Abstiegskampf Magath soll Feuerwehrmann beim HSV werden

Der HSV hat die Notbremse gezogen: Trainer Doll ist entlassen. Jetzt wird mit dem geschassten Bayern-Coach verhandelt - er soll das Team vor dem Abstieg retten. Dabei wollte Magath nie mehr als Krisenhelfer arbeiten. Aber auch ein Coach aus den Niederlanden ist im Gespräch.

Von Pavo Prskalo


Hamburg - Der Blick war leer, der sonst so redegewandte Thomas Doll rang auf der Pressekonferenz um Worte. Wie sollte er den Journalisten, den Fans dieses enttäuschende 1:1 gegen Energie Cottbus erklären? Doll versuchte es erst gar nicht. "Wir werden jetzt sehen, wie es weitergeht", kommentierte der 40-Jährige. Keine üblichen Phrasen, keine Aufmunterung für seine "Jungs". Doll wusste: Seine Zeit als Trainer des Hamburger SV ist abgelaufen.

Am 18. Oktober 2004 hatte er die Mannschaft von Klaus Toppmöller übernommen – am Tabellenende. Heute, rund zweieinhalb Jahre später, findet sich der HSV genau dort wieder. Der Kreis hat sich geschlossen. Die Champions-League-Qualifikation im vergangenen Jahr? Schnee von gestern. Nach den zwei Unentschieden zu Beginn der Rückrunde musste selbst der treueste Doll-Verfechter, Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann, eingestehen, dass man mit dem einstigen HSV-Flügelstürmer die Wende nicht mehr herbeiführen kann.

"Wir mussten jetzt reagieren", verkündete Hoffmann heute morgen. Erst jetzt? Statt nach einer miserablen Vorrunde (nur ein Sieg aus 17 Partien) mit einem neuen Mann in die Vorbereitung zu gehen, hielt man krampfhaft an Doll fest. Wie verzweifelt dessen Lage zuletzt war, zeigt die gestrige Aufstellung. Der Coach begnadigte Linksverteidiger Thimothee Atouba nach dessen Stinkefinger-Affäre und dem Rauswurf aus dem Trainingslager und stellte ihn in die Startelf. Der Kameruner präsentierte sich wie zuletzt gewohnt: völlig außer Form. Auch der "neue Hoffnungsträger" im Sturm ("Bild"), Ivica Olic (kam für zwei Millionen Euro von ZSKA Moskau), bekam nach nur einem Trainingstag gleich einen Platz in der Anfangsformation. Viel war vom 27-jährigen Kroaten nicht zu sehen – wie überhaupt vom einstigen HSV-Glanz.

Der letzte Bundesliga-Heimsieg datiert vom 9. April 2006 (2:0 gegen Mönchengladbach). Spieler wie Sergej Barbarez, Stefan Beinlich, Daniel van Buyten oder Khalid Boulahrouz standen damals unter Vertrag. Alle ließ der HSV ziehen und verpasste es, rechtzeitig äquivalenten Ersatz zu verpflichten. Nach und nach gaben Doll und Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer Millionen für Spieler wie Boubacar Sanogo (Kaiserslautern), Vincent Kompany (Anderlecht) oder auch Danijel Ljuboja (Stuttgart) aus. Die Lücken konnten sie nie ausfüllen.

Und nun? Bereits morgen will die Vereinsführung einen neuen Übungsleiter präsentieren, der die Mannschaft auf die Partie am Samstag bei Hertha BSC (15.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) vorbereitet. Co-Trainer Ralf Zumdick wird es nicht sein, er wurde wie auch Torwarttrainer Ronny Teuber mit Doll entlassen. Im Gegensatz zu Beiersdorfer. Der soll trotz seiner Verbundenheit zu Doll bleiben – und hat sich nun offenbar an einen alten Bekannten gewendet: Felix Magath.

Zwischen 1986 und 1988 arbeiteten beide zusammen beim HSV, Beiersdorfer als Spieler, Magath nach seiner aktiven Karriere als Manager. Nach seiner gestrigen Entlassung als Trainer des FC Bayern wäre Magath frei für die neue Aufgabe. Nach übereinstimmenden Medienberichten saß er heute morgen um 6.30 Uhr im Lufthansa-Flieger von München nach Hamburg. Doch ist der 53-Jährige, der bereits zwischen Oktober 1995 und Mai 1997 Coach der Norddeutschen war, bereit zu diesem sportlichen Abstieg?

