Abwehrchef Mertesacker Der junge Milde

Aufsteiger, Hoffnungsträger, Abwehrchef. Wenn die deutsche Nationalmannschaft heute Abend gegen Australien in den Konföderationen-Cup startet, soll Per Mertesacker der zuletzt wackeligen deutschen Defensive Halt geben. Der Hannoveraner selbst ist stabiler denn je.

Von , Frankfurt am Main


Nationalspieler Mertesacker: Ungebremster Aufstieg
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Nationalspieler Mertesacker: Ungebremster Aufstieg

Man müsste Ralf Rangnick fragen. Der Schalker Trainer könnte als einer der wenigen vielleicht die Frage beantworten, die sich derzeit viele stellen: Wann hat dieser junge Mann eigentlich das letzte Mal richtig schlecht gespielt? Rangnick, ehedem in Hannover beschäftigt, würde wohl lange nachdenken und sich dann an das Spiel Hannover 96 gegen den 1. FC Köln erinnern. Mertesacker spielte tatsächlich unterirdisch und wurde nach 45 Minuten ausgewechselt. Es war dessen Bundesligadebüt, das Rangnick abrupt beendete.

Seither sind 18 Monate vergangen, und Mertesacker war nie wieder neben der Spur. Der Verteidiger, 20 Jahre alt und fast zwei Meter groß, ist nicht nur in der Bundesliga zur Stammkraft geworden. Nach sieben Länderspielen mag auch in der deutschen Nationalmannschaft niemand mehr auf den ehemaligen Zivildienstleistenden verzichten, der neun Monate in einer geschlossenen Anstalt für geistig Behinderte arbeitete. Auch wenn die Abwehr der Adler-Auswahl zuletzt heftig kritisiert wurde, Mertesacker ("Der Umgang mit Menschen, die meine Hilfe brauchen, hat mich weitergebracht") ist die positive Konstante - genau genommen bestand die Hintermannschaft zuletzt sogar nur aus ihm allein.

Beim Testspiel in Nordirland (4:1) kompensierte er die rotbedingte Hinausstellung seines Teamkollegen Robert Huth, gegen Russland (2:2) ließ Mertesackers Souveränität Arne Friedrich mitunter überflüssig wirken. Beim Konföderationen-Cup hat der Schlacks seinen Stammplatz sicher, heute Abend in Frankfurt am Main gegen Australien (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird er wieder im Zentrum verteidigen. Mertesacker, der sich vorstellen kann, nach seinem Karriereende wieder im sozialen Bereich zu arbeiten, ist angekommen in der DFB-Elf.

"Das ist alles wie ein Traum", kommentiert er seinen Weg vom verpatzten Bundesliga-Debüt ins Nationalteam. Dort gibt er in einer Mannschaft, die mit den jungen Wilden Bastian Schweinsteiger oder Lukas Podolski die Offensive zum Maß aller Dinge erhoben hat, den ruhigen Organisator. Den jungen Milden - mit besten Perspektiven für die WM 2006 im eigenen Land.

Bundestrainer Jürgen Klinsmann erklärt immer wieder, dass sein junger Verteidiger "unheimlich weit für sein Alter" sei. "Wir bauen auf ihn." Der DFB-Chefcoach lud Mertesacker just, als dieser 20 wurde, erstmals zu einem Länderspiel ein. Entsprechend hoch ist Klinsmanns Ansehen bei Mertesacker. "Er ist mein erster Nationaltrainer und hat mich an meinem Geburtstag berufen. Da ist er schon eine besondere Person für mich."

Bundestrainer Klinsmann (l.) und Mertesacker: Höhere Lautstärke erwünscht
DPA

Bundestrainer Klinsmann (l.) und Mertesacker: Höhere Lautstärke erwünscht

Doch zu verdanken hat der Defensivmann seinen rasanten Aufstieg nicht nur seinen sportlichen Leistungen allein. Klinsmann ließ die mangelnde Auswahl an tüchtigen Abwehrkräften made in Germany schlicht keine andere Wahl, als einem wie Mertesacker die Chance zur Bewährung zu geben. Die Viererkette, unter Klinsmanns Vorgänger Rudi Völler eingeführt, überfordert die Mitglieder der älteren Generation, die das Verteidigen noch unter althergebrachten Prinzipien erlernt haben. Mertesacker dagegen spielt seit der B-Jugend in der modernen Kette - ein Umstand, der ihm nun zu pass kommt.

Denn der Hannoveraner, der vor neun Jahren vom TSV Pattensen zu 96 wechselte, ist, wie er selbst einräumt, kein Sprintwunder. "Sehr viel schneller werde ich auch nicht mehr werden", sagt er. Auch sein Vater Stefan, Jugendtrainer bei Hannover 96, erklärte jüngst, sein Sohn sei "nie mehr als der Torwart gelaufen". Doch im modernen Spiel wird die Zeit über 100 Meter zur Nebensache - in der Viererkette wird im Raum gespielt und nicht stumpf der Mann gedeckt. Und das erfordert eher Übersicht und Ruhe. Eigenschaften, die Mertesacker besitzt.

Dass er zuweilen etwas zu zurückhaltend auftritt, ist auch dem Bundestrainer nicht entgangen. Demnächst, so Klinsmanns Forderung, solle der Innenverteidiger ("Ich bin eher der ruhige Typ") bitte auch mal etwas lauter werden. Mertesacker scheut sich noch, Kommandos zu geben, er schätzt seinen Stellenwert im Nationalteam als "nicht sehr hoch" ein. Doch Mertesacker gelobt Besserung. "Ich werde daran arbeiten, den einen oder anderen anzuschreien", sagt er.

Deutschland - Australien Mittwoch, 21 Uhr
(die voraussichtlichen Aufstellungen)
Deutschland: Kahn/Bayern München (35/78) - Hinkel/VfB Stuttgart (23/13), Friedrich/Hertha BSC Berlin (26/26), Mertesacker/Hannover 96 (20/7), Hitzlsperger/Aston Villa (23/6) - Schneider/Bayer Leverkusen (31/48), Frings/Bayern München (28/39), Ballack/Bayern München (28/53), Schweinsteiger/Bayern München (20/14) - Kuranyi/VfB Stuttgart (23/24), Podolski/1. FC Köln (20/11)
Australien: Schwarzer/FC Middlesbrough (32/31) - Muscat/FC Millwall (31/43), Moore/ohne Verein (29/27), Popovic/Crystal Palace (31/50), Neill/Blackburn Rovers (27/14) - Emerton/Blackburn Rovers (26/38), Cahill/FC Everton (25/7), Milicevic/FC Thun (24/1), Skoko/Genclerbirligi Ankara (29/37) - Viduka/FC Middlesbrough (29/24), Chipperfield/FC Basel (29/36)
Schiedsrichter: Amarilla (Paraguay)



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