ein Unternehmen der Windhorst-Gruppe" auf dem Cover präsentiert. Und dann haut Klinsmann von heute auf morgen in den Sack. Was mich tröstet: Vielen Lesern ist das Titelblatt gar nicht so wichtig. Die schauen lieber ins Heft und suchen unsere Erotikseite, auf der wir historische Tabellen präsentieren.

SPIEGEL: Das Magazin und Philipp Köster – das wirkt untrennbar. Köster als Chefredakteur, Köster macht Lesungen, Köster als Kolumnist in anderen Medien, Köster im Sport-1-Doppelpass. Dieses Rampensau-mäßige, sind die "11 Freunde" eine One-Man-Show?

Köster: Das ist zwiespältig. Ich war nun mal einer der Mitgründer, bin seit 20 Jahren dabei und hab eine klare Vorstellung davon, wie das Heft auszusehen hat. Und mir war auch wichtig, nicht nur gut abgehangene Editorials zu schreiben, sondern mich immer wieder in den Nahkampf zu stürzen. Aber bei "11 Freunde" machen andere Redakteure ganz großartige Sachen. Die haben zum Beispiel den Liveticker erfunden, der nicht nur Tore und Flanken vermeldet, sondern lustig durch die Gegend assoziiert und den ja inzwischen viele andere Medien kopieren.

SPIEGEL: Wird "11 Freunde" überflüssig, weil andere Medien so schreiben wie "11 Freunde"? Sozusagen der Preis des Erfolges?

Köster: Als wir anfingen, wurde vielerorts noch ziemlich dröge über Fußball geschrieben. Das ist vorbei. Das liegt sicher ein bisschen auch an uns, weil wir seit vielen Jahren ein Ort für journalistische Experimente sind. Aber es wird inzwischen an vielen Orten intelligent und rasant über Fußball geschrieben, etwa bei der SZ und beim SPIEGEL. Es ist also die große Kunst, sich immer wieder neue Dinge auszudenken. Manches machen dann eben doch nur wir, etwa einen Bundesligisten auf Sylt zu erfinden, mit Ultra-Treff im Gogärtchen und Stadion im Naturschutzgebiet am Wattenmeer.

SPIEGEL: Die Redaktion ist sehr jung, und da gibt es auf der anderen Seite Philipp Köster und einige wenige andere, die älter sind. Gibt es bei "11 Freunde" einen Generationskonflikt?

Köster: Konflikt nicht, aber unterschiedliche Perspektiven. Vieles von dem, was zum fußballkulturellen Kanon bei uns gehört, ist denen völlig fremd. Wenn wir denen erzählen, dass wir früher immer im Parka und im Friesennerz ins Stadion gingen, weil die Tribünen kein Dach hatten, denken die ständig: "Lass Opa vom Krieg erzählen".

SPIEGEL: Die Redaktion ist nicht nur jung, sie ist vor allem auch männlich. Sind die "11 Freunde" die letzte Männerbastion des deutschen Journalismus?

Köster: Bei uns arbeiten Frauen, aber vor allem in der Grafik und in der PR. Dass nicht mehr Frauen in der Redaktion arbeiten, ist sicher auch dem Umstand geschuldet, dass bei uns auf fünfzig männliche Bewerbungen eine weibliche kommt. Trotzdem: Das soll und muss nicht so bleiben.

Zum Jubiläum erscheint am Montag "Das gro0e 11-Freunde-Buch. Die besten Geschichten aus 20 Jahren Fußballkultur", Heyne Verlag, 456 Seiten zum Preis von 25 Euro.

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