Ehemaliger Ajax-Profi Abdelhak Nouri Ein Funke Hoffnung

Abdelhak Nouri galt als eines der größten Fußballtalente seiner Generation - bis er auf dem Platz kollabierte und ins Koma fiel. In den Niederlanden wurde er zum Symbol. Nun macht er Fortschritte.
Er trug die 34, weil er Ajax zum 34. Titel schießen wollte: Abdelhak Nouri

Er trug die 34, weil er Ajax zum 34. Titel schießen wollte: Abdelhak Nouri

Foto: imago/Pro Shots

In Zeiten der Coronakrise hat eine Nachricht den Niederlanden einen Funken Hoffnung gegeben: Abdelhak Nouri geht es etwas besser.

Der Fußballer von Ajax Amsterdam war im Sommer 2017 im Alter von 20 Jahren während eines Testspiels gegen Werder Bremen auf dem Platz kollabiert. Ein Jahr lang lag er im Koma. Nun sagte der Anwalt der Familie Nouri im Fernsehen einen Satz, der die Niederlande bewegt: "Appie sitzt in seinem Rollstuhl, er reagiert." Und Abdelhaks Bruder Abderrahim berichtete von Fortschritten seit vergangenem Dezember. "Wenn man ihn darum bittet, öffnet er den Mund oder hebt die Augenbrauen", sagte er.

Die Traurigkeit über das Schicksal eines fröhlichen Jungen und großartigen Fußballers bleibt aber. Zumal es wohl hätte vermieden werden können, wenn die zuständigen Mediziner besser reagiert hätten.

Er spielte Fußball wie Andrés Iniesta

Nouris Vater kam einst aus Marokko in die Niederlande, um zu studieren. Um über die Runden zu kommen, wurde er Metzger. Den Beruf konnte er nicht lange ausüben, er erlitt einen Lungenschaden, womöglich eine Folge der vielen Arbeit im Kühlraum. So schreibt es der niederländische Autor Henk Spaan in seinem Buch "Nouri".

Der Metzgersohn spielte Fußball wie Andrés Iniesta. Dieser Vergleich mit dem filigranen spanischen Welt- und Europameister stammt von Donny van de Beek; der niederländische Nationalspieler kickte jahrelang an Nouris Seite in den Amsterdamer Jugendteams, beide verband eine enge Freundschaft.

Nouri Anfang Mai 2017 bei einem seiner neun Eredivisie-Spiele

Nouri Anfang Mai 2017 bei einem seiner neun Eredivisie-Spiele

Foto:

STANLEY GONTHA/EPA-EFE/Shutterstock

Wer Nouri spielen sah, ahnt, dass der Iniesta-Vergleich keine sentimentale Überhöhung ist. Der Fußballer Nouri studierte seine Gegenspieler und erkannte ihre Schwächen, beherrschte sämtliche Passtechniken, spielte No-Look-Bälle mit der Hacke. Ajax-Jugendcoach Casimir Westerveld sagte Autor Spaan über Nouri, der sei schon mit neun Jahren in der Lage gewesen, tödliche Pässe zu spielen. "Er war den anderen weit voraus."

Nouri galt als fröhlicher, höflicher Junge, ältere Menschen sprach er mit der formalen Anrede "U", also "Sie" an, die in den Niederlanden kaum noch verwendet wird. Er war auch frommer Muslim, und er hoffte, ein Vorbild zu sein für andere Niederländer mit marokkanischer Abstammung, die es in der niederländischen Gesellschaft oft sehr schwer haben.

Autoren-Info

Simon Kuper, geboren in Uganda, aufgewachsen in den Niederlanden. Der britische Journalist und Schriftsteller beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Thema Fußballkultur. In seinem Erstlingswerk "Football against the enemy - Oder: Wie ich lernte, Deutschland zu lieben" widmete er sich ausgiebig der deutsch-niederländischen Rivalität. Kuper schrieb unter anderem für "The Observer" und "The Guardian", aktuell ist er Sport- und Wochenendkolumnist bei der "Financial Times".

In der Saison 2016/2017, der Spielzeit vor seinem Kollaps, spielt Nouri in der Amsterdamer Nachwuchsmannschaft "Jong Ajax" in der zweiten Liga, an seiner Seite sind die größten Talente des Landes: Matthijs de Ligt (mittlerweile bei Juventus unter Vertrag), Frenkie de Jong (Barcelona), Justin Kluivert (Roma) und David Neres (Stammspieler der ersten Ajax-Mannschaft und Nationalspieler für Brasilien). Die Auszeichnung für den besten Spieler der Saison geht an Nouri.

