Unruhe bei Drittligist 1860 München Die tiefen Gräben von Giesing

"Verfolgungswahn", "vulgäre Verschwörungstheorien": Durch den Rücktritt von Trainer Bierofka wird der Tonfall bei 1860 München ruppiger. Vor dem Derby gegen Bayern durchlebt der Klub einmal mehr turbulente Zeiten.
Rausgemobbt? Nach dem Rücktritt von Daniel Bierofka als 1860-Trainer werden Vorwürfe laut

Rausgemobbt? Nach dem Rücktritt von Daniel Bierofka als 1860-Trainer werden Vorwürfe laut

Foto: Matthias Balk/ DPA

Sonntag, 14 Uhr, TSV 1860 gegen FC Bayern II, Derbyzeit in München-Giesing. Der Löwen-Anhang fiebert dem Drittliga-Stadtduell genauso entgegen wie Michael Köllner seinem Debüt als Trainer beim Traditionsklub. Doch gerade vor dem Spiel des Jahres herrscht wieder einmal Unruhe im Verein. Dank neuer Turbulenzen, die die tiefen Gräben im Klub offenlegen.

Dabei schien sich die Lage beim Deutschen Meister von 1966 allmählich zu beruhigen. Nach zahlreichen internen Scharmützeln vergangener Jahre und dem Zwangsabstieg in die Regionalliga 2017 war der Klub auf einem guten, soliden Kurs. Mit Cheftrainer Daniel Bierofka gelang 2018 der Aufstieg in die 3. Liga, man hielt die Klasse, startete ordentlich in die aktuelle Saison.

Doch dann kam der 5. November- Bierofka warf hin und verließ unter Tränen das Trainingsgelände an der Grünwalder Straße. In einer WhatsApp-Nachricht an einen Münchner Journalisten schrieb er: "Ich kann nicht mehr zurück." Was war geschehen?

Mag Bierofka zur Zeit nicht mehr öffentlich sprechen, tun es dafür Menschen aus seinem Umfeld. Dass Bierofka von Präsidium und Geschäftsführung "gemobbt" worden sei, hört man, und: "Die haben dem Daniel das Messer in den Rücken gerammt."

Ausschlaggebend für den Rücktritt seien zwei Punkte gewesen. Zunächst eine Mitteilung des Präsidiums, in der die Klubspitze im September unter der Überschrift "Häufig gestellte Fragen zum Profifußball" unter Punkt 15 schrieb: "Was ist, wenn Daniel Bierofka keine Lust mehr auf das Traineramt hat?" In der Antwort stand unter anderem: "Der TSV 1860 hat vor Daniel Bierofka existiert und er wird es nach ihm tun." Zudem war zu lesen, Bierofka habe einen "für die Verhältnisse in der 3. Liga gut dotierten Vertrag."

Ein "Maulwurf" aus der Führungsriege?

Dass sein Gehalt thematisiert wurde, schon das habe den Daniel erbost, sagen Bierofka-Vertraute dem SPIEGEL. Den finalen Auslöser zum Rücktritt aber gab ein Bericht im "kicker", nach dem die Mannschaft mit dem Trainer unzufrieden und von seinen taktischen Fähigkeiten nicht überzeugt sei. "Zu 1000 Prozent kam der Maulwurf nicht aus der Mannschaft", heißt es, "das kam gezielt von ganz oben. Das hat ihm den Rest gegeben."

Aber warum? Welches Interesse sollte die Klubführung haben, Bierofka loszuwerden? Weil er zu teuer gewesen sein soll, das hört man genauso wie Vermutungen, er habe dem Investor Hasan Ismaik zu nah gestanden, der mit dem Präsidium im Dauerclinch lag. Soweit die Ansichten der einen Seite.

Investor Hasan Ismaik gilt als exzentrisch - und als Bierofka-Befürworter

Investor Hasan Ismaik gilt als exzentrisch - und als Bierofka-Befürworter

Foto: Andreas Gebert/ DPA

Natürlich gibt es aber auch die andere Sicht, abgesehen von Stimmen im Verein, die sagen, Bierofka sei zu sensibel gewesen. Offiziell äußerte sich Präsident Robert Reisinger am Donnerstag in einer schriftlichen Stellungnahme auf einen Fragenkatalog des SPIEGEL. Reisinger wehrt sich darin gegen Anschuldigungen des Mobbings: "Durch das Präsidium wurde und wird kein Mitarbeiter gemobbt oder diskreditiert." Und: "Der Begriff tauchte nach dem Rücktritt Bierofkas erstmalig in einem Blog auf, das als inoffizielles Sprachrohr unseres Mitgesellschafters dient." Eine Anspielung auf die Facebook-Seite von Hasan Ismaik.

