140-Kilo-Keeper Foulke Der Berg vor dem Tor

Oliver Kahn ist beileibe kein Hemd - doch gegen einen wie Torhüter William Henry Foulke sähe er aus wie ein Schmalhans: Foulkes Fäuste ließen Torlatten brechen, er tunkte Gegner in den Schlamm und setzte sich auf sie, wenn sie ihn ärgerten.
Von Robert Hill

Schließlich verzweifelt der Elfmeterschütze des Burton Albion FC. Zwei Elfmeter hat er platziert geschossen, beide Strafstöße hat der Torhüter pariert. Auf Vorhaltungen seiner Mitspieler, er hätte schon ein wenig genauer schießen können, entgegnet der Schütze: "Wohin hätte ich schießen können? Da war überall er!". Er. Sein bürgerlicher Name William Henry Foulke, sein Spitzname in ganzen Land "Fatty". Und diesen trug er nicht ohne Grund - Foulke wog zu Spitzenzeiten 140 Kilogramm bei einer Größe von 1,88 Meter. Foulkes Geschichte ist eine aus der Frühzeit des Fußballs. Als die Regeln noch biegsam waren und auf dem Spielfeld nicht nur austrainierte Athleten gegen den Ball traten.

Die Geschichte beginnt in Dawley im Distrikt Shropshire, dort wird am 12. April 1874 William Foulke geboren, nach seinem Tod wird er zu "Foulkes". Bereits mit 18 Jahren wiegt er über 110 Kilogramm. Zunächst sucht sich Foulke einen Sport, der ihn nicht zu allzu viel Bewegung zwingt, seine Wahl fällt auf Cricket. Er bestreitet vier Erstligaspiele für Derbyshire, dann kehrt er dem Cricket den Rücken. Fußball ist seine neue Leidenschaft. Und weil er nicht zu viel laufen will, entscheidet er sich für das Tor.

So erregt Foulke einiges Aufsehen, als er 1894 sein erstes Match für Sheffield United bestreitet. So etwas hat man noch nicht gesehen, es staunen die Zuschauer und die Gegenspieler, denn trotz seiner beachtlichen Leibesfülle ist der 19-Jährige geschwind auf den Beinen, fängt souverän die Flanken ab und taucht bei Flachschüssen behände ins Eck. "Beweglich wie eine Katze", schreiben die Gazetten.

Es dauert nicht lange und der korpulente Torhüter ist Stammspieler bei United. Seine Figur ist dabei kein Hindernis. Um die Jahrhundertwende leben Fußballtorhüter noch wild und gefährlich. Sie dürfen den Ball überall in der eigenen Hälfte in die Hand nehmen, dürfen aber auch überall niedergerungen werden, mit oder ohne Ball. Und von Schutzbestimmungen im Fünfer ist noch keine Rede. Nicht selten müssen sich Torhüter mit Tritten und Stößen gegen die gegnerische Sturmreihe wehren. Besonders hoch her geht es im Strafraum. Vor der Torlinie wird gerempelt und gestoßen, und wenn im Getümmel der Keeper samt Ball in sein Tor bugsiert wird, kommen nur wenige Schiedsrichter auf die Idee, dies als Unsportlichkeit zu ahnden.

In diesem Getümmel behauptet sich Foulke wie kein Zweiter. Ihn über die Torlinie zu stoßen, erweist sich für die weitaus schmächtigeren Stürmer als vergebliches Unterfangen. Manch Angreifer landet nach einem Infight mit Foulke im Schlamm, andere Stürmer schleichen mit Blessuren davon. In der Hitze des Gefechts greift Foulke sogar mitunter nach den Beinen der Stürmer, hebt die Spieler an den Knöcheln in die Luft und tunkt diese mit dem Kopf in den Morast. Auch das Material leidet, manche Torlatte zerbirst unter Foulkes mächtigen Fauststößen, die Spiele müssen abgebrochen werden.

Der Erfolg ist zunächst ein steter Begleiter Foulkes. Zweimal gewinnt er den FA Cup mit United, einmal wird Sheffield Meister. Der Koloss im Kasten ist maßgeblich an den Triumphen beteiligt. Das macht ihn immun gegen den Spott, den er in nahezu jedem Spiel von gegnerischen Spielern zu hören bekommt. Foulke reagiert auf seine Art. Mitunter schnappt er sich Spieler, die es zu arg mit ihm getrieben haben, wirft sie zu Boden und setzt sich auf sie - bis sie sich entschuldigt haben. Kein gutes Rezept allerdings, um die Zuschauer auf den Rängen verstummen zu lassen. Die singen jedes Mal, wenn der vollschlanke Keeper das Spielfeld betritt: "Wer hat den ganzen Kuchen aufgegessen?".

