Absteiger Kaiserslautern Wenig Perspektive in der Pfalz

Der 1. FC Kaiserslautern hat in Wolfsburg gekämpft und alles gegeben: Gereicht hat es dennoch nicht, der Club steigt in die zweite Liga ab. Ob er bald wieder ins Oberhaus zurückkehrt, ist mehr als fraglich. Nicht nur die finanzielle Misslage bereitet Sorgen.

Von Katrin Weber-Klüver


Es ist vorbei, wenn es vorbei ist. Und manchmal ist es wohl ganz gut, wenn das Hoffen endlich aufhört und das Bangen und das Rechnen und wieder das Hoffen. Zumal es vergeblich war und zum erschöpfenden Schluss die Erkenntnis bleibt: ein Tor fehlt. Zu was auch immer. Für den 1. FC Kaiserslautern hätte ein Tor mehr womöglich nur eine weitere Saison Kampf um die Klasse bedeutet.

Ein Tor mehr und die Pfälzer hätten das letzte Spiel in Wolfsburg 3:2 gewonnen, hätten den VfL noch abgefangen, wären nicht abgestiegen. Nun sind sie es. Zum zweiten Mal nach 1996. Damals entschied in Leverkusen ebenfalls ein Tor für Bayer und gegen Lautern. Leverkusen wuchs nach jener Rettung zu einem der spielerisch aufregendsten Vereine der Liga. Leverkusen schaffte es bis in ein Champions-League-Finale.

In Wolfsburg ist das nicht zu erwarten. Wie auch Leverkusen hat der Verein seinen Weg in der Bundesliga als Marketinginstrument eines Großkonzerns gemacht. All die ambitionierten Ideen mit deutschen Altstars und südamerikanischen Stars in spe, die Bayer Leverkusen bis in die europäische Spitze brachten, hat das VW-Anhängsel VfL schon kopiert. Erfolglos. Wolfsburg hat sich mal mit Stefan Effenberg lächerlich gemacht und selbst mit dem argentinischen Ausnahmetalent Andres D'Alessandro keinen einprägsamen Stil kreiert. Das Stadion blieb meist halb leer, das größte Wolfsburger Spektakel der Saison vor dem letzten Spieltag war die Doppelentlassung von Manager Thomas Strunz und Trainer Holger Fach.

Im Winter stutzte der neue Trainer Augenthaler den Kader auf eine bodenständige Arbeitsgemeinschaft zurecht. Kein D'Alessandro mehr für die Phantasie, dafür wieder ein Schnoor fürs Hemdsärmelige auf und jenseits des Platzes. Dass nun mit Cedrick Makiadi ein Spieler aus der eigenen Jugend mit einem Tor und einer Vorlage das schlechte Spiel gegen Kaiserslautern drehte, könnte ein Zeichen sein. Oder auch nur wieder eine schlechte Kopie andernorts geglückter Erfolgsmodelle. Das Marketingtool Champions League wird auch im kommenden Jahr weit weg sein von Wolfsburg.

Möglicherweise ungefähr so weit wie der direkte Wiederaufstieg für Kaiserslautern. Nach dem ersten Abstieg ging die Sache gut aus, auf halblange Sicht gesehen. Die Pfälzer kehrten direkt in die erste Liga zurück und wurden - eine bis heute einmalige Leistung - als Aufsteiger Deutscher Meister. Damals.

Niemand glaubt, dass sich das Wunder wiederholen wird. Das Mirakel unter Otto Rehhagel hatte ungefähr die Halbwertzeit wie später des Trainers Erfolg mit der griechischen Nationalelf. Es dauerte nicht lange und der Verein, der so viel auf seine Tradition hält, auf den Mythos Fritz Walter und die Atmosphäre am Betzenberg, lief wieder seiner großen Vergangenheit hinterher und türmte in der Gegenwart überschätzte Fußballer und Abstiegsangst auf. Und hohe Schulden, weil er trotzdem unbedingt ein WM-Stadion haben wollte.

Jäggi wollte aufräumen - und hatte keine Chance

René C. Jäggi, der 2002 kam, um die bedrohenden Geldprobleme zu lösen, sorgte tatsächlich dafür, dass der Verein nicht sofort pleite ging. Sportlich aber ging der FCK unter dem Schweizer vor die Hunde. "Wenn ich könnte, würde ich ins kalte Wasser springen und mich steinigen und peinigen", sagte Jäggi nach dem Spiel in Wolfsburg. Er klang gelassen. Seine Zeit als Vereinschef ist vorbei. Jäggi wollte auch den tiefen Morast der Pfälzer Neunmalklugen austrocknen. Und hatte keine Chance. Nun können sie wieder besser wissen, die Baslers und Briegels.

Kaiserslautern wird nominell die große Nummer der zweiten Liga sein. Fragt sich nur, wer auf dem Platz stehen wird. Wolfgang Wolf, der im November Michael Henke als Trainer beerbte, hat die Mannschaft fulminant umgebaut. Mit dem, was Kaiserslautern anfangs der Spielzeit war, hat das, was Kaiserslautern am Ende war, nicht mehr viel zu tun. Verbrauchte Spieler wie Jancker oder Sforza wurden irrelevant, Wolf ließ einen Teenager nach dem anderen ran: Fromlowitz, Halfar, Reinert, Schönheim, Ziemer, Bohl.

Es entstand eine überraschend interessante, lebenslustige und dank des Stürmerduos Altintop und Sanogo gelegentlich sogar erfolgreiche Mannschaft. Diese Jugend könnte die Zukunft Kaiserslauterns sein, aber die zweite Liga ist für sie eine harte Strafarbeit. Kaum war das Spiel in Wolfsburg vorbei und kurz erwähnt, wie traurig alle seien, schlug Wolf Alarm. Mit zwölf Spielern, davon acht aus dem Nachwuchs könne er derzeit planen - und der Etat sei schon erschöpft.

Altintop wird Schalker, Sanogo will weg. Und auch "an meinen Jungen sind schon welche dran", klagte Wolf. Er selbst wolle zwar bleiben, jedoch nicht mit der "Perspektive, dass nach dem zehnten Spieltag mein Kopf rollt". Der Verein hat seine Tradition und er hat seine Talente. Das ist viel. Aber ohne Geld, um die jungen Spieler zu halten und ihnen erwachsene Helfer zu holen, führt beides eher in die dritte denn zurück in die erste Liga.

Es ist vorbei, wenn es vorbei ist. Das Schöne am Fußball ist: Kaum ist es vorbei, schon geht es weiter.

Wie auch immer.

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.