AC Mailand Wo die wilden Kerle spielen

Der AC Mailand liegt in der italienischen Liga an der Spitze, in der Champions League steht der Club so gut wie sicher im Viertelfinale. Trainer Massimo Allegri hat in kurzer Zeit aus einem Haufen Problemkicker eine Mannschaft geformt, die eine neue Ära einleiten könnte.

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Hamburg - Massimiliano Allegri - wer ist das doch gleich? Als Spieler ein Wandervogel, der bei zwölf verschiedenen Vereinen unter Vertrag stand, startete Allegri als Trainer in der dritten italienischen Liga bei Aglianese Calcio. Es folgten Stationen bei SPAL Ferrara, US Grosseto, US Sassuolo Calcio und Cagliari Calcio. Doch 2010 gelang der Abschied aus der Fußball-Provinz: Allegri ging zum AC Mailand.

Der 44-Jährige führte Milan sofort zur Meisterschaft 2011 und gewann zudem den italienischen Supercup. Auch in dieser Saison führt der AC Mailand die Tabelle vor Juventus Turin an. In der Champions League steht das Team mit einem Bein im Viertelfinale: Das Achtelfinal-Hinspiel gegen den FC Arsenal gewann Milan spektakulär 4:0 und geht am Abend ohne Sorgen ins Rückspiel in London (Anpfiff 20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE).

All das hat Allegri mit Spielern geschafft, die nicht gerade als pflegeleicht bekannt sind. Im Gegenteil. Star der Mannschaft ist Zlatan Ibrahimovic, der schwedische Kraftprotz im Sturm. 18 Tore hat der 30-Jährige in dieser Serie-A-Saison bereits erzielt, obwohl er wegen einer Roten Karte zum Zusehen verdammt war. Er hatte einen Gegenspieler geohrfeigt. In der Königsklasse traf er fünfmal in ebenso vielen Partien. Der sonst als so selbstsicher geltende Ibrahimovic warnt: "Ich weiß noch, wie Milan vor ein paar Jahren Deportivo La Coruña in San Siro 4:1 geschlagen hatte - und dann im Rückspiel 0:4 verlor und rausgeflogen ist. Wir wollen sowas bei Arsenal nicht nochmal erleiden!"

"Hoffentlich wird er eines Tages Weltfußballer"

Er selbst könnte es mit weiteren Toren verhindern, so wie am Wochenende, als er beim 4:0 gegen dreimal gegen Palermo traf. "Für mich gehört er auf die gleiche Stufe wie Lionel Messi und Cristiano Ronaldo", sagt Allegri vor dem Rückspiel über den Stürmer: "Hoffentlich wird er eines Tages Weltfußballer - verdient hätte er es."

Es ist selten, dass Allegri einzelne Akteure seines Teams so hervorhebt. Die Mannschaft geht ihm über alles, akribisch hat er den Kader seit seiner Ankunft in Mailand umgebaut. Dabei ist es ihm gleichgültig, als wie schwierig ein Profi gilt. "Ein Spieler muss technische, taktische und seelische Qualitäten haben, vor allem muss er zweckmäßige Eigenschaften haben, die die jeweilige Position verlangt", sagte Allegri vor der Saison dem Fußballportal rund-magazin.de.

Den als Diva verschrienen Brasilianer Robinho holte Allegri ebenso wie das als fast untrainierbar abgestempelte Ghetto-Kid Kevin-Prince Boateng. Kaum besser ist der Leumund von Antonio Cassano, Maxi Lopez oder Philippe Mexes - allesamt Wunschspieler des Trainers. Hinzu kommen Altstars wie Filippo Inzaghi (38 Jahre alt), Clarence Seedorf (35), Alessandro Nesta (35), Gianluca Zambrotta (35) und Christian Abbiati (34), die entweder noch regelmäßig zum Einsatz kommen oder - noch erstaunlicher - anstandslos auf Bank oder Tribüne Platz nehmen.

Die wichtigste Eigenschaft eines Trainers sei, so Allegri, die Psychologie. Nur wenn man sich gut in den Spieler hineinversetzen kann, gelingt es, das Beste aus einem Fußballer herauszuholen, sagt er. Es scheint zu funktionieren: "Ich komme als Erster zum Training und gehe als Letzter", sagt Kevin-Prince Boateng.

Allegris Team ist auf gutem Weg zu Legendenstatus

Der ehemalige Hertha- und Dortmund-Profi empfahl sich bei der WM 2010 in Südafrika für den Top-Club. Er kam als Talent mit phantastischen Anlagen - und mit einer Einstellung, die an seiner Reifung zum Weltklasse-Spieler zweifeln ließ. Doch genau das hat der Mittelfeldspieler inzwischen geschafft. Gegen Arsenal traf Boateng zur Führung, es war bereits sein drittes Tor der Champions-League-Saison. Am Abend in London wird er wegen einer Verletzung allerdings nicht auflaufen können.

Dafür kommt es auf Antonio Nocerino an, der derzeit regelmäßig neben ihm glänzt. Der 26-Jährige traf in seiner ersten Saison für Milan schon achtmal in der Liga und ist einer der eher weniger Arbeiter im Team, ebenso wie Thiago Silva. Der ein Jahr ältere Brasilianer ist in der Abwehr gesetzt, Allegri bezeichnete ihn als wichtigsten Mann auf dem Weg zur Meisterschaft im vergangenen Jahr.

Der Trainer scheint seine Mischung gefunden zu haben. Zuverlässige Spieler wie Nocerino und Silva sowie Veteranen wie Seedorf und Nesta bilden das Gerüst, Allegris Meisterstück ist auch in dieser Saison die Integration der Unintegrierbaren. Arrigo Sacchi formte Ende der achtziger Jahre um Paolo Maldini, Franco Baresi und die Niederländer Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Marco van Basten eine Mannschaft, die noch heute Legendenstatus nicht nur in Mailand hat. Allegris Team ist zumindest auf dem Weg dorthin.



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