Die Fans jedenfalls streckten bereits bei der Partie gestern Plakate mit Magaths Namen gen Himmel. Auch HSV-Legende Uwe Seeler plädiert für Magath. "Die Mannschaft muss aus ihrer Lethargie kommen. Felix hat ja schon oft bewiesen, dass er dafür ein richtiger Mann ist, dass er eine Mannschaft powern und aus dem Keller holen kann", sagte der 70-Jährige dem Fernsehsender "N24".

Magath bestätigte, dass er Verhandlungen mit dem Tabellenletzten geführt hatte: "Es stimmt, dass wir uns unterhalten haben", sagte er bei seiner Ankunft am Münchner Flughafen heute Abend dem Fernsehsender DSF. Er ließ aber auch verlauten, dass er noch ein Nacht über die Entscheidung schlafen müsse. Sollte er Trainer des HSV werden, dann deswegen, "weil es eine Herzensangelegenheit ist".

Die Profis dagegen dürften sich nicht so sehr freuen. Hatten sie unter dem "lieben Tommy" und dessen kumpelhafter Art noch wenig zu fürchten, würde mit Magath eine härtere Gangart Einzug halten. Medizinbälle schleppen statt Fußbälle streicheln. Wenn Magath eines nicht ausstehen kann, dann eine unprofessionelle Einstellung auf dem Platz und auch außerhalb. Vielleicht ist es ja gerade dieser Gegensatz, den die HSV-Spieler jetzt brauchen. Für Magath hätte die Aufgabe als neuer Trainer der Hamburger sicherlich einen ganz besonderen Reiz: Nachdem er in München gezeigt hat, dass er ein Meistertrainer ist, könnte er nun wieder seinen Ruf als "Feuerwehrmann" beweisen.

Wie damals, 1997 beim Zweitligisten Nürnberg oder ein Jahr später beim damaligen Tabellenletzten der Bundesliga, Werder Bremen. Auch 1999 löschte Magath wieder, diesmal bei Eintracht Frankfurt, ebenso 2001 in Stuttgart. All diese Teams rettete er vor dem Abstieg, verkündete danach aber, dass er niemals mehr einen Job bei einem abstiegsbedrohten Verein annehmen werde: "Es kann sich jeder seinen Retter suchen, bei mir braucht keiner mehr anzurufen", erklärte Magath nach seiner Zeit in Stuttgart.

Doch wie es aussieht, macht er eine Ausnahme von seiner Regel. "Der HSV ist für mich eine Herzensangelegenheit. Mit keinem anderen Verein wäre ich in dieser Situation überhaupt in Verhandlungen eingetreten", verriet Magath heute nachmittag dem "Hamburger Abendblatt".

Als Alternative steht laut "Bild"-Zeitung Huub Stevens bereit. Der frühere Trainer von Schalke 04 und Hertha BSC, der derzeit den niederländischen Ehrendivisionär Roda JC Kerkrade betreut, kann nach eigenem Bekunden sofort nach Hamburg wechseln.



