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06. November 2016, 19:27 Uhr

Remis im brisanten Niedersachsen-Derby

Feuer und vier Tore

Aus Braunschweig berichtet

Hassgesänge, Pyrotechnik, Geschmacklosigkeiten: Das Niedersachsen-Derby zwischen Braunschweig und Hannover war hitzig. Doch es blieb weitgehend friedlich. Nun bröckelt die Tabellenführung der Eintracht.

Als die Spieler zurück auf den Rasen des Braunschweiger Stadions kamen, zur zweiten Halbzeit des Niedersachsenderbys zwischen der heimischen Eintracht und Hannover 96, war schon abzusehen, was gleich passieren würde. Die Braunschweiger Ultras hatten eine schwarze Plane über ihren Block gespannt, für niemanden sollte erkennbar sein, was sich in diesen Momenten im Block tat.

Als die Plane verschwand, hatten viele Fans Sturmmasken aufgezogen. Eine bengalische Fackel ging an. Und noch eine. Und noch eine. Der ganze Block stand in Flammen, einige Fackeln flogen in hohem Bogen auf den Rasen. Das Spiel verzögerte sich. Es war der bedrohlichste Moment in diesem Duell der verhassten Nachbarn, bei diesem 2:2, bei dem es um viel mehr ging als um Fußball.

Braunschweig und Hannover pflegen die vielleicht größte Rivalität im deutschen Fußball, deshalb fand die Partie unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Es waren zehnmal so viele Polizisten im Einsatz wie bei einem herkömmlichen Eintracht-Heimspiel - aber deutlich weniger als beim bis dahin letzten Aufeinandertreffen im Frühjahr 2014. Schon im Hauptbahnhof in Hannover wurden Fans kontrolliert, bevor sie an die Gleise zu den Zügen nach Braunschweig gelassen wurden. Um das Stadion waren Sperrzonen errichtet, mit denen die Anhänger getrennt wurden.

Trennung der Fanlager hat funktioniert

Im Vorlauf auf die Partie hatte die Polizei 144 Fans aus beiden Lagern mit so genannten Betretungsverboten belegt, um Ausschreitungen vorzubeugen. Auch aus Protest gegen diese Maßnahme zeigten die Braunschweiger Ultras zu Spielbeginn keine Choreografie. Am Freitagabend verhinderte die Polizei in Hildesheim eine Massenschlägerei zwischen Fans beider Lager. Brisantes Vorgeplänkel. Am Spieltag selbst blieb "alles schön friedlich", wie Polizeisprecher Rainer Raschke SPIEGEL ONLINE sagte: "Die Trennung der Fanlager hat funktioniert. Es gab kein Aufeinandertreffen und keine Auseinandersetzungen."

Was sich im Stadion abspielte, war größtenteils im Rahmen dessen, was bei einem solchen Derby zu erwarten war. Die Fans aus Hannover zündelten in der ersten Halbzeit, der Braunschweiger Anhang zu Beginn der zweiten. In großer Fülle gab es verbale Ausfälle und Geschmacklosigkeiten. "Alle Braunschweiger töten!", sangen Hannoveraner Fans schon vor dem Spiel, als sie mit Bussen zum Stadion gebracht wurden, in Begleitung von Polizeifahrzeugen mit Blaulicht. Braunschweiger Ultras stimmten mehrmals ein Lied an, das sich, grob zusammengefasst, mit Inzest in Hannover befasst. Die Eintracht versucht seit dieser Saison mit Lautsprecherdurchsagen gegen diesen Gesang vorzugehen. Ohne Erfolg. In der Schlussphase war im Braunschweiger Block ein homophobes Spruchband zu sehen. Die Vereine werden in den kommenden Tagen einiges aufzuarbeiten haben. Nicht nur aus sportlicher Sicht. Aber eben auch.

Die Partie war "Werbung für den Zweitligafußball und Werbung für Derbys", fand Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht. Und es gab keinen Widerspruch. Es war ein intensives Spiel mit fünf Gelben Karten schon in der ersten Halbzeit, mit Chancen auf beiden Seiten und mit einer dramatischen Wendung. Die Braunschweiger steuerten auf drei Punkte zu, führten früh 2:0 durch die Treffer von Ken Reichel und Onel Hernández. Doch sie gaben den Sieg aus der Hand. Martin Harnik mit seinem fünften Tor im neunten Spiel und Kenan Karaman trafen zum Endstand.

"Wir hatten andere Ziele"

Und die Gäste hätten sogar gewinnen können. In der 75. Minute verweigerte Schiedsrichter Felix Zwayer den Hannoveranern einen Handelfmeter. "Da haben wir definitiv Glück gehabt", gestand Lieberknecht. Seine Mannschaft bleibt Tabellenführer. Doch die Führung bröckelt, nachdem die Braunschweiger wie schon beim 2:3 in der Vorwoche in Dresden zum zweiten Mal nacheinander einen Zwei-Tore-Vorsprung verspielt hatten. Die Fans sangen nach dem Derby trotzdem voller Stolz: "Spitzenreiter! Spitzenreiter!" Eintracht steht in dieser Saison besser da als erwartet. Das kann man von Hannover nicht sagen.

Der Klub peilt den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga an, ist aber nur Tabellenvierter. "Wir hatten andere Ziele, das muss man deutlich sagen. Die Ziele haben wir bisher nicht erreicht", sagte Klubchef Martin Kind. Das Gespräch mit ihm nach Ende der Partie musste vom Umlauf hinter der Haupttribüne des Braunschweiger Stadions in den Schutz eines Treppenhauses verlegt werden. Ein in der Nähe stehender Eintracht-Fan hatte ihn permanent beleidigt.

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