Stuttgarts Erfolg gegen Hannover 96 Wenn der Abstieg eine Befreiung ist

Der Trainer will attraktiven Fußball, die sportliche Leitung hält sich mit Kampfansagen zurück - der Weg des VfB Stuttgart kommt bei den Fans gut an. Sogar das zuletzt so wacklige Team zieht mit.

Stuttgarts Daniel Didavi (l.) erzielte das zwischenzeitliche 2:0
Daniel Maurer/DPA

Stuttgarts Daniel Didavi (l.) erzielte das zwischenzeitliche 2:0

Von , Stuttgart


Die Stimme des Stadionsprechers wurde lauter. Die Spieler wollten gar nicht mehr aufhören, sich feiern zu lassen. Auf den Rängen freuten sich Tausende Fans. Und der neue Trainer des VfB Stuttgart, Tim Walter, sagte: "Die Überzeugung ist groß, der Mut ist da. Da kann richtig was entstehen."

Solche Szenen wie die nach dem Sieg gegen Hannover 96 am Freitag waren im Stuttgarter Stadion zuletzt nicht zu sehen. Die Arena war in den vergangenen Monaten oft eher Schauplatz von Ärger und Frust. Ob das nun alles vergessen ist? Abwarten. Aber der VfB hat immerhin schon das Erste von 34 Saisonspielen in der zweiten Liga gewonnen, 2:1 (2:1) hieß es am Ende.

Doch das war nicht allein der Grund für die überbordende Stimmung. Seit dem Bundesligaabstieg hat man das Gefühl, es tut sich was im Klub, es könnte wieder aufwärts gehen. Das liegt auch am Abschied des Präsidenten vor wenigen Tagen. Wolfgang Dietrich wurde nach seinem Rücktritt von der Cannstatter Kurve mit einer Banderole verabschiedet, die auch deren Selbstbewusstsein dokumentiert: "Egal, welche Spieler, egal, welcher Präsident, die einzige Konstante sind wir Fans."

Konstanten sind mittlerweile auch Daniel Didavi und Mario Gomez, die mit Unterbrechungen schon viele Jahre das VfB-Trikot tragen. Mit ihren Toren sorgten sie nun für den ersten Sieg, auf ihre Klasse und Erfahrung wird es auch im weiteren Saisonverlauf ankommen.

Didavi sei "ja noch keine 36", sagte Sportdirektor Sven Mislintat. Trainer Walter lobte Gomez für seine Laufarbeit, aber er hob auch die Rolle des 34-Jährigen hervor: "Er ist super, was die Vermittlung zwischen mir, der Mannschaft und den jungen Spielern angeht."

Trainer Walter will begeisternden Fußball sehen

Übertriebene Kampfansangen an die Konkurrenz hörte man nach dem Achtungserfolg gegen Hannover 96 hingegen nicht. Nach den vergangenen Jahren haben die meisten VfB-Anhänger ohnehin keine Lust mehr auf großspurige Ankündigungen.

Mislintat und Sportvorstand Thomas Hitzlsperger haben das erkannt, und für sie ist das eine günstige Ausgangslage. Denn so kommen sie mit dem bewusst defensiv formulierten Saisonziel ("Alles kann, nichts muss") erst mal durch. Und das, obwohl in Reihen des VfB trotz des Sparkurses weiter Spieler wie Gomez, Didavi, Santiago Ascacíbar oder Gonzalo Castro stehen und ihren Teil zum teuersten Kader der Liga beitragen.

Eine wichtige Rolle spielt auch Trainer Walter und dessen Spielidee: Beim Ex-Coach von Holstein Kiel geht Schnelligkeit vor Präzision - riskantes Spiel ist gewollt, das Publikum soll begeistert werden. Der VfB hatte in der zweiten Halbzeit noch vier Großchancen, Hannover, dessen Treffer durch ein Eigentor von Zugang Maxime Awoudja (zuvor Spieler von Bayern Münchens U23) zustande kam, keine einzige.

Wer ist wie stark? Die Zweitliga-Klubs im Powerranking:

Allerdings ist der Vergleich zwischen den beiden Erstliga-Absteigern etwas unfair. Hannovers finanzielle Möglichkeiten sind begrenzt, zu hoch waren die Ausgaben in der Vergangenheit, zu selten gab es Erfolge. Marvin Ducksch (gekommen aus Düsseldorf) blieb zunächst auf der Bank, Schalke-Leihgabe Cedric Teuchert hatte sich in der vergangenen Woche verletzt. Und damit standen mit Stuttgart-Rückkehrer Ron-Robert Zieler und Wolfsburgs Sebastian Jung nur zwei prominente Zugänge in der Startelf.

