1860 München nach dem Abstieg Apokalypse blau
Spieler von 1860 München
Foto: Andreas Gebert/ dpaMan hätte auch in Anstand und Würde absteigen können. Oder zumindest, nachdem randalierende Fans das Relegationsrückspiel mit Ausschreitungen zum bundesweit übertragenen Trauerspiel gemacht hatten, danach in Anstand und Würde absteigen. Geht hier aber nicht. Es handelt sich ja um den TSV 1860 München.
Denn auch nach dem Abstieg gibt es Aufregung, und die neuen Turbulenzen bedrohen den Klub noch wesentlich stärker als fliegende Sitzschalen. Denn ob die Löwen überhaupt in der dritten Liga antreten dürfen, in die sie sportlich gerade abgestiegen sind, ist noch gar nicht sicher. Ob Sechzig die Lizenz bekommt, hängt nämlich von Investor Hasan Ismaik ab.
Bei insgesamt zwölf Profis laufen die Verträge aus, für die - falls überhaupt - dritte Liga wird mit Sicherheit keiner verlängern. Zudem mussten die Spieler zunächst auf ihr Geld warten. Wie der SPIEGEL erfuhr, waren Ende Mai zum üblichen Stichtag, dem 28. eines Monats, keine Gehälter auf die Konten zahlreicher Spieler überwiesen worden. In einer Erklärung teilte der Verein vier Tage später mit: "Alle Spieler, Trainer und Mitarbeiter wurden entsprechend aller vertraglichen Verpflichtungen für den Monat Mai 2017 normal bezahlt."
1860 München: Große Vergangenheit, schwierige Gegenwart
Der 2. Juni ist in Sachen Lizenzzahlung ein wichtiger Stichtag, und da geht es um weit mehr Geld. Bis 15.30 Uhr benötigt der TSV 1860 dem Vernehmen nach weitere elf Millionen Euro, um vom DFB die Drittliga-Lizenz zu erhalten. Ein Betrag, den nur Ismaik aufbringen kann. Aber wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet , soll der Investor für die Zahlung Gegenleistungen gefordert haben, die der Verein beim besten Willen nicht erfüllen kann.
Demnach forderte Ismaik vor einer Woche über seinen Anwalt Präsident Cassalette auf, das Weisungsrecht des e.V. an den Geschäftsführer der Fußball-Profi-KGaA abzuschaffen - was ein Verstoß gegen die 50+1-Statuten der DFL wäre, nach denen auch bei Investoren-Engagements wie hier die finale Entscheidungshoheit nur beim Verein liegen darf. Ismaik hatte die Abschaffung des Weisungsrechts seit seinem Einstieg 2011 immer wieder gefordert - und war jedes Mal gescheitert.
Am Donnerstagmittag reagierte der Verein und ging erstmals deutlich auf Distanz zum Investor. In einem Schreiben an die Vereinsmitglieder bestätigten die Vizepräsidenten Heinz Schmidt und Hans Sitzberger: "Hasan Ismaik hat sein finanzielles Engagement (...) an Forderungen geknüpft, die der Verein aus rechtlichen und organisatorischen Gründen nicht erfüllen kann. Entsprechende Stellungnahmen des Ligaverbands stützen unsere Einschätzung. Die Verantwortlichen prüfen derzeit alle denkbaren Handlungsoptionen für den Bereich des Profifußballs und befinden sich dazu in engem Austausch mit den klubinternen Gremien und Verbänden." Heißt: Der Verein erwägt auch eine Zukunft ohne Hasan Ismaik.
Lieber einen Neuanfang ohne Ismaik?
Eine Option wäre dann, lieber nach einer Insolvenz in der vierten Liga einen Neuanfang zu wagen, als in Liga drei weiter den Launen Ismaiks ausgeliefert zu sein.
DFB-Vizepräsident Rainer Koch, der Präsident des Bayerischen Fußballverbands, erklärte bereits, dass man "gegebenenfalls einen Platz für eine 19. Mannschaft in der Regionalliga" hätte. Oder dann doch noch weiter unten? "Juristisch ist das alles höchst kompliziert", sagte Koch am Donnerstag zum SPIEGEL, "wir müssen erst einmal den morgigen Freitag abwarten, dann sehen wir weiter."
Ismaik selbst stellt den Konflikt ganz anders dar. In einer ausführlichen Stellungnahme schreibt der Investor, dass der Verein mit seinen Forderungen grundsätzlich einverstanden sei: "Es gibt keinerlei Kontroverse über unsere Wünsche, geschweige denn einen Erpressungsversuch." Auch die DFL sehe "die meisten unserer Vorschläge" im Einklang mit der 50+-1-Regel. Wessen Darstellung am Ende maßgeblich sein wird, muss sich zeigen.
Zeigen wird sich auch, wer im Löwenstüberl Nachfolger von Vereinswirtin Christl Estermann wird. Am Donnerstag war die Stimmung wehmütig. Über dem Stammtisch, von dem aus einst der koffeinaffine Werner Lorant immer "Christl, Expresso" knurrte, hingen Bilder der Meisterlöwen von 1966, vom Zigarre paffenden Karl-Heinz Wildmoser sowie ein Schal mit der Aufschrift: "Für die Zukunft der Löwen."
Selten war die Zukunft so ungewiss wie jetzt. Gewiss ist nur, dass Estermann am 27. Juni 74 wird und noch einmal ein rauschendes Geburtstagsfest gibt, mit Spanferkel am Grill, bevor sie ihren Job nach 23 Jahren an den Nagel hängt. Es wird sich anfühlen wie das Ende einer langen Geschichte.