Abstiegskandidat Freiburg Selbstaufgabe im Strafraum

Der Weg in die Zweite Liga scheint zementiert: Für Berlin und Freiburg hat sich die Lage im Abstiegskampf drastisch verschlechtert. Der SC scheint ganz aufgegeben zu haben - nur Hannover 96 schickt mit seinem Sieg über Schalke noch mal ein Lebenszeichen.

Freiburgs Makiadi gegen Bremens Frings: Phasenweise vorgeführt
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Freiburgs Makiadi gegen Bremens Frings: Phasenweise vorgeführt

Von Rainer Schäfer


Bei Werder Bremen zu verlieren ist eine Sache. So, wie der SC Freiburg an diesem Wochenende verloren hat, ist eine andere.

Gerade im zweiten Durchgang dürfte den Freiburger Profis deutlich geworden sein, dass der Klassenerhalt mit solchen Auftritten zur unmöglichen Mission wird. Da stemmte sich lediglich Torwart Simon Pouplin ernsthaft gegen die Niederlage, phasenweise wurde die Gästeabwehr von den Bremern beim 0:4 (0:1) vorgeführt.

Mesut Özil, Aaron Hunt und Claudio Pizarro zeigten der SC-Abwehr um Kapitän Heiko Butscher ihre Grenzen. "Nach dem 0:4 habe ich nur noch auf die Uhr geschaut und gedacht: Lass es zu Ende sein", sagte Butscher und ergänzte: "Ich hasse Spiele gegen Werder." Schon das Hinspiel hatte die Mannschaft von Thomas Schaaf 6:0 gewonnen.

In der ersten Halbzeit gelang es dem Team von Trainer Robin Dutt noch halbwegs, die Ordnung aufrecht zu erhalten. Der SC hätte sogar in Führung gehen müssen, als Cédric Makiadi nach sieben Minuten kläglich aus bester Position vergab. Auch Freiburgs einzige Sturmspitze Papiss Cissé scheiterte aus wenigen Metern an Wiese (23.), einmal mehr der Beweis für die frappierende Abschlussschwäche des Teams. Die wird den Freiburgern schon seit Jahren attestiert wie ein angeborenes Handicap.

Mittelfeld als Tummelplatz biederer Fußballarbeiter

Freiburg gilt als Sammelbecken von Strafraum-Melancholikern. Von Stürmern, die auffallen, weil sie eben nicht eiskalt vollstrecken. An manchen Tagen spielt die Elf von Robin Dutt mit Hingabe über die Breite des gesamten Spielfeldes, als ob es dafür Punkte gäbe. Nur die Nähe des gegnerischen Tores meiden die Breisgauer dann wie eine verminte Zone. Manchmal wirken sie im Spiel wie Schüler, die während der Klassenarbeit zu träumen beginnen und dabei die Lösung der Aufgabe vergessen.

Aber Freiburg ist nicht nur so weit in der Tabelle abgesackt, weil der Ball nicht in das gegnerische Tor will. Lange Jahre galten die Freiburger als Mannschaft, die es versteht, eine gepflegte Spielkultur zu entfalten. Davon war in Bremen nicht mehr viel zu sehen. Dort wurde anfänglich ein hoher läuferischer und kämpferischer Aufwand betrieben, aber die einstige Erkenntnis, dass Ballbesitz auch Dominanz bedeutet, scheint in Freiburg abhanden gekommen zu sein. Gegen Werder wurden keine 40 Prozent Ballbesitz erreicht.

Unter Dutt ist das Freiburger Spiel zwar flexibler geworden, neben dem berühmten Kurzpassspiel der Ära Volker Finke ist nun auch das Mittel des langen Balles erlaubt. Aber letztendlich ist es nicht die Wahl der taktischen Mittel, die über den Klassenverbleib entscheidet, sondern die Qualität des Kaders. Gerade im Mittelfeld der Freiburger tummeln sich biedere Fußballarbeiter wie Jonathan Jäger und Julian Schuster. Mit einer über weite Strecken leblosen Vorstellung wird es für die Freiburger schwierig, den Relegationsplatz zu erreichen, der den Tabellen-16. der Bundesliga gegen den Dritten der Zweiten Liga führt. Derzeit ist Freiburg Vorletzter und hat zwei Punkte Rückstand auf Rang 16.

Hannover kaum wiederzuerkennen

Dort steht nach diesem Spieltag Hannover, das sich überraschend eindrucksvoll zurückmeldete. Noch vor kurzem litten sie an ähnlichen Symptomen wie die Freiburger. Gegen den FC Schalke 04 agierte 96 aber leidenschaftlich, war kaum wiederzuerkennen. Mit Mirko Slomka arbeitet schon der dritte Trainer in dieser Saison in Hannover. War es doch die richtige Maßnahme, um den Klassenerhalt noch zu schaffen? Slomka sagt: "Es reicht noch nicht, um die Klasse zu halten, jetzt kommen noch brutal schwere Spiele." In den kommenden beiden Partien müssen die Niedersachsen zuerst in München, dann in Leverkusen antreten. Freiburg empfängt nacheinander Nürnberg und Wolfsburg, kein Vorteil für den SC, der sich zu Hause schwerer tut als in Auswärtsstadien.

