Hoffenheim-Sieg über Bayern So geht das also

Hoffenheim siegt mit mutigem Offensivfußball gegen die Bayern. Doch ob die nun zehn oder 13 Punkte Vorsprung haben, ändert an der Hierarchie im deutschen Fußball nichts.

Aus Sinsheim berichtet


Vier Minuten! Der Vierte Offizielle Guido Kleve zeigte eine Nachspielzeit an, die den meisten der 30.000 Zuschauer in der Sinsheimer Arena deutlich zu hoch vorkam - es hatte schließlich keine längeren Verletzungspausen gegeben. Eines war um 21:45 Uhr Sinsheimer Ortszeit also klar: Wenn jetzt wieder ein Last-Second-Tor für den Rekordmeister fallen würde wie zuletzt beim Gastspiel bei der Hertha, würde es wieder Diskussionen über einen Bayern-Bonus geben. Und tatsächlich kam Robert Lewandowski, der in Berlin in der 96. Minute getroffen hatte, um 21:48 Uhr an den Ball, zog ab ... und verfehlte das Tor um wenige Zentimeter.

Kurz darauf pfiff der hervorragende Schiedsrichter Sascha Stegemann ab, und es wurde richtig laut in der Sinsheimer Arena, wo die Freunde der TSG Hoffenheim einen historischen Sieg feierten: 17 erfolglose Anläufe hat der Klub gebraucht, um im 18. den ersten Sieg über die Bayern zu landen. Bestätigt sehen konnte sich damit auch Trainer Julian Nagelsmann, der die Kaninchen-vor-der-Schlange-Taktik vieler seiner Kollegen ablehnt: "Ich habe Mut gefordert und gesagt: 'Wer mutig ist, wird nicht bestraft.'" Zumal die Bayern 45 Minuten brauchten, bis sich das Erstaunen über den Angriffsschwung der Blauen wieder legte, wie Carlo Ancelotti zugab: "Wir waren etwas überrascht von deren Spielweise."

Das Spiel hätte auch 1:1 ausgehen können, ohne dass es eine schreiende Ungerechtigkeit gewesen wäre - Bayern war die zweite Halbzeit über dominant. Aber das 1:0 für Hoffenheim war insofern ein angemessenes Ergebnis, als die Gastgeber in der ersten Halbzeit stärker waren als die Bayern in der zweiten. Zur Pause hätten sich die Bayern nicht beschweren dürfen, wenn sie mit zwei, drei Toren zurückgelegen wären.

Ulreich schon früh warmgeschossen

Andrej Kramaric, der eine fantastische Partie zeigte, verfehlte das Tor nur knapp, Nadiem Amiri (9.) und Kerim Demirbay (40.) schossen Sven Ulreich warm, der noch bei seinem ersten Einsatz als Neuer-Vertreter, beim 6:0 gegen Augsburg, nichts zu tun gehabt hatte. Gegen Hoffenheim machte er ein paar vielversprechende Chancen zunichte, wenngleich er beim Tor des Tages (21.) nicht glücklich aussah. Dass Ulreich bei Kramarics Schuss übergriff und versuchte, den Ball mit links abzuwehren, war keine gute Idee, wie er nach dem Spiel zugab: "Ich hatte den Ball höher erwartet, aber er ist dann runter gefallen."

Gegen die lauffreudigen und energischen Hoffenheimer konnte sich der wechselwillige Ulreich allerdings auch deshalb nicht über fehlende Arbeit beschweren, weil die Bayern im Mittelfeld zu viele Bälle leichtfertig verloren. Das lag auch an einer Doppel-Sechs, die in dieser Form erstmals zusammenspielte. Renato Sanches durfte neben Xabi Alonso ran und wirkte fahrig. Schon in den ersten zehn Minuten leistete sich der Portugiese zwei folgenschwere Fehlpässe, die prompt zu Hoffenheimer Chancen führten. Später fing er sich ein wenig, schien aber nicht so ganz zu begreifen, welche Laufwege Ancelotti von ihm gerne sehen würde. Als er nach gut einer Stunde vom Platz musste, bewies sein frustriertes Kopfschütteln, dass er selbst weiß, wie weit er derzeit von einem Stammplatz weg ist.

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Ein Randaspekt, nicht mehr - genau wie das Ergebnis. Denn ob die Bayern nun 13 Punkte Vorsprung auf den Zweiten haben oder nun, nach der Niederlage in Hoffenheim, zehn (falls Leipzig in Mainz gewinnt), ändert nicht das Geringste an der Hierarchie im deutschen Fußball. Auch wenn Ulreich betonte, wie "ärgerlich" die Niederlage sei, weil man den Anspruch habe, "in jedem Spiel zu zeigen, dass wir die beste Mannschaft Deutschlands sind".

