Bielefeld beeindruckt in der 2. Bundesliga Euphorie auf Ostwestfälisch

Arminia Bielefeld führt die 2. Liga an, hat außergewöhnliche Stürmer und eine gute Chance, mal wieder aufzusteigen. Für Torjäger Fabian Klos kein Wunder - obwohl er auch die dunklen Zeiten des Klubs kennt.

Arminia Bielefeld macht sich auf den Weg in Richtung Bundesliga
Zink/ imago images

Arminia Bielefeld macht sich auf den Weg in Richtung Bundesliga


Uwe Neuhaus wird am 26. November 60 Jahre alt. "Ein historischer Tag", sagt er. Es ist seine Art von Humor. Nichts Besonderes, ein ganz normaler Arbeitstag, Training wie immer. Macht euch wegen mir nicht verrückt, ich mache es doch auch nicht. Das ist es, was der Trainer von Arminia Bielefeld sagen will.

So normal, wie es Neuhaus gerne hätte, ist es aber doch nicht. Mehr als 20.000 Zuschauer werden für das Spiel am Samstag (13 Uhr) gegen den SV Sandhausen erwartet. An den Gästen liegt es kaum, dort wurden nur sieben Tickets im Vorverkauf abgesetzt.

Die Arminia ist mal wieder hip, Tabellenführer in der 2. Bundesliga vor Mannschaften wie dem Hamburger SV und dem VfB Stuttgart. Es ist vom "Wunder von Bielefeld" zu lesen und zu hören.

Am Rande des Teutoburger Waldes halten sie das für eine sehr oberflächliche Betrachtung. "Wer sich unsere Entwicklung im Kalenderjahr 2019 anschaut, für den ist das keine Überraschung", sagt Fabian Klos im Gespräch mit dem SPIEGEL. Aus 29 Zweitligaspielen holte die Arminia 59 Punkte, das sind gut zwei im Schnitt. Nüchtern gesehen, sind die Bielefelder eine Topmannschaft, seitdem Neuhaus im Dezember 2018 seine Arbeit aufgenommen hat.

Uwe Neuhaus lässt Bielefeld im 4-3-3-System spielen
Daniel Karmann/ DPA

Uwe Neuhaus lässt Bielefeld im 4-3-3-System spielen

Klos hatte früh ein gutes Gefühl: "Ich habe sofort gemerkt, dass es gut laufen kann." Im Wintertrainingslager habe Neuhaus sein 4-3-3-System einstudieren lassen. "Für einen Mittelstürmer ist dieses System, ausgerichtet auf Ballbesitz, das Beste, was passieren kann."

Klos kennt den "absoluten Tiefpunkt"

Klos führt die Torjägerliste der 2. Liga mit zehn Treffern an, er ist der Rekordtorschütze der Arminia. Ihn eine Vereinslegende zu nennen, ist eher Beschreibung denn Übertreibung. "Ich weiß schon um meinen Status", sagt er. Anfang Dezember wird Klos 32 Jahre alt. Bei der Frage, ob er sich noch einen Vereinswechsel vorstellen könne, wartet er das Ende der Frage gar nicht ab: "Nein."

Fabian Klos, dessen Sturmpartner Andreas Voglsammer in dieser Saison auch schon acht Tore erzielte, kam 2011 zum Deutschen Sport-Club. Er stieg mit ihm aus der 3. Liga auf und wieder ab. Es war eine dramatische Relegation im Mai 2014 gegen den SV Darmstadt 98. "Der absolute Tiefpunkt", erinnert sich Klos. Es hätte, um Rudi Völler zu bemühen, keinen tieferen Tiefpunkt geben können. Im Dezember 2017 stand die Arminia - mal wieder - vor der Insolvenz. Sie hatte sich mit dem Neubau einer Sitzplatztribüne übernommen.

Der Klub war bilanziell überschuldet, musste schnellstens fast fünf Millionen Euro auftreiben. Die Abgesänge auf einen Traditionsklub waren schon geschrieben, doch angeführt von Markus Rejek schaffte die Arminia - mal wieder - die Rettung. Rejek, der zuvor Borussia Dortmund vermarktet hatte und als Geschäftsführer des TSV 1860 München unter dem Investor Hasan Ismaik durch die ganz harte Schule gegangen war, kam im Oktober 2017 zur Arminia. Er schmiedete das "Bündnis Ostwestfalen", einen Zusammenschluss von Unternehmen aus der Region, die dem Klub aus der Patsche halfen, indem sie ihm das Stadion abkauften.

Bielefeld bald schuldenfrei?

Finanz-Geschäftsführer Rejek nimmt im Gespräch mit dem SPIEGEL das Wort "Wunder" in den Mund: "Ein Wunder ist, dass wir innerhalb eines Jahres mehr als 20 Millionen Euro Schulden abgebaut haben."

Inzwischen sei der Verein "netto-finanzschuldenfrei". Heißt: Die etwa 2,2 Millionen Euro Verbindlichkeiten, die noch bestehen, könnte der DSC mühelos ablösen. "Es geht uns immer noch nicht blendend, aber wir müssen keine Altschulden mehr abbauen", sagt Rejek. Es sei sogar wieder Geld da, um in die Infrastruktur zu investieren. So habe der Trainingsplatz jetzt eine Rasenheizung.

Fabian Klos (l.), Bielefelds Topstürmer
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Fabian Klos (l.), Bielefelds Topstürmer

Rejek ist für Fabian Klos einer der Faktoren für den aktuellen Höhenflug, genau wie Sport-Geschäftsführer Samir Arabi ("Der macht das über die Jahre schon gut.") und Uwe Neuhaus: "Der Trainer ist bodenständig und ehrgeizig. Das ist schon eine sehr gute Kombination."

In der Saison 2016/2017 rettete sich die Arminia knapp vor dem Abstieg, danach steigerte sie sich über den siebten auf den vierten Platz in den Abschlusstabellen. Der Aufstieg wäre mehr eine konsequente Entwicklung als ein Wunder. Selbst wenn der HSV und der VfB Stuttgart regelmäßig an ihr oberes Niveau kämen, sieht Klos seine Mannschaft "auf Augenhöhe". Er glaube zwar nicht, dass die Fans "erwarten, dass wir hochgehen". Die Euphorie nimmt er aber gerne mit: "So etwas kann einen tragen."

Fünf Punkte beträgt Bielefelds Vorsprung auf den vierten Platz aktuell. Mannschaften wie der 1. FC Heidenheim, Erzgebirge Aue, die Spielvereinigung Greuther Fürth, Jahn Regensburg und der kommende Gegner aus Sandhausen verfolgen das Spitzentrio. Niemand, dem eine lange Erfolgsserie zuzutrauen wäre. Die Chance, zum achten Mal in die Bundesliga aufzusteigen, ist gut. Für Markus Rejek ist das Thema weit weg, er sagt dazu: "Wir ziehen unseren Streifen ostwestfälisch durch."

Soll heißen: Macht euch wegen uns nicht verrückt.



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