3:0 gegen Island "Bei der EM können wir was reißen"

Mit einem überzeugenden Sieg gegen Island qualifizierte sich das deutsche Fußball-Nationalteam für die EM in Portugal. Der erst 21-jährige Angreifer Kevin Kuranyi personifiziert einen attraktiven und erfolgreichen Spielstil und lässt auf erfolgreiche Jahre hoffen.

Von Till Schwertfeger, Hamburg


Sturmhoffnung Kevin Kuranyi: "Wir sind auf einem guten Weg"
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Sturmhoffnung Kevin Kuranyi: "Wir sind auf einem guten Weg"

Hamburg - Als in der AOL-Arena nach der Partie der deutschen Nationalelf gegen Island der Schlusspfiff ertönte, blieben die rund 50.000 Fans im ausverkauften Stadion fast ausnahmslos vor ihren Sitzplätzen stehen, von denen sie sich bereits Minuten vorher respektvoll erhoben hatten, und feierten das DFB-Team ausgelassen. Auf dem holprigen Qualifikationsweg nach Portugal, wo im Sommer 2004 die Europameisterschaft ausgetragen wird, war der 3:0 (1:0)-Sieg gegen Island nicht nur ein versöhnlicher Abschluss, sondern ein Erfolg, der offenbar eine Art Aufbruchstimmung im Land des WM-Gastgebers 2006 erzeugte.

Zwar konnten die Isländer in den vergangenen drei Jahren auswärts lediglich gegen die Färöer, Malta und Indien gewinnen, und Teamchef Rudi Völler bilanzierte auch deshalb nüchtern: "Wir müssen realistisch bleiben. In unserer Gruppe waren wir hoher Favorit. Da mussten wir uns qualifizieren." Doch nach dem blamablen, weil glücklichen 0:0 im Hinspiel in Reykjavik hatte Völlers ersatzgeschwächtes Team in der Kritik und unter Erfolgsdruck gestanden.

Deshalb machen die ansprechenden Leistungen in den beiden letzten EM-Qualifikationsspielen gegen Schottland und vor allem gegen Island neue Hoffnung für die nächsten Jahre mit dem Höhepunkt 2006, wenn Deutschland die besten Fußballländer der Welt empfängt. "Wir sind auf einem guten Weg", gab Kevin Kuranyi bescheiden, aber nicht ohne Stolz zu Protokoll.

Eleganz und Laufbereitschaft


Der Stürmer von Vizemeister VfB Stuttgart ist in den vergangenen Wochen quasi zur Hoffnung in Person avanciert. Auf Island eingewechselt und dann einziger torgefährlicher deutscher Spieler, gegen Schottland Passgeber zum Führungstreffer, dazu Torschütze in den Stuttgarter Champions-League-Begegnungen gegen Glasgow Rangers und Manchester United, stellte der 21-jährige Kuranyi in der entscheidenden Partie gegen Island seine Klasse nicht nur wegen seines ersten Länderspieltores zum 3:0 (79.) unter Beweis.

Der in Rio geborene, seit sechs Jahren in Deutschland lebende Jungstar hat die Anlagen zum Weltklassespieler. Trotz seiner Körpergröße von 1,90 Meter bewegt sich der "kapitale Knabe" (Berliner Zeitung) mit brasilianischer Eleganz und Geschmeidigkeit, gleichzeitig hat er sich die deutschen Tugenden wie Kampfgeist und Laufbereitschaft angeeignet. Wie schon gegen Schottland spielte sich die deutsche Elf auch dank Kuranyi durch - in der mit der Vizeweltmeisterschaft 2002 zu Ende gegangene Ära Bierhoff nie gesehenen - Kombinationsfußball eine Fülle von großen Torchancen heraus. "Der einzige Kritikpunkt ist, dass wir in der ersten Halbzeit nur ein Tor erzielt haben", sagte Kuranyis Sturmpartner Fredi Bobic.

