Ex-Bundesliga-Profi Vlado Kasalo Der König von Zagreb

Glücksspiel, Krieg, Gefängnis - das Leben des einstigen Bundesliga-Profis Vlado Kasalo gleicht einem Mafia-Film. Das Magazin "11FREUNDE" besuchte den ehemaligen Nürnberger und Mainzer, der in Deutschland vor allem wegen zwei Eigentoren Berühmtheit erlangt hat.

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"So ist Leben!", sagt Vlado Kasalo. "Leben ist scheiße!" Das sagt er ziemlich oft, dabei meint er es nicht so. Die Sache ist nur: Kasalos Welt besteht aus Gegensätzen und Extremen. Aus Top oder Flop, Freund oder Feind, super oder scheiße. Am 5. April 1991 lief es erst auch total super und dann total scheiße. Kasalo saß in seinem Lieblingscasino und fühlte sich wie der König von Nürnberg.

Er hatte auf diesem Platz schon einmal 270.000 Mark verloren, doch an jenem Freitagabend fielen die Barbut-Würfel, wie er wollte. Kasalo gewann einen fünfstelligen D-Mark-Betrag und riss jubelnd die Arme in die Luft. Plötzlich zuckte er zusammen. "Hände hoch!", rief jemand, Kasalo drehte sich um und blickte in die Pistolenläufe der Polizisten. "Ich habe sie doch schon oben!", stammelte er. In der rechten Hand hielt er den Geldbatzen, in seiner linken den Würfelbecher. Wo Kasalo ist, ereignen sich Filmszenen.

Er war im Sommer 1989 für die damalige Rekordablöse von 1,3 Millionen Mark aus Zagreb zum Club gewechselt. Franz Beckenbauer hatte den Jugoslawen empfohlen. "Den könnt ihr blind nehmen", hatte er gesagt, und Nürnbergs Präsident Gerd Schmelzer glaubte, einen "richtig dicken Fisch" geangelt zu haben. Als Kasalo zu Vertragsverhandlungen in Schmelzers Büro saß, stellte er Forderungen. "Ich will 30.000 Mark pro Monat und dasselbe Auto haben wie Sie", sagte er. Schmelzer lachte laut auf und sagte: "Kein Problem, mein Freund!", und Kasalo sah, dass er es in Deutschland zu etwas bringen könnte. Zumindest auf der Straße.

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Fortan fuhr er mit einem Mercedes-Coupé 300 durch die Stadt, kaufte sich Schuhe für 800 Mark, Anzüge für 1500 Mark und, wenn noch Geld übrig war, ein paar goldene Rolex für seine Freunde. Doch sportlich lief es überhaupt nicht. Nach fünf Spielen verletzte sich Kasalo so schwer, dass er einige Monate ausfiel. Während die Presse über den Millionen-Fehleinkauf herzog, pendelte Kasalo zwischen Reha-Klinik und Einkaufspassage. Er fuhr jedoch ohne gültigen Führerschein, und als die Polizei Kasalo zum dritten Mal erwischt hatte, musste er 25.300 Mark Strafe zahlen. Zudem bekam er eine einjährige Bewährungsstrafe.

Also ging es zu Fuß durch die fremde Stadt, in Diskotheken und Bars. Wenn ihn Frauen ansprachen, zeigte er ihnen seine Uhren und seine Schuhe, und wenn Journalisten nach einem Interview fragten, sagte er: "Natürlich, mein Freund!", und lederte los. Einmal erzählte er, dass es für ihn keine Ehre sei, bei der WM 1990 für Jugoslawien zu spielen. Nationaltrainer Ivica Osim strich ihn prompt aus dem Kader. Ein anderes Mal fragte ihn ein Radiomoderator, ob er sich als Jugoslawe fühle. Kasalo antwortete, dass er einen jugoslawischen Pass habe, doch im Herzen ein Kroate sei. Kurz darauf lernte er ein paar Männer kennen. "Vlado, wir sind Kroaten, so wie du", sagten sie, und Kasalo ging mit ihnen.

Nach zwei Eigentoren wurde Kasalo zum "Jugo-Betrugo"

Kasalo fand sich bald in einer Halbwelt aus verrauchten und schlecht beleuchteten Hinterzimmern wieder. Einer wieder mal filmreifen Kulisse, in der Männer mittleren Alters in Schuppen mit Namen wie "Tropicana" oder "Monte Carlo" ihre letzten Geldreserven in Automaten steckten und wieder mal vergeblich auf die drei Kirschen warteten. Als er einmal mit einem Verband an der Hand auf der Geschäftsstelle erschien, fragte ihn sein Trainer Hermann Gerland, was passiert sei. "Bin die Treppe runtergefallen!", antwortete Kasalo. In Wahrheit hatte er sich geprügelt, im "Tropicana" oder im "Monte Carlo", so genau erinnert er sich nicht mehr. Er weiß nur, dass ihm mal wieder jemand dumm gekommen war.

Die ganz große Scheiße begann am 16. März 1991, als Vlado Kasalo gegen den VfB Stuttgart ein Eigentor köpfte. Zwar bezeichnete ihn der "Kicker" da noch als den "Herrn der Lüfte" und gab ihm die Note 2, doch weil Kasalo eine Woche später beim Karlsruher SC wieder ins eigene Tor traf, kursierten nach dem Spiel Gerüchte. Es hieß, Kasalo habe die Eigentore erzielt, um seine Schulden bei der kroatischen Wettmafia zu zahlen. "Wenn das Absicht war, kann er im Zirkus auftreten", sagte Otto Rehhagel damals. Tatsächlich war das zweite Eigentor akrobatisch: Kasalo setzte den Ball mit dem Hinterkopf in den Winkel.

