Abschiedsspiel in München Als König Kahn glasige Augen bekam

Er hängte sich eine Bayern-Fahne um, dann erklang "Time to say Goodbye" - und Oli Kahn drehte den Tränen nah eine letzte Runde durchs Stadion. Im Show-Duell zwischen FC Bayern und der Nationalelf sagte eine Legende Servus. Und machte beim 1:1 natürlich keinen Fehler.

Die Nummer 1 betrat das Feld als Letzter.

69.000 Fans jubelten, als Oliver Kahn zu seinem letzten Auftritt in die Münchner Allianz-Arena einlief. Unter lautstarken "Oli, Oli"-Rufen bereiteten sie ihm einen unvergesslichen Empfang. Der Ex-Torhüter des FC Bayern München - zum Ende seiner aktiven Karriere sollte er noch einmal in seinem Wohnzimmer aufspielen.

Die Gäste konnten sich sehen lassen: Zu Ehren einer wohl einmaligen Torwartkarriere empfing der FC Bayern die deutsche Fußballnationalmannschaft. An der Seitenlinie stand sich damit das Erfolgsduo der WM 2006, Joachim Löw und Jürgen Klinsmann, erstmals als Konkurrenten gegenüber.

Den besseren Start erwischte die DFB-Elf - doch Kahn, der für die Bayern antrat, zeigte gleich bei der ersten gefährlichen Aktion von Ex-Vereinskollege Bastian Schweinsteiger, warum er 429 seiner 557 Bundesliga-Spiele für einen der besten Clubs Europas absolvieren durfte. Kahn entschärfte den Torversuch in der dritten Minute.

Wie viel Respekt der 86fache Nationalspieler auch noch nach seinem Rücktritt genießt, wurde drei Minuten später deutlich. Gladbachs Dribbeltalent Marko Marin setzte aus halblinker Position zu einem geschlenzten Aufsetzer an, den der 39-jährige Kahn mit den Fingerspitzen gerade so um den Pfosten lenken konnte. Marin klappte kurz die Handfläche in Richtung des Torhüters auf und murmelte ein schüchternes "Entschuldigung" in Kahns Richtung - obwohl er doch eigentlich nur seinen Job gemacht hatte. Auch in der Folgezeit ging es sehr freundschaftlich unter den 22 Akteuren zu. Die DFB-Elf, die im Mittelfeld ohne die verletzten Torsten Frings (Nasenbeinbruch) und Michael Ballack (Fußprellung) antrat, hatte allerdings mehr vom Spiel.

Die Folge: In der 32. Minute traf der Ex-Bayer Piotr Trochowski zum 1:0 für die Mannschaft von Bundestrainer Löw.

Während einige Spielverderber unter den Bayern-Fans den Treffer des Hamburger Mittelfeldspielers mit Pfiffen quittierten, lieferte Kahn noch einmal dieses für ihn so typische Gesicht nach einem Gegentreffer: Den Mund halb offen bearbeitete er sein Kaugummi, als hätte dieses eine frustableitende Oberfläche. Parallel zwinkerte er gekniffen mit dem linken Auge, als wollte er sagen: Dieses Tor ärgert mich jetzt nicht mehr.

Und wie es ihn ärgerte.

"Ich glaube, dass der FC Bayern in der zweiten Halbzeit noch mal richtig Gas geben wird" - diese Devise gab Kahn mit funkelnden Augen in der Pause aus. Auffallend, dass er vom "FC Bayern" sprach und nicht von "wir".

Kahn scheint sich rund drei Monate nach seinem letzten Pflichtspiel mit dem FCB gegen Hertha (4:1) damit arrangiert zu haben, dass seine erfolgreiche Karriere vorbei ist. Auf dem Platz gab er trotzdem noch einmal alles. Und lag mit der Einschätzung seiner Vorderleute richtig. Nach einem schönen Pass des neuen Außenverteidigers Massimo Oddo, den die Bayern kurz vor dem Ende der Transferperiode vom AC Mailand ausgeliehen hatten, vollstreckte Stürmer Miroslav Klose zum 1:1.

Der Nationalspieler hatte die erste Halbzeit von der Bayern-Bank aus verfolgen müssen, Klinsmann schickte Luca Toni und Lukas Podolski von Beginn an auf den Rasen.

Nach dem Ausgleich war es weniger das freundschaftliche Spiel beider Mannschaften, das Gefühle weckte, als Kahn selbst. Je näher seine geplante Auswechslung in der 75. Minute rückte, desto emotionaler trat er auf.

Als der dreifache Welttorhüter in der 69. Minute einen Abstoß machte, feierten ihn die Fans - da winkte er mit glasigen Augen ins Rund, ehe er den Ball mit einem dieser souveränen Tritte in die gegnerische Hälfte beförderte.

In der 72. Minute musste Kahn sich noch einmal strecken, um einen Kopfball von Kuranyi zu entschärfen, und dann war Schluss.

Der besessene Ballfänger war einmal mehr in seiner außergewöhnlichen Karriere ohne Fehler geblieben.

Nicht auszudenken, wenn sich der Paradetorwart mit einem Patzer verabschiedet hätte.

Seinen letzten Ballkontakt erlebte Kahn 13 Sekunden vor dem Ende der 75. Spielminute. Danach holte er eine Bayern-Fahne aus dem Netz und band sich das Stofftuch wie einen Umhang um den Hals. Der Supermann trug an diesem Abend Rot-Weiß.

"Time to say good bye" - sogar Englands Talentshowgewinner Paul Pott gab sich und dem Titan zum Abschied die Ehre. Oliver Kahn drehte unter den Klängen des Tenors sichtlich gerührt eine Runde im Innenraum und rang mit den Tränen, die zu diesem Zeitpunkt bei manchen Zuschauern hemmungslos flossen.

"Das war das Größte, was ich in meiner Karriere erlebt habe", sagte Kahn dann. "Ich kann mich nur für die Unterstützung in all den Jahren bedanken. Das war der Gipfel für mich. Der FC Bayern wird auch in dieser Saison und in den nächsten Jahren immer ganz oben sein. Danke schön!"

"Es ist ein schöner Moment für ihn", sagte Schweinsteiger. "Wir freuen uns alle."

Die Bayern hatten zur letzten Party noch mal groß aufgefahren - für einen der abgefahrensten Torhüter in der Geschichte des Fußballs. Den, der als Letzter kam und als Erster ging.

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