1860 vor dem Stadtderby gegen Bayern Spielstarke Mannschaft, ohnmächtige Führung

Der TSV 1860 München hat noch Chancen auf den Aufstieg in die zweite Liga. Doch selbst wenn das Derby gegen den FC Bayern II gewonnen wird: Wirtschaftlich steht der Klub wieder einmal vor einer unsicheren Zukunft.
Von Florian Kinast, München
Die 1860-Spieler Phillipp Steinhart (l.) und Stefan Lex, dahinter Torjäger Sascha Mölders

Die 1860-Spieler Phillipp Steinhart (l.) und Stefan Lex, dahinter Torjäger Sascha Mölders

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Markus Fischer/ imago images/Passion2Press

Das Stadion an der Grünwalder Straße erlebt am Abend eine Premiere. Am Schauplatz mitreißender Fußball-Europapokal-Partien wird das erste Geisterderby der Münchner Stadtgeschichte ausgetragen, zwischen der Reserve des FC Bayern und dem TSV 1860, in der 3. Liga. In diesem Spiel steckt viel Brisanz, denn während Bayern (vor diesem Spieltag Tabellenführer) nicht aufsteigen darf, hoffen die Löwen vier Spieltage vor Schluss noch auf eine Rückkehr in den Aufstiegskampf.

So unklar es im Moment noch ist, in welcher Liga 1860 nächstes Jahr spielen wird, so ungewiss ist es auch, wie es mit dem Deutschen Meister von 1966 überhaupt weitergeht: Denn der seit Jahren von Krisen gebeutelte Klub steht einmal mehr vor einer ungeklärten Zukunft. Und schuld daran ist nicht nur Corona. 

14 Spiele ohne Niederlage, dann kam die Krise

Zum Sportlichen: Vier Spieltage vor Schluss liegt der Klub fünf Punkte und vier Plätze hinter dem vierten Rang, der zur Relegation berechtigen könnte - sollten die als Tabellenführer in den Spieltag gegangenen Bayern sich unter den ersten drei Plätzen halten. Ein Sieg gegen den formstarken Lokalrivalen, dann am Samstag ein Erfolg im nächsten Derby gegen die SpVgg Unterhaching, und 1860 könnte, bei entsprechenden Ergebnissen der Konkurrenz, weiter hoffen.

Dass die Löwen überhaupt noch vom Aufstieg träumen dürfen, ist vor allem ein Verdienst von Michael Köllner, der nach dem Rauswurf von Daniel Bierofka im November beim 1:1 im Hinspiel gegen Bayern seinen Einstand als Trainer gab. Mit 14 Spielen ohne Niederlage führte Köllner das Team zwischenzeitlich von Platz zwölf auf den Relegationsrang. Es folgten drei Niederlagen in den vergangenen fünf Spielen, und doch nahm die Mannschaft unter Köllner eine bemerkenswerte Entwicklung. Früheres Attackieren, mehr Ballbesitz, mehr Dominanz. "Wir sind mittlerweile sicher eine der spielstärksten Mannschaften der 3. Liga", sagt Köllner dem SPIEGEL.

1860-Trainer Michael Köllner

1860-Trainer Michael Köllner

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Der 50-Jährige gilt - was diesem Verein mit seinem oft sehr aufgeheizten Innenleben auch ganz guttut - als Pragmatiker und als nüchterner Analytiker. "Ich hatte den Aufstieg nie auf der Agenda", sagt er, "aber natürlich ist es besser, wenn wir den Fans zu Träumen verhelfen konnten. Besser, als wenn es Albträume wären." Die hatte der Löwen-Anhang zuletzt schließlich schon zur Genüge zu durchleben.

Stillstand bei den Gesellschaftern

Doch mag die sportliche Entwicklung positiv sein, wirtschaftlich sieht es anders aus. Selbst wenn zuletzt die sonst gern öffentlich ausgetragenen Scharmützel auf Führungsebene ausblieben: Der Klub steckt weiter in einem großen Dilemma, der zu einer gewissen Ohnmacht führt. Es geht um den Machtkampf zwischen den beiden unversöhnlichen Gesellschaftern der ausgegliederten Fußballabteilung: Robert Reisinger, Präsident des Vereins TSV 1860, und Investor Hasan Ismaik.

Seit Jahren herrscht zwischen den beiden polarisierenden Figuren des Klubs Funkstille. Die beiden blockieren sich, was eine langfristige und konstruktive Planung unmöglich macht, wie nun an der Perspektive beim Kader zu sehen ist: 13 Verträge laufen nun, was schon vor der Coronakrise bekannt war, am Saisonende aus - 13 Spieler also, die nicht wissen, wie es danach bei ihnen weitergeht.

Das Problem: Vertragsverlängerungen oder gar Neuverpflichtungen wären vor der Pandemie noch möglich gewesen. Derzeit aber sind sie es nicht, weil dem verschuldeten Klub die dafür notwendige unternehmerische positive Fortführungsprognose fehlt. Es ist nicht abzusehen, wann in der kommenden Saison wieder Zuschauer ins Grünwalder Stadion dürfen.

Voraussetzung für eine positive Fortführungsprognose - und damit auch für die Ausstellung neuer Verträge - wäre frisches Kapital. Dafür gäbe es in der Theorie drei Szenarien:

  • der Einstieg eines dritten Gesellschafters

  • das Sponsoring durch den Investor

  • ein Darlehen. Dafür müssten jedoch als Sicherheit die Gebäude am Klubgelände, die im Besitz der ausgegliederten Fußballgesellschaft sind, dem Hauptsponsor überlassen werden.

Da das Grundstück des Vereinsgeländes aber der Stadt München gehört, ist noch unklar, ob die Kommune einem solchen Deal zustimmen würde. Kurzum, es ist dann doch wie so oft bei den Löwen: sehr unübersichtlich.

Zwei Abgänge stehen bereits fest: Offensivtalent Noel Niemann wechselt zu Bundesligaaufsteiger Arminia Bielefeld, Mittelfeldstütze Efkan Bekiroglu zu Alanyaspor in die Türkei. Der Sprung in die zweite Liga wäre finanziell eminent wichtig. Nach SPIEGEL-Informationen würde 1860 statt der bisherigen 1,4 Millionen Euro an TV-Geldern das Zehnfache, also rund 14 Millionen bekommen.

Mit der Frage nach dem Aufstieg konfrontiert, zitierte Köllner kürzlich den großen Münchner Komiker Karl Valentin: "Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Umso mehr, wenn es 1860 München betrifft.

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