Der junge Nouri kommt zu Kurzeinsätzen in Ajax' erstem Team. Bei seinem Debüt für die erste Mannschaft im Pokal gelingt ihm direkt ein Treffer, er verwandelt einen Freistoß. Er trägt die Rückennummer 34; Ajax steht bei 33 Meistertiteln, Nouri will seinen Teil zum 34. beitragen. Doch ihm fehlen noch die Muskeln für regelmäßige Einsätze. Nouri ist nah dran am Team, aber nicht mittendrin.

Im Mai 2017 reist er mit Ajax zum Finale der Europa League gegen Manchester United nach Stockholm. Am Tag des Endspiels streicht ihn Trainer Peter Bosz wortlos aus dem Kader, der vakante Platz auf der Ersatzbank geht an Frenkie de Jong.

Nouri erhält nie wieder die Chance auf einen Pflichtspieleinsatz im Profifußball.

In der 72. Minute setzt sich Nouri auf den Rasen

Nach der Sommerpause reist Ajax ins Trainingslager nach Österreich. In den Einheiten ist der 20-jährige Nouri zu Späßen aufgelegt, so erzählen es später seine Teamkollegen. Doch er leidet auch unter Magenschmerzen.

Am 8. Juli testet Ajax in Hippach gegen Bundesligist Werder. In der 72. Minute setzt sich Nouri auf den Rasen, dann legt er sich auf den Rücken. Seine Augen sind geschlossen, ein Mitspieler hält ihm die Hand. Nouris Lippen bewegen sich, es soll so ausgesehen haben, als formten sie die Worte "Ash-hadu an la-ilaha ill-allah”. Es ist das Glaubensbekenntnis, das Muslime unmittelbar vor ihrem Tod sprechen.

Niemand erkennt, wie ernst es um Nouri steht. Ein Amsterdamer Physiotherapeut joggt auf den Platz. Bis die Ärzte kommen, erst die von Ajax, dann die der Bremer, vergeht mehr als eine Minute. Dann fährt ein Krankenwagen aufs Spielfeld. "Möglicherweise kämpft Nouri hier sogar gerade um sein Leben", sagt der TV-Kommentator.

Tage später versammeln sich Tausende Menschen, darunter die Fußballer von Ajax, und Amsterdams Bürgermeister Eberhard van der Laan, vor dem Haus der Familie Nouri, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Manche Menschen halten Schals von Ajax' Erzrivale Feyenoord hoch. In seiner Trauer wirkt das Land vereint. Appie, wie Nouri gerufen wurde - in Amsterdam der traditionelle Spitzname für "Albert" - wurde zum Inbegriff der Integration, ein "Marokkaner", der als Niederländer akzeptiert wurde.

2018 gibt Ajax einen Behandlungsfehler zu

Nachdem Ajax die Saison als Meister abgeschlossen hat, tragen die Spieler bei der Titelfeier am Amsterdamer Museumplein Trikots mit der Nummer 34. Kapitän De Ligt überreicht Nouris Vater den Meisterpokal, während die Fans "Nouri!" rufen. Der Vater trägt eine Sonnenbrille, um seine Tränen zu verbergen.

Abdelhak Nouri wird all das wohl nie erfahren. Er erlitt einen irreparablen Gehirnschaden. Auch weil die Ärzte in Hippach seinen Herzstillstand nicht erkannt und deswegen nicht rechtzeitig begonnen hatten, einen Defibrillator einzusetzen. 2018 gab Ajax den Behandlungsfehler zu. Bis heute hat sich der Klub nicht mit der Familie Nouri auf eine Kompensationszahlung geeinigt, soll Medienberichten zufolge nun aber Nouris Vertrag aufgelöst haben, der sich am 1. Juli automatisch verlängert hätte.

"Er schläft, niest, isst, rülpst"

Heute muss Nouri von seinen Eltern und Geschwistern 24 Stunden am Tag betreut werden. "Er schläft, niest, isst, rülpst", sagte sein Bruder. "Aber er ist bettlägerig und auf uns angewiesen."

"Er hätte ein herausragender Fußballer werden können. Aber das ist jetzt völlig unwichtig", sagt Ex-Teamkollege und Freund Van de Beek, der die Karriere macht, die Nouri verwehrt blieb. Van de Beek, 22, ist mittlerweile niederländischer Nationalspieler, im Sommer gab es Gerüchte um einen Wechsel zu Real Madrid.

Nouris Vermächtnis ist ein anderes: Eine bessere medizinische Versorgung im niederländischen Fußball, auch auf Amateurebene. Sobald ein Spieler auf scheinbar unerklärliche Weise zu Boden geht, dürfte die Erinnerung an das Schicksal des Abdelhak Nouri präsent sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.