Abwehrspieler Metzelder Gelungener Befreiungsschlag

Der Test gegen Luxemburg war für das deutsche Nationalteam nur ein Trainingskick, für Christoph Metzelder aber mehr. Zwei Jahre war der Verteidiger verletzt, in Freiburg machte er einen weiteren Schritt Richtung WM-Startelf.

Aus Genf berichtet


Das Tor hatte niemand gesehen, es war auch von keiner Kamera eingefangen worden, deshalb musste man sich auf die Schilderung des Schützen verlassen. Ein "brillantes Dribbling" sei dem "brillanten" Treffer vorausgegangen, erzählte Christoph Metzelder. "Ich bin zwischen zwei Verteidigern hindurch gegangen und habe dann auch noch meinen Freund Jens Lehmann umkurvt." Drei Tage ist es jetzt her, dass Metzelder diese Sätze sprach und dabei lächelte, und sie erzählen eine Menge über den aktuellen Gemütszustand des Verteidigers. Er wirkt befreit, 24 Stunden vorher hatte er sein erstes Training in Genf absolviert. Es war der erste Tag ohne Rücksicht, ohne Schonung gewesen für den an der Wade Verletzten und die Gewissheit, dass es doch was werden wird mit der WM-Teilnahme.

Gestern in Freiburg, beim 7:0-Testspielsieg gegen Luxemburg, kam die Erkenntnis dazu, dass der 26-jährige Dortmunder Profi schon der souveränste unter den drei Innenverteidigern ist, die zum Einsatz kamen. Jürgen Klinsmann wird das registriert haben, er schätzt den technisch begabten, schnellen Abwehrspieler und verzichtete zugunsten Metzelders auch auf das eigentlich erwartete Comeback Jens Nowotnys. "Jens wird eine wichtige Rolle in dieser Mannschaft spielen, aber heute war es wichtiger, dass Christoph Metzelder seinen Rhythmus findet", so der Bundestrainer.

Aus dem Rhythmus geworfen hatte den Verteidiger zuletzt ein Muskelfaserriss in der Wade, aber auch die ungewohnte Situation in seinem Verein Borussia Dortmund, wo ihn Trainer Bert van Marwijk in der Regel auf der Bank ließ. "Das habe ich genutzt, um viel für mich selbst zu tun", sagt er, mit der Folge, dass die körperliche Verfassung seiner Idealvorstellung schon ziemlich nahe kommt. Und der Aufenthalt im DFB-Team muss ihm nun vorkommen wie Urlaub im Wellness-Hotel.

Es gibt wenige deutsche Verteidiger, die so gut sind wie ein gesunder Metzelder. Für seine 1,93 Meter Größe ist er sehr beweglich, die ebenfalls hoch gewachsenen Teamkollegen Robert Huth und Per Mertesacker wirken im Vergleich wie hüftsteife Tipp-Kick-Figuren. Dazu kommt Metzelders Schnelligkeit und Zweikampfstärke - vor allem aber eröffnet ihm seine Ballfertigkeit die Möglichkeit zur sicheren Spieleröffnung. "Das Profil des Innenverteidigers hat sich geändert", erklärt er. Man müsse heute in der Lage sein, "den Ball schnell ins Mittelfeld zu tragen".

Die bittere Ironie des Metzelder ist jedoch auch, dass es in den vergangenen drei Jahren selten einen gesunden Metzelder gab. Bei der WM 2002 war er zur deutschen Entdeckung geworden, im März 2003 riss die Achillessehne. Sieben Monate später stellte sich heraus, dass dieselbe Sehne ein weiteres Mal gerissen war und künstlich repariert werden musste. 2004 gab es Komplikationen bei der Heilung - eine weitere Operation konnte Metzelder aber umgehen. Für einen wie ihn ist es zwei Jahre danach deshalb schon "ein Erfolg, überhaupt dabei zu sein", immerhin sei seit dem Finaleinzug 2002 aus einem "jungen Spieler mit wenigen Länderspielen ein älterer Spieler mit nicht viel mehr Länderspielen geworden".

In der Vorbereitung auf die WM 2006 sagt er viele solcher pointierten Sätze, aber natürlich ist der selbstironische, ältere Spieler auch mit wenigen Einsätzen ein erfahrener. Und er weiß, dass Klinsmann genau das von ihm erwartet. Er soll diese Erfahrung einbringen, die er den anderen deutschen Innenverteidiger-Kandidaten voraushat. Von denen hat nämlich noch keiner eine WM absolviert. Fordern will Metzelder aber nichts, dafür war er zu lange weg. Nur das möchte er zurückzahlen, "und ich werde das Vertrauen zurückzahlen".

In Freiburg hat er einen sehr guten Anfang gemacht, er hat souverän die Stürmer abgelaufen, kein einziges Kopfballduell verloren und einige Male den Ball schnell ins Mittelfeld vorgetragen. Bis zum Eröffnungsspiel am 9. Juni wird nicht nur die Frage aber ungeklärt bleiben, ob er gegen Costa Rica in der Startelf steht - sondern auch die nach seiner persönlichen Zukunft. Werder Bremen hat Interesse an dem BVB-Profi, dessen Vertrag in Dortmund noch bis 2007 läuft. "Ich werde vor der WM keine Entscheidung über einen Vereinswechsel treffen", erklärt Metzelder. Dabei darf bezweifelt werden, dass es ihm um die Steigerung des eigenen Marktwertes geht - eher will er wohl einfach seine Ruhe haben.

Diese Ruhe wünscht er sich auch für die gesamte Nationalmannschaft. "Es wird gerade versucht, von außen Spannung rein zu bringen, aber diese Truppe ist homogen", sagt Metzelder. Spekulationen um die Besetzung der Innenverteidigung gegen Costa Rica stören da nur. Mertesacker werde spielen, spekuliert er, "er hat sich hervorragend entwickelt". Zu seiner eigenen Rolle schweigt Metzelder. Über allem stehe ein Ziel, "und dem muss sich jeder unterordnen. Wenn alle 23 so denken, dann können wir großen Erfolg haben". Zur Abwechslung meinte er das wohl nicht ironisch.



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