Sollten die Freiburger den Klassenerhalt nicht schaffen, würde man das an der Dreisam nicht als Niedergang begreifen. Abstiege gehören dort zum Fußballzyklus. Mal geht es runter, mal geht es rauf, das hat der SC in den 16 Jahren Regentschaft von Volker Finke als Lebensrhythmus verinnerlicht. Finke trainierte den SC von 1991 bis 2007, dann kam Dutt. Der SC wird mit einer Politik der ruhigen Hand geführt, ein starker Konzepttrainer gibt die Philosophie vor, der Präsident hält sich zurück. Das war bei Achim Stocker so, daran hält sich auch Nachfolger Fritz Keller.

In Freiburg kommt keine aktionistische Hire-and-Fire-Mentalität auf, wenn die sportlichen Ziele nicht erreicht werden. Stattdessen wird in Ruhe analysiert und ein neuer Anlauf genommen. Dutt wird den Verein aller Voraussicht nach auch in der kommenden Saison trainieren. Der 45-Jährige kann alles erklären, er ist ein brillanter Analytiker. Dutt doziert über die Defizite seiner Mannschaft wie ein Vater, der über sein schwer erziehbares Kind redet, das er trotz allem liebt. Diesen Langmut, diese Ruhe kann man bewundern. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, es fehle an Bewegung, an Leidenschaft. Es sei diese Lethargie, die den SC im ewigen Wellental zwischen erster und zweiter Liga halte.