Richtig wichtig war der Sieg hingegen für Hoffenheim, wo in der Kabine "jeder irgendwie vor Freude rumgeschrien" hat, wie Nagelsmann berichtete. Hoffenheim hat in dieser Spielzeit eine richtig gute Mannschaft beisammen, von den merkwürdigerweise überregional kaum wahrgenommenen Defensivkräften Oliver Baumann (Tor) und Kevin Voigt über das fußballerisch hervorragenden Mittelfeld Sebastian Rudy, Kerem Demirbay und Nadiem Amiri bis zu Kramaric. Wer es bislang noch nicht getan hat, sollte diese Mannschaft spätestens nach dem Sieg gegen die Über-Mannschaft der Liga ernstnehmen.



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Seite 1
michlmeik 05.04.2017
1. Nicht Vollgas
Die Bayern spielten doch nicht mit Vollgas und Bestbesetzung, wer das nicht sehen will ist selbst Schuld
Athlonpower 05.04.2017
2. Beim Tabellendritten mit 0:1 verloren, na und!
Zitat von michlmeikDie Bayern spielten doch nicht mit Vollgas und Bestbesetzung, wer das nicht sehen will ist selbst Schuld
Und selbst wenn die Bayern mit Vollgas und Bestbesetzung gespielt hätten, beim Dritten der Tabelle mit 0:1 zu verlieren ist doch nichts anstößiges, oder will uns SPON jetzt hier gleich mit der großen Krise kommen? Die Tore, die gestern vom Bayernsturm "gespart" wurden, werden gegen Real Madrid weit dringender gebraucht werden, genau im richtigen Moment wieder ein Dämpfer und gleichzeitig hat man den BVB weiter vom sicheren CL-Platz fern gehalten, auch ein Aspekt.
oli1893 05.04.2017
3. Einkalkuliert
Nach Sichten des Spiels (und beim Blick auf die Aufstellung) beschlich einen schon der Verdacht, das die Bayern zu Beginn dieses für sie sehr spannenden Aprils zumindest ein Unentschieden in Hoffenheim einkalkuliert hatten. Und dazu hätte es ja auch fast gereicht. Aber auch die Niederlage tut natürlich nicht weh. Keine Mannschaft kann jedes Spiel gewinnen... Gute Arbeit, die in Hoffenheim geleistet wird. Schade, dass es damit ab Juni schon wieder vorbei ist, da mindestens zwei Stützen der Mannschaft zum FCB wechseln werden. So wird der nächste mögliche Konkurrent geschwächt und die Liga wird an der Spitze so spannend bleiben wie in den letzten fünf Jahren. Dem FC Bayern kann man nicht wirklich einen Vorwurf daraus machen. Ob aber die Erlöse aus In- und Auslandsvermarktung weiter so sprudeln werden, wenn die Bayern zum 8., 9. oder 10. Mal in Folge Meister werden, wage ich zu bezweifeln.
nariu 05.04.2017
4.
"Ich hatte den Ball höher erwartet, aber er ist dann runter gefallen." Tja, die Schwerkraft ist einfach unberechenbar, besonders im April. Da kann man nix machen.
Attila2009 05.04.2017
5.
Zitat von michlmeikDie Bayern spielten doch nicht mit Vollgas und Bestbesetzung, wer das nicht sehen will ist selbst Schuld
Doch, die spielten sehr wohl mit Vollgas.Robben war engagiert wie eh und je und war recht frustriert, weil es nicht so lief wie gewohnt. Sanchez war eine Schwachstelle und Lewandowsky wurde gut ausgeschaltet. Aber die Hoffenheimer haben eben auch nicht nur wie üblich Geleitschutz gegeben sondern ( wie auch im Artikel treffend beschrieben ) "energisch " gestört. Damit erzwingen sie die Fehlpässe. Wenn der ballführende Spieler damit beschäftigt ist den Ball vor dem attackierende Gegner zu sichern dann hat er keine Zeit sich einen Zuckerpaß auszudenken und offensiv zu spielen. Wenn dann die Anspielstationen auch noch gleich bei der Ballanahme gestört und hart beharkt werden dann kommt so etwas bei raus. Bayern hatte wohl nur 52 % Ballbesitzt wenn ich die Daten aus dem ZDF -Info richtig im Kopf habe, ein eher unüblicher Wert.
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