Großer Hunger schon beim Frühstück

Foulke begegnete den Anfeindungen mit Humor: "Mir egal, wie sie mich rufen. Hauptsache, sie rufen mich nicht zu spät zum Lunch." Eine launige Bemerkung mit Hintergrund. Überliefert ist jene Geschichte vom Pokalspiel, auf das sich die Mannschaft mit einem gemeinschaftlichen Frühstück einstimmen will. Doch als die ersten Spieler im Clubhaus eintreffen, staunen sie nicht schlecht. Ein früher Gast hat bereits ordentlich zugelangt und alle elf Frühstücksteller leer gefuttert. Mit 26 Jahren bringt Foulke, der in seiner Karriere ein Länderspiel bestritt, rund 125 Kilogramm auf die Waage.

Um 1900 ist der Fußball bereits auf dem Weg zum Volkssport Nummer eins in England. Der größte Andrang herrscht dort, wo der erfolgreichste Fußball gespielt wird. Ein entscheidendes Spiel gegen Tottenham Hotspur sehen in Sheffield 114.815 Zuschauer - Weltrekord. Und so nimmt es nicht Wunder, dass die großen Vereine beginnen, sich die besten Spieler gegenseitig abzujagen. Einer der Spieler, die ein verlockendes Angebot bekommen, ist Foulke. Der FC Chelsea aus London ist bereit, stolze 20 Pfund Ablöse für den populären Keeper zu zahlen. Das Angebot lässt Foulke zweifeln, denn Sheffield United ist sein Heimatverein. Zudem bietet ihm Chelsea eine Menge Geld. Schließlich entschließt sich Foulke zum Wechsel - und bereut es nicht: Er avanciert auch beim reichen Londoner Club zum Publikumsliebling.

Bei Chelsea will man man den gewaltigen Leibesumfang des Goalies gewinnbringend einsetzen und probiert zahlreiche psychologische Finten, um den Gegner zu verunsichern. So macht sich Chelseas Manager John Tait Robertson, ein früherer Spieler, die Tatsache zunutze, dass an der Stamford Bridge die ersten Balljungen im englischen Fußball arbeiten. Fortan versammeln sich, auf Befehl des Managers, die unterernährtesten, schmächtigsten Ballholer hinter Foulkes Tor, die halben Hemden sollen den massigen Keeper noch beeindruckender wirken lassen. Außerdem wird auch der kleinste Spieler des Clubs, der dürre Flügelmann Moran, abkommandiert, beim Einlaufen immer direkt hinter Foulke zu laufen. Des Eindrucks wegen.

Bettlaken als Trikot

Das Publikum liebt den Keeper ("Man Mountain") nicht vornehmlich wegen seiner körperlichen Gestalt. Beliebt macht sich Foulke auf den Rängen vor allem durch seine Fähigkeit, den Ball per Abstoß bis in die gegnerische Hälfte zu schlagen. Das sieht man zu dieser Zeit selten, und so wird jeder Abschlag, der die Mittellinie überquert, mit Applaus bedacht. So populär ist Foulke schließlich, dass er zum Mannschaftsführer ernannt wird, zum ersten Kapitän überhaupt in der Geschichte Chelseas. Er absolviert 35 Partien für die Londoner, nach nur einer Saison wechselt er zu Bradford FC.

In Bradford sorgt die stetig wachsende Leibesfülle allerdings für das eine oder andere logistische Problem. Beim Spiel gegen Accrington Stanley am 7. Februar 1907 herrscht vor dem Anpfiff Aufregung, denn Foulkes rotes Jersey sieht den Trikots der Gäste zum Verwechseln ähnlich. Das Problem: Es ist kein andersfarbiges Hemd aufzutreiben, in das Foulke hineinpassen würde. Man fragt die Zuschauer, den Platzwart, die Spieler. Am Ende spielt er eingehüllt in ein Bettlaken, das ein Anwohner des Stadions freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Der Aufwand lohnt sich: Bradford gewinnt 1:0, Foulke kann dem Anwohner nach dem Spiel sein Laken zurückgeben. Er hat sich mit Bedacht nicht zu Boden geschmissen, das Tuch ist unbefleckt.

Die Geschichte des William Henry Foulke geht nicht gut aus. Wie so viele Fußballer der frühen Zeit kommt er nicht zurecht mit dem Leben jenseits der Linien. Zu sehr hat er sich in den aktiven Jahren auf den Fußball konzentriert, hat den Schulterklopfern vertraut, die ihm versichert haben, es werde für ihn gesorgt. Er findet keine Arbeit, er verarmt, in seinen letzten Jahren verdient sich Foulke in Blackpool Sands ein paar Pennys dazu, als Kirmesfigur in einer "Schlag den Torhüter"-Belustigung. Am 1. Mai 1916, im Alter von nur 42 Jahren, stirbt Foulke in einem privaten Pflegeheim in Sheffield.

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