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Michael Ballack: Eine Karriere, viele Enttäuschungen

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Abschiedsbrief an Ballack Mach's gut, Michael!

Bundestrainer Löw hat entschieden: Die Ära von Michael Ballack in der Nationalmannschaft ist zu Ende. Aber was bleibt? Die Erinnerung an einen großen Spieler, der keine Titel holte - und doch einzigartig war. Ein Abschiedsbrief von Christian Gödecke.

Lieber Michael Ballack,

da sind Sie heute ja wirklich mit Dankeshymnen vom DFB überschüttet worden. Einen "sehr wichtigen Führungsspieler" nennt Sie der Bundestrainer, Sie hätten "eine Ära geprägt" und "enormen Anteil an den großen Erfolgen des Teams seit der WM 2002". Der Verband will Ihnen einen "würdigen Abschied" verschaffen, ein Abschiedsspiel gegen Brasilien, was zuletzt nur Oliver Kahn zuteil wurde. Sogar Kapitän werden Sie noch mal sein! Na bitte.

Ich will mir gerade vorstellen, wie Sie deshalb die Faust ballen, sie wie eine Säge bewegen und schreien: "Jawoll", mit diesem leichten sächsischen Einschlag. Aber ich wette, Sie würden sich eigentlich lieber übergeben. Eigentlich müssen Sie sich fühlen wie ein Kind, dem man sein Lieblingsspielzeugauto wegnimmt. Das Kind will das Auto behalten, reißt, zerrt, weint - aber es reicht nur für einen schlechten Kompromiss: Einmal noch durchs Zimmer schieben!

Morgen werden die Zeitungen voll sein mit Porträts über Sie, Ihr Berater Michael Becker wird sich das eine oder andere einrahmen lassen und das eine oder andere zerreißen. Die Fußballnation wird ein letztes Mal gespalten sein - aber leider nicht mehr über die Frage, ob es auch ohne Sie geht beim DFB oder nur mit Ihnen. Es wird nur noch darum gehen, wo Sie, Michael Ballack, denn stehen in der Geschichte des Verbandes. Was bleibt.

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Aus in der Nationalelf: Ballacks Abschied auf Raten

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Der erste Reflex ist: Tja, was eigentlich? Tragik, Trauer, Titellosigkeit. Die Bildagenturen schicken ja schon die passenden Impressionen in die Redaktionen. Das WM-Halbfinale 2002, Sie machen das entscheidende Tor gegen Südkorea und holen sich die zweite Gelbe Karte ab und damit die Sperre fürs Finale. Geopfert haben Sie sich, so sehen es die einen. Kurz vorm Ziel gescheitert, so sehen es die anderen.

Bei der WM 2006 zwickt die Wade vor dem Eröffnungsspiel, Sie melden sich fit, sitzen aber trotzdem draußen. Sie bleiben ohne Tor im ganzen Turnier, das Ihr Turnier werden sollte. Es endet im Halbfinale. Die EM 2008 war toll - aber auch dort: Ende im Finale. Wenigstens waren Sie da mal in einem Endspiel dabei. Später heißt es, man habe Sie nicht gesehen.

Im Trainingslager vor der WM 2010 auf Sizilien fuhr ein DFB-Offizieller ein paar Journalisten zum Ausgang des Hotelgeländes. In seinem Auto sagte der Mann: "Wenn Michael Ballack nicht fit wird, dann brauchen wir gar nicht nach Südafrika zu fliegen." Kevin-Prince Boateng hatte Sie zusammengetreten in England, es gab kurz noch Hoffnung, dass es mit der WM klappen könnte. Und sei es erst zum dritten Gruppenspiel. Ohne Ballack können wir zu Hause bleiben, es ging nicht ohne Sie, das war die Botschaft. Ein letztes Mal.

Es ging ohne Sie, auch wenn natürlich nach einem dritten Platz immer Spielraum für Interpretationen bleibt. Ein Ballack hätte gegen Spanien einfach mal einen umgehauen, diese Stimmen hörte man bei Kollegen in Südafrika. Aber es waren wenige - der Rest bekam den Mund nicht mehr zu ob so viel Leichtigkeit und Spielfreude und Torgefahr und Frische ihrer Konkurrenten. Und Jugend, ja auch das. Sie wurden einfach nicht vermisst, so wenig wie Oliver Kahn 2006.

Wer den Fußball auf Ergebnisse reduziert, für den bleibt nicht viel von Michael Ballack. Wer den Erfolg mit Titeln misst, für den werden Sie in der Geschichte des DFB immer der tragische Held sein. Der Unvollendete.

Für mich werden Sie immer der beste deutsche Spieler der Jahrtausendwende sein. Mit unfassbarem Talent gesegnet, torgefährlich, laufstark, kopfballstark, robust und trotzdem technisch brillant. Ein Spieler mit natürlicher Autorität, klug und umsichtig. Ein Kapitän, der sich nie anbiederte, sondern die Klappe weit aufriss, wenn das Spiel der deutschen Mannschaft mal wieder zu leichtfertig wurde. Einmalig, wenn man so will. Denn wann gab es mal so viele Fähigkeiten vereint in einer Person?

Bei den Playoffs zur WM 2002, als die Ukraine in Kiew 1:0 führte, trafen Sie zum 1:1. Noch nie hatte sich Deutschland nicht für eine WM qualifiziert. Und wie wäre wohl das Rückspiel gelaufen, wenn Sie nicht gleich das 1:0 in der vierten Minute erzielt hätten? Das 1:0 im Halbfinale der WM 2002 gegen Südkorea hätten Sie gar nicht schießen können, wenn Sie nicht auch das 1:0 im Viertelfinale gegen die USA gemacht hätten. Die Flanke auf Borowski im WM-Viertelfinale 2006 gegen Argentinien kam von Ihnen. Ihr 3:1 gegen Portugal bei der EM 2008 war die Entscheidung.

Erst Sie haben dafür gesorgt, dass Sie bei zwei Weltmeisterschaften und einer Europameisterschaft kurz vor ultimo scheitern konnten. Auch das bleibt. Und den Titel "torgefährlichster Mittelfeldspieler der Welt" wird Ihnen auf Sicht auch keiner mehr nehmen können.

Das ist doch auch was, oder?

Ich grüße Sie herzlich,

und bitte: hauen Sie im August Brasilien weg und zeigen es noch mal allen. (allen!)

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