Zu den Vorwürfen, Bierofkas Gehalt vermeintlich grundlos ins Spiel gebracht zu haben, verweist Reisinger auf den ergänzenden Satz in seiner damaligen Erklärung: "Der TSV 1860 schätzt Bierofkas Engagement und weiß es zu honorieren". Reisingers Schlussfolgerung: "Daraus lässt sich keine Geringschätzung ableiten. Das Gegenteil ist der Fall." Und auch zum kicker-Bericht meinte der Präsident, er könne "hundertprozentig ausschließen, dass das Präsidium mit dem Autor des Artikels in Kontakt stand."

Und Geschäftsführer Günter Gorenzel? Der sagte am Freitag auf SPIEGEL-Nachfrage: "Ich habe mich immer vor Daniel gestellt. Ich war bis zuletzt von seiner Arbeit vollkommen überzeugt. Der Rücktritt war seine persönliche Entscheidung, die zu respektieren ist."

Kein Frieden unter Ismaik

Aber wie soll es im Klub überhaupt weitergehen, zusammen mit Hasan Ismaik, der immer wieder Breitseiten gegen die Klubführung fährt, der seit seinem Einstieg 2011 dem Vernehmen nach schon mehr als 70 Millionen Euro in den Klub gesteckt haben soll, der immer noch auf die Abschaffung der 50+1-Regel hofft und von den Löwen in der Champions League träumt. Eine Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht, Ismaik denkt gar nicht daran, seine Anteile zu verkaufen und den Weg frei zu machen für einen neuen Investor wie etwa den seit Langem interessierten Münchner Unternehmer Gerhard Mey.

Auf die Frage, ob er glaube, dass unter Ismaik noch Ruhe einkehre im Klub, erwidert Reisinger: "Im Moment fällt mir diese Vorstellung tatsächlich schwer. Aber Wunder geschehen bekanntlich immer wieder." Dass man auf dieses Wunder freilich lange warten kann, und wie groß überhaupt das Zerwürfnis ist, das zeigt allein die Wortwahl in folgendem Kontext:

Erst am Dienstag attestierte Ismaik Reisinger in einem Interview "Verfolgungswahn". Reisingers schriftliche Replik gegenüber dem SPIEGEL: "Wenn der Vorwurf von jemandem erhoben wird, der über verschiedene Kanäle vulgäre Verschwörungstheorien verbreitet, entbehrt das nicht einer gewissen Komik." Nur zum Lachen ist bei Sechzig gerade kaum noch jemand.

Robert Reisinger, Präsident der Löwen, liegt mit Ismaik im Clinch

Robert Reisinger, Präsident der Löwen, liegt mit Ismaik im Clinch

Foto: imago images

Ach ja, und sportlich? Reisinger hofft, den Klub in spätestens fünf Jahren wieder in der 2. Liga zu sehen. Erst einmal muss Sechzig dafür aber die Klasse halten, ein Abstieg in die Viertklassigkeit wäre ein Fiasko. Dann wäre 1860 im Fußball erstmals wohl nur noch die Nummer 5 im Münchner S-Bahn-Bereich, hinter den beiden Bayerns, der SpVgg Unterhaching und dem designierten Drittliga-Aufsteiger und Regionalliga-Spitzenreiter Türkgücü München.

So taumelt Sechzig zwischen Zukunftsträumen und Absturzängsten, in der Hoffnung, endlich die tiefen Gräben zuzuschütten. Im Moment scheinen sie unüberbrückbar.

Daniel Bierofka will nach seiner Auszeit wieder in den Fußball zurückkehren, bald in anderen Klubs bei Trainern hospitieren. Irgendwo wird er sicher wieder unterkommen. In der berechtigten Hoffnung, dass es bei seinem nächsten Klub ruhiger zugeht.

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