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04. Januar 2011, 17:47 Uhr

1899 Hoffenheim

Willkommen im Schlinger-Club!

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Dank der Millionen von Mäzen Hopp wirbelte 1899 Hoffenheim die Fußballelite durcheinander. Aus, Schluss, vorbei. Die Trennung von Trainer Rangnick ist das deutliche Zeichen des Niedergangs: Dem Großsponsor ist Rendite mittlerweile wichtiger als sportlicher Erfolg.

Die Rollen in dem Stück, das der Bundesligist 1899 Hoffenheim in den vergangenen Tagen um den Transfer des Brasilianers Luiz Gustavo zu Bayern München aufgeführt hat, scheinen klar verteilt. Da ist der böse Mäzen Dietmar Hopp, dem es um nichts anderes geht, als Geld zu machen, und der dafür die sportliche Perspektive des Vereins opfert. Und da ist der moralisch saubere Trainer Ralf Rangnick, der lieber die Konsequenzen zieht und geht, als dieses Spiel mitzuspielen. Kommerz schlägt Idealismus - das ist die einfache Version. Die Fußball-Romantiker dürften mit dieser Interpretation zufrieden sein.

Man kann es auch Heuchelei nennen.

Die öffentliche Debatte im Anschluss an den Rücktritt von Trainer Rangnick mutet an, als ob einigen jetzt erst klar geworden ist, dass es im Fußball zuallererst um viel Geld geht - und dass ein Großsponsor, der viele Millionen in einen Verein investiert, tatsächlich auch ohne 51 Prozent der Anteile ein Wörtchen mitreden kann und will, wenn es zum Schwur kommt. Wen das noch überrascht, der hat ein paar Jahrzehnte Profifußball komplett verschlafen. Klar ist doch: Wer als Verein ein Modell praktiziert, wie es Hoffenheim tut, der wird immer damit rechnen müssen, dass ein Investor irgendwann den Rückfluss des Geldes einfordert.

Hopp hat schon seit längerem realisiert, dass 1899 Hoffenheim unter Rangnick nach dem Raketenstart in die Bundesliga zu einem Club des gehobenen Durchschnitts geworden ist - ohne wirkliche Perspektive, dauerhaft ganz oben mitzuspielen. Letztlich hat der Verein in den vergangenen zwei Jahren sportlich stagniert: An guten Tagen ist das Team in der Lage, alle in der Liga zu schlagen. Aber nur dann. Hoffenheim ist keine Elf für die Champions League - sondern ein Schlinger-Club: mal brillant, mal enttäuschend, mal einfach nur dabei. Bis auf Rangnick war das allen klar.

Rangnick hat Hopps Millionen jahrelang gerne genommen

Der Coach hat über Jahre die Millionen, die Hopp in das Team gesteckt hat, gerne genommen. Dass es trotzdem bisher nicht gereicht hat, sich für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren, sollte man erst einmal Trainer und Mannschaft anlasten, weniger dem Mäzen. Der war irgendwann offenbar nicht mehr bereit, weiter Unsummen in ein Team zu stecken, das den Erfolg nicht garantiert - so wie es ein Sponsor nun mal am liebsten hätte. Irgendwann im vergangenen Frühjahr ist Hopp daher dazu übergegangen, die eigene Strategie zu ändern. Wenn man nicht über den sportlichen Erfolg Profit erzielen kann, dann zumindest über den Verkauf des spielenden Personals.

Dass Rangnick das nicht ewig mitmachen würde, war schon im Sommer abzusehen. Als Hopp die vom Trainer gewünschten Transfers wie den von Lewis Holtby (Schalke/ausgeliehen an Mainz) oder llkay Gündogan (1. FC Nürnberg) blockierte und plötzlich von "Transferüberschüssen" redete. Für den ehrgeizigen Coach hätte das geheißen: Wieder Aufbauarbeit, wie er sie nach seinem Verständnis seit Jahren, seit Drittligazeiten, betrieben hat. Wieder die eigenen Ambitionen auf unbestimmte Zeit aufschieben. Dafür fehlte dem Trainer die Geduld. Er hatte schließlich nicht bei Hopp in der Regionalliga angeheuert, um dann nach zwei Aufstiegen am Ende genauso zu arbeiten, wie es in Mainz oder Freiburg seit Jahren gemacht wird.

So musste es letztlich zum Bruch kommen, und aus dem Idyll von Hoffenheim wurde die Realität von Zoffenheim.

Hopp taugt nicht als Projektionsfläche

Hopp war jahrelang eine Art Projektionsfläche im deutschen Bundesligafußball. Für die einen galt er als Feindbild schlechthin, als einer, der sich Erfolg um jeden Preis erkaufen wollte, ohne irgendwelche Rücksicht auf all die Tradition zu nehmen, auf die der Fußball vermeintlich baut. Für die anderen ist er ein Idealist gewesen, der seine finanziellen Mittel uneigennützig zur Verfügung stellt, um einen hochmodernen Fußballbetrieb auf die Beine zu stellen. Er ist weder das eine noch das andere, oder er ist von beiden etwas. Hopp ist am Ende des Tages ein ganz normaler Sponsor, der so handelt, wie er es aus der Wirtschaft gewohnt ist. Investitionen werden nur dann getätigt, wenn sie sich letztlich lohnen. Für den Sponsor.

Von daher sind die Überprüfungen, die die Deutsche Fußball-Liga jetzt anstellt, ob der Transfer Luiz Gustavos nach München den DFL-Statuten entspreche, reine Makulatur. Die Hopp-Gegner können sich dadurch mit dem Argument beruhigen, es werde ja jetzt etwas getan. Hopp selbst muss sich keine Sorgen machen. Die DFL-Überprüfung wird im Sande verlaufen.

Letztlich darf Rangnick seinem Mäzen sogar dankbar sein, dass er die Trennung vom Verein forciert hat. Schließlich dürfe demnächst in Wolfsburg ein Trainerjob zu vergeben sein. Und dann wäre Rangnick frei, endlich da zu arbeiten, wo Geld wirklich keine Rolle spielt. Mit Dieter Hoeneß hätte Rangnick zudem einen Manager, der genauso denkt wie er.

Das Experiment Hoffenheim ist vorbei. Jetzt darf der Verein endlich ohne schlechtes Gewissen Bundesliga-Provinz sein.

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