Es dauerte keine Woche, bis sich in der Presse alles vermischte, was man bislang über den Jugoslawen zu wissen glaubte: die dicken Autos, die verrauchten Casinos, die schönen Frauen, die langen Haare, das viele Bargeld. Am Ende stand das Klischee: Jugo-Betrugo. Nachdem die Polizisten Kasalo am 5. April 1991 wegen des Verdachts auf Spielmanipulation aus dem Casino gezerrt hatten, entzog der DFB ihm seine Spielerlizenz, der FCN suspendierte ihn, und weil Fluchtgefahr bestand, musste er seinen Reisepass abgeben und sich jeden Tag auf der Polizeiwache melden.

"In den kroatischen Cafés war er geachtet und gefürchtet"

"Führerschein? Okay, scheiße! Glücksspiel? Ja, auch das, scheiße! Aber Wettmafia? Niemals!", sagt Kasalo. Die Anklage stützte sich auf den Hinweis eines Taxifahrers. Dieser hatte nach der Niederlage gegen den KSC zwei Gäste gefahren, die sich über die Eigentore freuten. Sie sollen zuvor Geld auf eine Nürnberger Niederlage gesetzt haben. "Die Anklage wurde fallengelassen, weil es keinerlei Beweise gab", sagt Kasalos damaliger Anwalt Matthias Prinz heute.

"Ich bin vermutlich der einzige Fußballprofi, der nichts hatte, als er aus dem Westen heimkehrte", sagt Kasalo. Er verließ Deutschland 1991 mit 50.000 Mark Schulden. Weil in Kroatien gerade Krieg herrschte, schnappte sich Kasalo eine Waffe und patrouillierte als Soldat durch die Stadt. Doch im Sommer 1992 kam der Anruf von Josip Kuze. "Vlado, mein Freund, ich brauche dich hier!", sagte der Trainer, der kurz zuvor bei Mainz 05 angefangen hatte. Und auf einmal war Kasalo wieder da. "Schon seine Sonnenbrille war teurer als alles andere in der Kabine", sagt sein ehemaliger Mitspieler Guido Schäfer. Zudem gerieten die ersten Trainingseinheiten zur Tortur, denn Kasalo, eben noch Soldat, machte nach zwei Runden schlapp und schlief manchmal auf der Massagebank ein.

Dennoch spielte er bald richtig gut, zudem fand er mit Schäfer einen Verbündeten. An den Abenden nahm Kasalo seinen neuen Freund mit in eine Welt, die dieser bis dahin nicht kannte. "In den kroatischen Cafés war er geachtet und gefürchtet", sagt Schäfer: "Ich habe ihn nie darauf angesprochen, doch es war klar, dass Vlado Kontakte in Kreise hatte, die wir anderen vielleicht nur aus dem Kino kannten." Als einmal bei einem Auswärtsspiel bei Tennis Borussia Berlin in die Kabine eingebrochen wurde, fragte Kuze, ob jemand etwas vermisse. Kasalo meldete sich: "Ja, Trainer, 25.000 Mark sind weg."

Wegen Waffenbesitzes für ein Jahr ins Gefängnis

Doch in Mainz verzieh man ihm das wilde Leben, weil Kuze große Stücke auf seinen Landsmann hielt und die restlichen Spieler den Kroaten wegen seiner Leistung respektierten. Manchmal kam ein guter Freund Kasalos beim Training vorbei und tunnelte Holger Greilich oder schoss Stephan Kuhnert mit ins Tor. Als der Mainzer Jürgen Klopp fragte, ob der Unbekannte auch Fußballprofi sei, antwortete Kasalo: "Das ist mein Kumpel aus Zagreb, er ist gerade nach Sevilla gewechselt. Merk dir seinen Namen: Davor Suker!"

Eigentlich hätte es immer so weiter gehen können. Doch eines Nachts, im Frühjahr 1994 riss Kasalo einen Koffer aus dem Schrank und packte seine Sachen. Er setzte sich ins Auto und fuhr gen Südosten, immer weiter, bis er in Zagreb ankam. Ein paar Tage später erreichte Kuze ihn am Telefon. "Wo bist du?" - "Zagreb!" - "Warum?" - "Keine Lust mehr!" - "Komm bitte zurück!" - "Nein!" Kuze bot ihm noch an, mit nach Japan zu gehen, für die schnelle Million in einer Liga, wo Kasalo wieder mal einer der Superstars gewesen wäre. Doch auch das Angebot lehnte Kasalo ab.

Warum er abgehauen ist, kann er bis heute nicht erklären. Zurück in Kroatien wurde er Sportdirektor bei Dinamo, doch kurze Zeit später ging wieder einiges schief. Er bekam Geldprobleme und war kein König mehr. Eines Tages wurde er wegen Waffenbesitzes verhaftet. Kasalo musste für ein Jahr ins Gefängnis. "Wäre ich bloß nach Japan gegangen", sagt Kasalo heute. "Dann wäre das nicht auch noch passiert." Neulich hätte er beinahe im Euro-Lotto gewonnen, sagt Kasalo. Es fehlte nur eine Zahl, dann wäre er Multimillionär gewesen. Es fehlte nur eine verdammte Zahl, doch sie kam nicht. Alles scheiße, mein Freund.

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