So geriet trotz hoher Überlegenheit das Ziel EM-Teilnahme nach dem Seitenwechsel kurzzeitig in Gefahr. In der 58. Minute nämlich köpfte Hermann Hreidarsson den Ball ins deutsche Gehäuse, doch zum Glück für die deutsche Elf hatte der nicht in allen Situationen souveräne russische Schiedsrichter Valentin Ivanov das Foulspiel des Abwehrspielers von Charlton Athletic gegen Frank Baumann ("Manche Schiedsrichter pfeifen das nicht") gesehen und verweigerte dem Treffer die Anerkennung. Im Gegenzug dann traf Bobic (60.) auf Vorlage Kuranyis mit einem herrlichen Volleyschuss zur Vorentscheidung. "Statt 1:1 stand plötzlich 2:0 auf der Tafel", traute Islands Coach Asgeir Sigurvinsson zunächst seinen Augen nicht. Der frühere Bundesligaprofi gab aber zu: "Deutschland hat verdient gewonnen."

"Von Ballack geht sensationelle Torgefahr aus"


So erfreulich die Leistung Kuranyis auch war, dem Völler die noch fehlende Cleverness im Torabschluss verzieh ("Seine Unbefangenheit und Lockerheit sind ganz wichtig"), ein Großteil dieses Verdiensts gebührt wieder einmal Michael Ballack. Deutschlands Fußballer des Jahres, der auf Grund einer Verletzung unter der Woche nur einmal mit dem Team hatte trainieren können, erzielte in der neunten Minute nach einem traumhaften Absatzkick von Bobic das 1:0 und befreite seine Mitspieler und den Teamchef von der schweren Last des Bloß-nicht-in-Rückstand-Geratens. "Von Ballack geht eine sensationelle Torgefahr aus", schwärmte Völler von seinem wichtigsten Feldspieler, "Michael ist meistens derjenige, der das erste oder spielentscheidende Tor schießt."

Abwehrchef Christian Wörns im Zweikampf gegen Gudjohnsen: Riesenlob vom Teamchef
DDP

Abwehrchef Christian Wörns im Zweikampf gegen Gudjohnsen: Riesenlob vom Teamchef

Dass Mannschaftsführer Oliver Kahn beinahe beschäftigungslos blieb, obwohl von Islands Topstürmer Eidur Smari Gudjohnsen bereits beim bloßen Berühren des Balles Torgefahr ausging, dafür sorgte an erster Stelle Christian Wörns mit einer nahezu perfekten Partie. "Das beste Länderspiel, das ich je von ihm gesehen habe", urteilte der Teamchef über den auch im Dortmunder Trikot regelmäßig herausragenden Manndecker, "das war Weltklasse."

Auch Wörns, dienstältester deutscher Spieler, der seit seinem Nationalmannschaftsdebüt vor elf Jahren viel Kritik einstecken musste, ist mittlerweile zu einer Leitfigur aufgestiegen: "Ich muss Verantwortung übernehmen und die jungen Spieler führen", so der 31-Jährige.

Mit Kahn-Wörns-Ballack besitzt Völler jetzt eine Achse, die das Nationalteam auf Erfolgskurs halten kann. Neben dem Sturmduo Kuranyi/Bobic sind auch der grundsolide Verteidiger Arne Friedrich und der - gegen Island allerdings schlampig agierende - offensive Mittelfeldspieler Bernd Schneider feste Größen. Der wie Kuranyi erst 21-jährige Stuttgarter Offensivverteidiger Andreas Hinkel hatte auf der rechten Außenbahn gute Szenen. "Für die jungen Spieler ist es ein wichtiger Lernprozess, mit Druck umgehen zu müssen", erwartet Völler bald noch mehr, "sie werden sich weiter entwickeln."

Nächstes Länderspiel gegen Frankreich


Die Rückkehr einiger verletzter Spieler wie Christoph Metzelder, Torsten Frings, Jens Jeremies, Dietmar Hamann, Tobias Rau, Jens Nowotny oder Sebastian Deisler dürfte somit einen Konkurrenzkampf für die Nationalelf entfachen, die sich in den vergangenen Spielen beinahe von selbst aufstellte. "Das wird leistungsfördernd sein", freut sich Wörns auf Verstärkung. Der des Übermuts eigentlich unverdächtige Abwehrspieler fügte hinzu: "Es steckt viel Begeisterung in der Truppe. Ich glaube, wir können ein bisschen was reißen bei der EM."

Die erste Überprüfung dieser vielversprechenden Aussage findet am 15. November statt. In Gelsenkirchen bestreitet die DFB-Auswahl dann ein Test-Länderspiel gegen Europameister Frankreich.



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