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24. Juni 2005, 17:19 Uhr

Abwehr-Hüne Huth

Vom Holzmichel zum Heiligen

Von , Nürnberg

Er ist der Mann der Extreme in der DFB-Elf: Robert Huth. Der Abwehrspieler startete miserabel in den Konföderationen-Cup, doch schon zwei Spiele später gilt der 20-Jährige wieder als Souverän in der Verteidigung. Die Fans feiern Huth, dem aber noch eins zum Glück fehlt: Ein Stammplatz im Verein.

Nationalspieler Huth: Mini-WM als Entwicklungshelfer
AP

Nationalspieler Huth: Mini-WM als Entwicklungshelfer

An seinem Tiefpunkt wurde er sogar zum Wort des Tages. Der Name Robert Huth, so hatte die Universität Leipzig herausgefunden, war an jenem Tag am häufigsten in den deutschen Medien aufgetaucht. Als Beleg wurden ein Assoziationsgraph beigefügt und viele Sätze, die über Robert Huth geschrieben oder gesagt worden waren. Die Kurve des Graphen schlug an diesem 18. Juni stark nach oben aus, und die Belegstellen klangen so: "Sogar der zuletzt bemitleidenswerte Abwehrhüne Robert Huth muss wieder ran", oder "Besonders viel Prügel musste Robert Huth einstecken". Es war der Tag, an dem die deutsche Nationalmannschaft im Konföderationen-Cup gegen Tunesien spielte, und Robert Huth nach einem schlechten Spiel gegen Australien (4:3) kurz davor schien, ins Abseits zu geraten.

Nicht mal eine Woche später würden Huth-Kritiker vor einem ordentlichen Gericht wohl im Schnellverfahren abgeurteilt werden - wegen Majestätsbeleidigung. Die DFB-Elf hat das Spiel gegen Tunesien gewonnen (3:0), gegen Argentinien beim 2:2 überzeugt und das Halbfinale des Turniers gegen Brasilien erreicht. Dabei hat auch Huth sein Tief überwunden.

Der 20-jährige Innenverteidiger wird allen Ortens gefeiert, bei jeder Ballberührung, sogar bei verunglückten Querschlägern schallen "Huuth, Huuth, Huuth"-Rufe durch die Stadien. Ein Huth-Hype ist ausgebrochen in diesem Land, und der Hüne ist innerhalb weniger Tage vom ungelenken Holzmichel zum verehrten Nationalheiligen geworden.

"Die ersten Monate waren ein Horror"

"Ich bin erleichtert, niemand steht gern in der Kritik", sagt Huth, "ich bin froh, dass es vorbei ist." Das sagt er oft in diesen Tagen, in denen er Zuspruch von allen Seiten erfährt. "Robert genießt unser volles Vertrauen und unsere volle Rückendeckung", erklärt beispielsweise Jürgen Klinsmanns Assistent Joachim Löw. Und auch der Bundestrainer wiederholte zuletzt gebetsmühlenartig, wie wichtig jedes einzelne Spiel bei dieser WM-Generalprobe für das Abwehrtalent sei. Vor allem aber hat er Huth in Schutz genommen ("Ich habe kein Verständnis, warum sich die Kritik ausschließlich auf ihn konzentrierte"), als der junge Verteidiger nach dem Australien-Spiel schon aus der Mannschaft geschrieben wurde.

Dabei bräuchte es derartige verbale Hilfestellungen eigentlich nicht - zumindest muss man sich um die psychische Konstitution Huths keine Sorgen machen. Der Chelsea-Profi ist anderes gewohnt. Schon mit 16 verließ er die B-Jugend des Regionalligisten Union Berlin gen England - ohne Familie und ohne Freunde. "Die ersten Monate waren ein Horror. Es war hart für mich, zu begreifen, dass ich meine Familie und Freunde nicht mehr um mich herum habe - und es allein schaffen muss", sagt er. Er schaffte es, wenn auch erstmal nur in die Herzen der Chelsea-Fans. Der kantige Deutsche ist Kult an der Stamford Bridge, hier nennt man ihn "The Berlin Wall" (Berliner Mauer), weil er so groß ist und breit und scheinbar so unüberwindlich. Man schätzt Huths Identifikation mit dem Club - und natürlich seine Spielweise.

