Nationalmannschaft "Frankreich ist das Maß
aller Dinge"

Zwei Tage vor dem Freundschaftsspiel gegen Frankreich ist der Respekt gegenüber dem Gegner bei Teamchef Rudi Völler angemessen.

Von Thomas Lötz


Paris - Im netten Levallois-Perret haben sie momentan wirklich anderes zu tun, als sich für die deutsche Fußballnationalmannschaft zu interessieren. Zwar ist es noch zwei Wochen hin, bis hier im nordwestlichen Vorort von Paris ein neuer Bürgermeister gewählt wird, dennoch rollt die Propagandamaschinerie in der Fußgängerzone am Sonntagmittag auf vollen Touren. Ein Parteistand drängt sich an den nächsten, zahlreiche Menschen verteilen Flugblätter und einer der Kandidaten gibt gerade einem Fernsehsender ein Interview. Dann schreitet er zum publicityträchtigen Lokaltermin in eine Bäckerei. Anderthalb Kilometer entfernt von dieser Szenerie sitzt Rudi Völler derweil im besten Hotel am Platze und betreibt sein Geschäft.

Heinrich fällt aus

Zwei Tage vor dem Freundschaftsspiel gegen Welt- und Europameister Frankreich im Stade de France (Dienstag, 20.45 Uhr im Live-Ticker bei SPIEGEL ONLINE) tat der DFB-Teamchef zunächst sein Bedauern kund. "Mir tut es leid, dass Jörg Heinrich nicht dabei sein kann, weil er gerade in guter Verfassung ist." Eine Knöchelverletzung, erlitten am Samstag im Revierderby bei Schalke 04, lässt einen Einsatz des 31-jährigen Dortmunders am Dienstagabend in keinem Fall zu. Und angesichts dieser Botschaft vergaß Völler nicht, mit ernster Miene darauf hinzuweisen, dass mit Klose, Hamann, Ziege und Bierhoff vier nominierte Spieler am Sonntag noch im Einsatz befindlich seien. Offenbar ohne es zu wissen, ist Deutschland in dieser Disziplin jedoch im Vorteil. Denn bei Gegner Frankreich bangt Cheftrainer Roger Lemerre gleich um sechs Kadermitglieder, die am Sonntag noch Pflichtspiele in England, Italien und Spanien zu absolvieren hatten.

Rudi Völler: "Ich will mich da gar nicht so diplomatisch rauswinden"
DPA

Rudi Völler: "Ich will mich da gar nicht so diplomatisch rauswinden"

Die 4:6-Ungewissheit ist derzeit aber auch der einzige Vorteil, den die deutsche Nationalmannschaft im Vorfeld des Prestigeduells mit den Franzosen vorzuweisen hat, und das weiß Rudi Völler gut. Die Franzosen seien derzeit das "Maß aller Dinge", ein "dicker Brocken" oder einfach "die beste Mannschaft nicht nur in Europa". Besonders der Angriffsdrang des Gegners imponiert dem Teamchef: "Offensiv sind sie noch stärker als bei der WM 1998." Normalerweise, so zumindest sei das nach dem deutschen Titelgewinn 1990 in Italien gewesen, erinnerte sich der Teamchef, gäbe es nach Triumphen immer einen Einbruch, aber "das ist in Frankreich eben nicht der Fall gewesen".

Jeremies und Wörns in der Anfangsformation

Insofern kann es Völler nicht gerade begeistern, dass er gegen die sturmstarke Mannschaft von Coach Roger Lemerre seine Abwehr fast komplett umbauen muss. Die Rolle des langzeitverletzten Leverkuseners Jens Nowotny wird am Dienstagabend Jens Jeremies übernehmen. Und neben dem Comeback des Münchners wird es auch ein Wiedersehen mit einem anderen, aus dem Bundesadler-Fokus längst Verschwundenen geben.

Rudi Völler eingerahmt von den Neulingen Torsten Frings (l.) und Frank Rost
DPA

Rudi Völler eingerahmt von den Neulingen Torsten Frings (l.) und Frank Rost

Christian Wörns, so verriet Völler am Sonntag, werde gegen Frankreich von Beginn an in die Dreierkette einrücken. Der Dortmunder mit dem Mannheimer Dialekt strahlte mit den Messingbeschlägen im Hotelfoyer um die Wette: "Ich freu' mich, wieder dabei zu sein." Wer das Abwehrtrio komplettiert, möglich wären Thomas Linke (Bayern München) oder Marko Rehmer (Hertha BSC Berlin), ließ der Teamchef genauso offen wie die restlichen Personalien . Damit blieb der 42-Jährige der traditionellen deutschen Teamchef-Geheimniskrämerei treu, was er jedoch glaubte, rechtfertigen zu können.

"Ich will mich da gar nicht so diplomatisch rauswinden",so Völler, aber man müsse eben noch "den Zustand des ein oder anderen Spielers abwarten", erklärte der Teamchef auf der Pressekonferenz vom Podium hinab und hatte in diesem Moment dann doch ein wenig mit dem Bürgermeisterwahlkampf im niedlichen Levallois-Perret zu tun.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.