1860 München Absturz eines Arbeitervereins

"Bei 1860 München zählen nur Emotionen, keine Strategien": Dem einstigen Arbeiterverein droht der Abstieg aus der zweiten Liga. Weil das Geld fehlte, gab der Klub jahrelang seine Talente ab. Zum Verhängnis wurden ihm aber ausgerechnet Investoren-Millionen.

Von Christoph Leischwitz, München


Die Antwort, warum dem TSV 1860 München der Abstieg aus der zweiten Liga droht, heißt: Lars Bender. Und Sven Bender. Christian Träsch. Kevin Volland, Daniel Baier, Timo Gebhart. Peniel Mlapa, Moritz Leitner, Marcel Schäfer, Fabian Johnson. Und Julian Baumgartlinger, José Holebas und Tobias Strobl. Alle diese Spieler hat 1860 in den vergangenen Jahren verkauft. Es wäre kein Problem, mit ehemaligen Jugendspielern des Münchner Traditionsvereins eine komplette bundesligataugliche Mannschaft zusammenzustellen.

Dabei war es nicht so, dass die Münchner ihre Talente übersehen hätten. In den meisten Fällen ging es einfach nur um schnelles, manchmal um dringend benötigtes Geld. Der US-Nationalspieler Johnson etwa verließ den Verein 2009 im Alter von 22 Jahren für gerade mal 1,1 Millionen Euro. Und im selben Jahr wechselte Sven Bender für 1,5 Millionen Euro zu Borussia Dortmund.

Dass dem Traditionsklub, gegründet 40 Jahre vor dem Stadtrivalen FC Bayern, wie so vielen anderen ehemaligen Größen im deutschen Fußball zuvor der Abstieg in die Drittklassigkeit droht, hat aber noch viel mehr Gründe. Und wie so oft liegen einige davon weit in der Vergangenheit.

Beim TSV 1860 München herrschen traditionell selten Ruhe oder Konstanz. Machtkämpfe im medialen Haifischbecken München führen dazu, dass die Vereins- wie die sportliche Führung bei den "Sechz'gern" recht oft wechselt. Und nicht selten wird nach einem Wechsel gelästert, die Vorgänger hätten schlechte Verträge ausgehandelt und das Tafelsilber verscherbelt. Deutlich gesagt hat das zum Beispiel Miroslav Stevic, von Februar 2009 bis Juni 2011 sportlicher Leiter.

Fotostrecke

25  Bilder
Abstieg einstiger Bundesligisten: Als Uerdingen noch die Bayern entzauberte
Doch die meisten tun es ihren Vorgängern dann gleich. Ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter im Management des Vereins formulierte es einst so: "Bei 1860 zählen nur Emotionen, keine Strategien. Mit einer langfristigen Strategie kann man hier nichts erreichen."

1860 ist abhängig von Investor Ismaik

Die Probleme der aktuellen Saison sind mit dieser Vorgeschichte eng verwoben. Hinzu kommt, dass 1860 von Hasan Ismaik abhängig ist. Der jordanische Geschäftsmann scheint sich zwar kaum noch für den Verein zu interessieren - das letzte Mal im Stadion gesehen wurde er im vergangenen Dezember - seine Millionen halten aber die aktuelle sportliche Leitung am Leben. Sein Geld wanderte nicht in die traditionell gute Jugendarbeit der Sechziger. Und den eigenen Talenten wurde auch zu Beginn der aktuellen Saison nur selten eine Chance eingeräumt. Stattdessen kaufte der neue Geschäftsführer Sport, Gerhard Poschner, scheinbar willkürlich neue Spieler ein.

Das Ergebnis: Ein Kader ohne Zusammenhalt. Insgesamt kamen 33 Spieler aus zwölf verschiedenen Nationen zum Einsatz. Letzteres ist deshalb wichtig, weil Spieler davon berichten, sich mit einigen neuen Teamkameraden gar nicht unterhalten zu können. "Viele haben gar kein Deutsch gesprochen. So kam es sofort zu einer Cliquenbildung", erzählt einer, der mittlerweile nicht mehr im Kader steht. Recht deutlich unterstellt er damit dem Verein, sich zu wenig um die Integration der neuen Spieler gekümmert zu haben.

Der erste Trainer der Saison, der Holländer Ricardo Moniz, ließ sich vom Aktionismus der Vereinsführung anstecken. Den ganzen Sommer über hatte sich die Mannschaft auf ein offensives 4-3-3-System vorbereitet, Moniz selbst hatte es mit jenem des FC Barcelona verglichen. Am ersten Spieltag, auswärts in Kaiserslautern, eröffnete Moniz den Spielern erst in der Kabine, in einem 4-2-3-1 antreten zu wollen. Einige Spieler fanden sich deshalb auf der Ersatzbank wieder. Der Erfolg hätte Moniz in seiner Umstellung womöglich Recht gegeben - doch 1860 verlor trotz 2:0-Führung und 70 Minuten Überzahl noch 2:3. Von diesem Spiel hat sich die Mannschaft, die eigentlich um den Aufstieg mitspielen sollte, lange nicht erholt.

Im einstigen Arbeiterklub haben zum Saisonende diejenigen mit Malocher-Image die Verantwortung übertragen bekommen. Wie der frühere U21-Trainer Torsten Fröhling, der die Startelf nach eigenem Bekunden vor allem danach aufstellt, wer sich den Allerwertesten aufreißt. Er gibt Spielern wie Torwart Vitus Eicher oder Mittelfeldspieler Korbinian Vollmann eine Chance, jenen, die aus der eigenen Jugend kommen und sich mit dem Verein identifizieren. Das ist für 1860 eigentlich ein plausibler Weg, bislang belohnt mit 18 Punkten aus zwölf Spielen.

Doch es könnte sein, dass der Weg zu spät eingeschlagen wurde.



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
farbraum 24.05.2015
1.
Im deutschen Profi-Fußball läuft schon seit Jahrzehnten einiges falsch. Die meisten Mannschaften sind internationale Retorten-Gruppen, von Tradition oder einer gemeinsamen Herkunft kann keine Rede sein. Wie man sich emotional an solche künstlichen Konstrukte binden kann, die sich meist lediglich im Vereinswappen unterscheiden, das ist mir wirklich ein Rätsel. Armes Deutschland!
peter-stuttgart 24.05.2015
2.
Das wäre sehr bedauerlich, wenn 1860 in die dritte Liga müsste. Es ist immer schade, wenn Traditionsvereine immer unbedeutender werden. Leider ist es ja nicht so, dass 1860 wirtschaftlich nicht in der Lage wäre in der 2. Liga zu bestehen.
experte1305 24.05.2015
3. Diese Tümmertruppe gehört
wirklich in die 3. Liga. Vor jeder Saison völlig überzogene Ansprüche, dann wie immer komplettes Totalversagen! Ähnlich wie die Schalker, völlig lächerlich!
unixv 24.05.2015
4. Absturz eines Arbeitervereins ?!?
ausnahmsweise, mal nicht schuld der SPD! ;-)
LapOfGods 24.05.2015
5. Zählen
Der MSV ist "nur" 6x aus der 1.Liga abgestiegen, nicht 7x wie behauptet: 1982, 1992, 1995, 2000, 2006 & 2008. Und 3 aufgelöste Vereine fehlen ganz: SC Tasmania Berlin (inoffizieller Nachfolger SV Tasmania), VfB Leipzig (als Lok neugegründet), Blau-Weiß 90 Sperlin (Neugründung als SV Blau-Weiß 90). Dazu noch der ausgegliederte SSV Ulm 1846 Fußball. Sie spielen alle in der Oberliga und tiefer.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.