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fx33 12.04.2010
1. Dutt raus, Dufner raus, Keller raus.
Dutt, Dutt, Dutt... ich kann's nicht mehr hören. Unter Dutt kam dem SC die Spielkultur anhanden, ohne dass sich dafür besondere sportliche Erfolge einstellten. Die "ruhige Hand", mit der beim SC agiert wurde, ist einer strategie- und visionslosen Rumeierei gewichen. Statt konsequentes Scouting zu betreiben, um billige, talentierte und ausbaufähige Spieler nach Freiburg zu holen, wird immer häufiger viel Geld in die Hand genommen, um Spieler zu kaufen, die dann oft die erwartete Leistung nicht bringen (Reisinger, Bechstein, Mujdza, Makiadi, Krmas, oder die Totalausfälle Günes und Türker). Wobei zur Ehrenrettung von Makiadi gesagt werden muss, dass er - obwohl als Offensivkraft geholt - lange Zeit rechts in der Defensive spielen musste, während der genau für diese Position geholte Mujdza ein Leben als Bankdrücker führen musste. Unnötig zu erwähnen, dass diese Konstellation für richtig viele Problem (und Gegentoren) führte. Dutt mag ein brillanter Analytiker sein, aber er ist nicht in der Lage, die Resultate seiner Analysen zu verwerten, oder auch nur ein Feuer in der Mannschaft zu entfachen. So sehr ich auch ein Gegner des Hire and Fire bin, finde ich, dass Dutt gezeigt hat, dass er der falsche Trainer für Freiburg ist. Wobei das sportliche Management mindestens ebenso für die Misere verantwortlich ist, wie der Trainer. Dutt und Dufner sollten gehen müssen, und der Verantwortliche im Präsidium, Fritz Keller, sollte sich aus der Vereinsführung zurückziehen, anstatt sich um die Nachfolge von Stocker zu bemühen.
heuwender 12.04.2010
2. Sc Freiburg ohje ohje
Dutt raus, Finke rein und Bezahlung nach Leistung... In der 2 Liga kann man bald darüber nachdenken,gell ihr Freiburger Bobbele!!!
heuwender 12.04.2010
3. Sc Freiburg ohje ohje
Dutt raus, Finke rein und Bezahlung nach Leistung... In der 2 Liga kann man bald darüber nachdenken,gell ihr Freiburger Bobbele!!!
einar der axtschwinger 13.04.2010
4. Sachte, sachte...
gegen Werder Bremen kann man auch in der Höhe verlieren. Solche Spiele sind einfach Vabanque-Spiele. Wenn Makiadi das Ding nach fünf Minuten macht, dann eiert Bremen über 90 Minuten rum, Pizarro macht vielleicht ein Tor, vielleicht auch nicht. Klar hätten Teams wie Köln oder Bochum in der derzeitigen Verfassung das Spiel nicht 0:4 verloren sondern nur 0:1 oder 0:2, aber dafür wären die Chancen aufs Gewinnen kleiner gewesen. So war das schon immer, Mannschaften wie Freiburg, Mainz oder letztes Jahr der KSC holen ihre Punkte nicht gegen Mitkonkurrenten, sondern, indem sie Teams aus dem oberen Tabellendrittel mit Offensivfußball überraschen. Und wenn es im Sturm dann manchmal hakt, dann gehts bergab. Der KSC ist letztes jahr auch abgestiegen, obwohl sie zeitweise richtig starken fußball gespielt haben, nur eben im 16er nicht mehr. Dennoch sind mir solche Teams viel lieber, die trotz Abstieg nicht die Konzeption verlieren und konsequent weiter Offensivfußball spielen. Ich hoffe zumindest dass das in Freiburg durchgezogen wird. Man kann einen Abstieg auch mit Fassung und Stil tragen. Gegenbeispiele gibt es genug... In Cottbus und Karlsruhe haben sie in blindem Aktionismus das halbe Team und die Trainer erneuert und beide Mannschaften bieten dieses Jahr zum Teil entwürdigenden Stotterfußball (wobei das in Cottbus schon fast unter Konzeption zu fallen scheint)
fx33 13.04.2010
5. Die Philosophie ist futsch
Zitat von einar der axtschwingergegen Werder Bremen kann man auch in der Höhe verlieren. Solche Spiele sind einfach Vabanque-Spiele. Wenn Makiadi das Ding nach fünf Minuten macht, dann eiert Bremen über 90 Minuten rum, Pizarro macht vielleicht ein Tor, vielleicht auch nicht. Klar hätten Teams wie Köln oder Bochum in der derzeitigen Verfassung das Spiel nicht 0:4 verloren sondern nur 0:1 oder 0:2, aber dafür wären die Chancen aufs Gewinnen kleiner gewesen. So war das schon immer, Mannschaften wie Freiburg, Mainz oder letztes Jahr der KSC holen ihre Punkte nicht gegen Mitkonkurrenten, sondern, indem sie Teams aus dem oberen Tabellendrittel mit Offensivfußball überraschen. Und wenn es im Sturm dann manchmal hakt, dann gehts bergab. Der KSC ist letztes jahr auch abgestiegen, obwohl sie zeitweise richtig starken fußball gespielt haben, nur eben im 16er nicht mehr. Dennoch sind mir solche Teams viel lieber, die trotz Abstieg nicht die Konzeption verlieren und konsequent weiter Offensivfußball spielen. Ich hoffe zumindest dass das in Freiburg durchgezogen wird. Man kann einen Abstieg auch mit Fassung und Stil tragen. Gegenbeispiele gibt es genug... In Cottbus und Karlsruhe haben sie in blindem Aktionismus das halbe Team und die Trainer erneuert und beide Mannschaften bieten dieses Jahr zum Teil entwürdigenden Stotterfußball (wobei das in Cottbus schon fast unter Konzeption zu fallen scheint)
Ich bin ein Gegner von Aktionismus. Beim SC muss man immer mit dem Abstieg rechnen. Finke wurde ja auch 16 Jahre lang nicht rausgeworfen, obwohl der SC in der Zeit 3 mal abgestiegen ist. Da stimmte aber auch das Konzept. Seit im Präsidium Fritz Keller und Heinrich Breit angefangen haben, das große Wort zu führen, ist es mit der Philosophie des SC den Bach runter gegangen. Der vermeintlich schlechte Tabellenstand in der 2. Liga und das von interessierter Seite an die Wand gemalte Abstiegsgespenst wurde gegen Finke instrumentalisiert, um ihn endlich zu entmachten. Dabei ging es nicht um das sportliche, sondern darum, dass die Vizepräsidenten Keller und Breit endlich was zu sagen haben wollten im Verein. Leider wurde dann als Ersatz ein Trainer geholt, der zwar theoretisch und analytisch brilliert, aber sich weder gegen das sportliche Management (übrigens genau der Sportdirektor, der vorher 1860 an die Wand gefahren hatte) in sportlichen Belangen durchsetzen kann, noch in der lage ist, ein Konzept länger als 3 Spiele durchzuhalten, wenn der unmittelbare Erfolg ausbleibt. Dazu die unmögliche Personalpolitik. Ich hätte nichts gegen Dufner, Dutt, Breit oder Keller, wenn sie die Philosophie des Vereins erhalten würden. Wenn es Spaß machen würde, den Spielen zuzuschauen. Wenn ein Konzept erkennbar wäre. Zu sehen ist nur kurzfristiger Aktionismus, auf und neben dem Platz. Wenn da die einzige Konstanz, die einzige Reminiszenz an die frühere Philosophie, darin besteht, den Trainer nicht zu entlassen, dann ist das faul. Früher wurde der Trainer wegen des erkennbaren und in weiten Teilen auch erfolgreichen Konzepts nicht entlassen, heute wird die Nichtentlassung des Trainers bei Misserfolg zum Konzept erhoben. Und genau das stinkt mir.
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