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Seite 1
Umberto, 30.01.2006
1.
---Zitat von sysop--- Die Auswechslung des Trainers gilt als Allheilmittel im Profifußball. Doch was bringt das Feuern der Übungsleiter wirklich? Lenken die Maßnahmen oft nur von den wirklichen Problemen innerhalb einer Mannschaft oder eines Vereines ab? ---Zitatende--- Das geht doch immer nach dem altbewährten Motto: Der Sieg hat viele Väter, die Niederlage nur einen. Es ist doch viel einfacher nur einen, den Trainer, auszutauschen, als wesentliche, den Ansprüchen nicht genügende Teile der Mannschaft. Ist auch wohl eine Frage der Finanzierung. Denn wenn es auf dem Platz nicht läuft, tröpfelt es nur noch in die Kasse (statt zu fliessen). Der Mißerfolg eines Trainers kann doch auch damit zusammenhängen, dass man den "Richtigen" gar nicht erst bekommen hat, sondern nehmen mußte, was übrig war und zur Vereinsfinanzlage paßte.
Paolo, 31.01.2006
2.
---Zitat von Umberto--- Das geht doch immer nach dem altbewährten Motto: Der Sieg hat viele Väter, die Niederlage nur einen. Es ist doch viel einfacher nur einen, den Trainer, auszutauschen, als wesentliche, den Ansprüchen nicht genügende Teile der Mannschaft. Ist auch wohl eine Frage der Finanzierung. Denn wenn es auf dem Platz nicht läuft, tröpfelt es nur noch in die Kasse (statt zu fliessen). Der Mißerfolg eines Trainers kann doch auch damit zusammenhängen, dass man den "Richtigen" gar nicht erst bekommen hat, sondern nehmen mußte, was übrig war und zur Vereinsfinanzlage paßte. ---Zitatende--- In der Tat. Wenn Mannschaften gewinnen, schieben sich die dicklichen, zigarrerauchenden, sesselpupsenden Funktionäre in den Vordergrund. Wird mal verloren, muß der Trainer seinen Hut nehmen. Und schaut man sich den 1. FC Köln an, sieht man, dass ein Trainerwechsel gar nichts bringt. Seit mehr als 6 Jahren krebsen die zwischen 2. und 1. Liga hin und her. Das kann ja wohl nicht am Trainer liegen. Die Jungs haben Beine, die sie kaum noch zum Laufen verwenden. Im übrigen bringen diese eine Kontinuität entgegenstehenden Wechsel nur Unruhe in den Betrieb.
Dr. Gonzo, 10.02.2006
3.
"Den größten Fehler, den wir jetzt machen könnten, wäre, die Schuld beim Trainer zu suchen." Karl-Heinz Körbel (als Trainer von Eintracht Frankfurt) "Tagsüber, wenn die Sonne scheint, ist es hier noch wärmer!" Heribert Faßbender (auf Teneriffa)
Umberto, 10.02.2006
4. Armer VfB ???
---Zitat von Umberto--- Ist auch wohl eine Frage der Finanzierung. Denn wenn es auf dem Platz nicht läuft, tröpfelt es nur noch in die Kasse (statt zu fliessen). ---Zitatende--- Der "teure" Trapattoni geht, der "billigere" Armin Veh kommt. Na, wenn das mal gut geht.
Gosch, 10.02.2006
5.
---Zitat von sysop--- Die Auswechslung des Trainers gilt als Allheilmittel im Profifußball. Doch was bringt das Feuern der Übungsleiter wirklich? Lenken die Maßnahmen oft nur von den wirklichen Problemen innerhalb einer Mannschaft oder eines Vereines ab? Welche Beispiele gab es in den vergangenen Jahren für sinnvolle Neuverpflichtungen, wo führte ein Trainerwechsel trotzdem zur sportlichen Katastrophe? ---Zitatende--- Im Zusammenhang mit Trainerentlassungen klingt oft so ein mitleidiger Unterton mit: der arme Kerl, hat es nicht verdient, Schuld ist doch dieses und jenes... Ich meine, man darf eine Trainerentlassung nicht mit der Entlassung eines "normalen" Arbeitnehmers gleichsetzen. Jeder Trainer wird wegen Erfolgslosigkeit das eine oder andere Mal entlassen. Vermutlich kommen auf jeden erfüllten Trainervertrag 20 Verträge, die vorzeitig aufgelöst werden. Eine Entlassung ist für einen Trainer eine ebenso unvermeidliche Sache wie eine Zerrung für einen Spieler, Berufsrisiko halt. Die Gründe für Trainerentlassungen sind ja nu auch nicht über einen Kamm zu scheren - wenn das Verhältnis zur Mannschaft erschüttert ist, bleibt den Verantwortlichen kaum etwas anderes übrig, als den Trainer zu entlassen. In den meisten Fällen allerdings ist es schlicht ein Akt der Verzweiflung, nämlich der einzige Impuls, den das Management mitten in einer Saison noch anbringen kann, um eine sportliche Trendwende herbeizuführen. Statistisch gesehen Unfug, aber zur Demonstration von "Entschlossenheit" und "aktiver Krisenbewältigung", sprich: zur Beruhigung der Öffentlichkeit durchaus wirksam.
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