In England hat Huth gelernt, seinen mächtigen Körper einzusetzen, ihn zwischen Ball und Gegner zu schieben oder einen Angreifer einfach mal abprallen zu lassen. "In England wird aggressiver, schneller und härter gespielt." Huth nennt das "pfiffig". Der englische Fußballstil passt zu seiner Physis, und Huth weiß das. "Die Spielweise liegt mir", sagt er, "wäre ich nicht hierher gegangen, hätte ich es nie in die Nationalmannschaft geschafft." Vielleicht wäre der FC Chelsea, Meister der abgelaufenen Saison in der Premier League, sogar das Paradies für den Deutschen - wenn er denn regelmäßig spielen würde. Doch Huth, der im August 2004 gegen Österreich sein Länderspieldebüt gab und seither neun Partien im Nationaltrikot bestritten hat, ist kein Stammspieler bei den "Blues". Und da wären wir auch schon beim Problem.

Notfallplan schon in der Schublade

Huths fehlende Spielpraxis ist sozusagen seine offene Flanke. Nicht wenige forderten, er hätte lieber auf den Konföderationen-Cup verzichten sollen. Ganze zehn Spiele hat der Abwehrspieler in der abgelaufenen Saison für Chelsea absolviert, und nun soll die WM-Generalprobe dazu herhalten, Huth Spielpraxis zu verschaffen? "Der DFB-Trainerstab hätte leicht sagen können: Okay, der spielt nicht regelmäßig im Verein, geben wir einem anderen die Chance", räumt Huth ein. Dass das nicht passierte, liegt zum einen an den unbestrittenen Qualitäten Huths - wie Kopfballstärke, Schnelligkeit, Robustheit. Zum anderen werden gute deutsche Innenverteidiger seit geraumer Zeit nicht mehr mit dem Füllhorn über der Nationalmannschaft ausgeschüttet. So wurde das aktuelle Turnier zur Entwicklungshilfe für Huth - allerdings eine, die wirkt.

Chelseas Huth (l.) gegen Bayerns Ze Roberto: Experiment als Außenverteidiger gescheitert
AFP

Chelseas Huth (l.) gegen Bayerns Ze Roberto: Experiment als Außenverteidiger gescheitert

Ob Huth seinen derzeitigen Stammplatz in der Nationalmannschaft aber bis zur WM 2006 behält, ist fraglich. Klinsmann hat unmissverständlich darauf hingewiesen, dass jeder DFB-Kicker in der kommenden Saison regelmäßig spielen müsse. Vor einem Jahr war Huth schon mal so weit, als er 20 Spiele bei Chelsea absolvierte. Doch unter dem neuen Trainer José Mourinho sitzt der junge Deutsche meist nur auf der Bank. Die gesetzten John Terry und Ricardo Carvalho bilden die Abwehrzentrale, und weil das Experiment mit Huth als Außenverteidiger (wie im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Bayern München) getrost als gescheitert betrachtet werden kann, ist im Verein für den deutschen Nationalspieler kein sicherer Platz in Sicht. Oder?

"Ich werde in der kommenden Saison spielen. An meiner Situation wird sich etwas ändern, davon bin ich hundertprozentig überzeugt", sagt Huth. Er habe sich mit dem Trainer zusammengesetzt und "was gesagt wurde, hat mir gereicht. Im Übrigen wurde ich in den letzten Saisonspielen ja auch eingesetzt. Das hat aber mal wieder niemand mitbekommen. Es interessiert nur, wenn Huth nicht spielt. Der Verein hat schon beim Interesse der Bayern gesagt, 'Robert bleibt hier'. Was will man mehr?"

Huth wird also in London bleiben und setzt womöglich sogar seine WM-Chancen aufs Spiel. Aber der junge Mann hat eben vor allem eins: unerschütterliches Selbstvertrauen. Der Porsche-Fahrer verdrängte bei Chelsea schon den französischen Welt- und Europameister Marcel Desailly und ist mittlerweile neben Terry der einzige im Profikader, der aus der Jugendmannschaft übrig geblieben ist. Zudem hat Huth die wichtigsten Jahre seines Lebens in England verbracht, so etwas prägt. Und beim Londoner Nobelclub ging es für ihn eigentlich immer bergauf, auch daraus schöpft er seine Hoffnung.

Und sollte er sich wider Erwarten in der kommenden Saison doch nicht durchsetzen? "Es wird einen Plan B geben, wenn Plan A nicht funktioniert." Huth würde zur Winterpause wohl doch wechseln, innerhalb der englischen Liga. Doch daran verschwendet er keinen Gedanken. Er will sich durchsetzen. Auch, um nicht noch mal eine Woche wie die letzte durchmachen zu müssen. "Ich hoffe, dass ich ab jetzt für ein paar Jahre nicht mehr in der Kritik stehe. Am besten für immer."

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