Awoudjas bitteres Debüt

Und spielerisch? Der erste Eindruck: Auf Trainer-Rückkehrer Mirko Slomka wartet noch viel Arbeit. Im Zusammenspiel der Mannschaftsteile muss sich 96 erheblich steigern, wenn man mit den Topfavoriten aus Stuttgart, Hamburg und Nürnberg mithalten will.

96-Mittelfeldmann Edgar Prib meinte es nach dem Spiel also gut mit seiner Mannschaft, als er sagte, man sei "in den ersten 25 Minuten in allen Belangen überlegen" und "insgesamt nicht die schlechtere Mannschaft" gewesen. Auch seine Auffassung, dass man über beide Platzverweise diskutieren könne, war eher exklusiv.

Die Gelb-Rot-Entscheidung gegen Pribs Teamkollegen Matthias Ostrzolek war nach zwei harten Fouls vertretbar, während der Platzverweis für Awoudja eine Fehlentscheidung des ansonsten guten Schiedsrichters Felix Brych war.

Mislintat war dann auch nicht der Einzige, dem der 21 Jahre alte Abwehrspieler leidtat. "Traurig, dass er so bestraft wird." Awoudja war in der 35. Minute für den angeschlagenen Marcin Kamiski eingewechselt worden, vier Minuten später erzielte er ein kurioses Eigentor. In der 85. Minute folgte der Platzverweis, und damit war Awoudjas erstes Spiel als Profi schnell vorbei.

VfB Stuttgart - Hannover 96 2:1 (2:1)
Tore:
1:0 Gomez (29.)
2:0 Didavi (36.)
2:1 Awoudja (Eigentor 39.)
Stuttgart: Kobel - Stenzel, Kaminski (35. Awoudja), Kempf, Sosa - Karazor - Ascacibar, Castro (88. Mangala) - Didavi - Gomez, Al Ghaddioui (71. Klement)
Hannover: Zieler - Sebastian Jung, Franke, Anton, Ostrzolek - Bakalorz - Haraguchi (61. Ducksch), Prib (70. Albornoz) - Maina (77. Korb), Muslija - Weydandt
Schiedsrichter: Felix Brych
Gelbe Karten: Ascacibar, Karazor, Klement, Didavi - Anton
Gelb-Rot: Awoudja wegen wiederholten Foulspiels (85.) - Ostrzolek wegen wiederholten Foulspiels (64.)
Zuschauer: 52.021



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
mauerfall 27.07.2019
1.
Dasselbe hat man nach dem letzten Abstieg des VfB auch schon gelesen...
Dieter Koll 27.07.2019
2. schaun wir mal
ein paar Spiele weiter. Erst dann lohnt sich eine Analyse darüber, ob sich wirklich etwas in Stuttgart geändert hat. Generell würde allen Clubs/Verantwortlichen etwas mehr Demut gut tun.... das Beispiel HSV sollte allen noch sehr präsent sein.
ptb29 27.07.2019
3. Es wurde bisher 1 Spiel gespielt
Nächste Woche kann das schon ganz anders aussehen
lattus 27.07.2019
4. Geringe Ansprüche
Die Fans haben in der Realität einfach nur noch geringe Ansprüche im Verein der Vetterles-Wirtschaft, der sie eh nur als folkloritische Staffage betrachtet. Nicht umsonst wurde ein Protagonist vom Netzwerk Stuttgart 21 , nämlich der schmierige Dietrich zum Präsidenten. Und wenn man dann halt wie in Stuttgart trotz Unsummen von Geldes sowohl verkerhstechnisch als auch fussballtechnisch abgestiegen ist, tut man so als wäre jeder unteklassige Erfolg in Wirklichkeit Championsleauge!
slowboarder 27.07.2019
5. Demut
"Dasselbe hat man nach dem letzten Abstieg des VfB auch schon gelesen.." die Saison in der 2. Liga ist ja auch gut gelaufen. Spannender ist die Frage, was man am Saisonende lesen wird, wenn der Wiederaufstieg geschafft ist oder die nächste Saison in der ersten Buli widererwarten gut gelaufen ist, und wieviel dann noch von der Demut übrig ist bzw wie schnell man überheblich wird, wenns mal kurzfristig gut läuft.
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