Achilles' Spezial Auszeit vom Ausnahmezustand

19 Tage ist der WM-Ball durch Deutschlands Stadien gerollt, jetzt bleibt er 66 Stunden lang im Schrank der Fifa. Wir sind geschockt: Wohin nur mit unserer vielen Freizeit? Und schlimmer noch: Was passiert mit Deutschland, wenn diese Weltmeisterschaft endgültig vorbei ist?


Heute ist ein grausamer Tag. Was sollen wir tun zwischen 17 Uhr und 23 Uhr? Unser Biorhythmus gerät völlig durcheinander. Das Leben hat keinen Sinn. Zum ersten Mal seit 19 Tagen wird nicht Fußball gespielt. Wohin mit all der freien Zeit?

Nationalspieler Barthez, Zidane: Wiedergeburt des älteren Herren
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Nationalspieler Barthez, Zidane: Wiedergeburt des älteren Herren

Na schön, wir können das Tor von Zidane noch ein paar Mal in der Super-Zeitlupe anschauen und uns an der unglaublichen Wiedergeburt dieses älteren Herrn erfreuen. Das war der Triumph eines abgeklärten Superstars über einen verschreckten Milchbart namens Torres, der mit seinen Tätowierungen nicht nur aussah wie ein niederbayerischer Bauernschrank, sondern sich auch so bewegte. Aber das reicht nur für eine Halbzeit.

Heute bekommen wir zum ersten Mal eine Vorahnung, wie das sein wird ab dem 9. Juli, wenn jene sinnlose Zeit beginnt, in der keine WM mehr ist. Wie soll man die Kinder beschäftigen, wenn das Pannini-Album voll ist? Müssen wir dann wieder arbeiten nachmittags statt hupend durch die Gegend zu fahren? Wohin mit all den Fahnen? Und das Allerschlimmste: Sind wir Deutschen dann wieder so wie immer?

Der wirkliche Vorzug dieser Weltmeisterschaft war es ja, dass uns die ganze Welt beim täglichen Leben zugeguckt hat. Kaum fühlen wir Deutsche uns beobachtet, reißen wir uns ja einigermaßen zusammen. Das klappte diesmal so gut, dass wir über uns selbst erstaunt waren. Wir deutschen Gastgeber sind in der Form unseres Lebens: entspannt, bierselig und unbeschwert.

Wenn aber das letzte Kamera-Team von der Fanmeile abgezogen wurde, dann sind wir wieder unter uns. Und müssen entdecken, dass alles so ist wie vor einem Monat. Frau Merkel ist Kanzlerin, das Gesundheitssystem krank, die Steuern gestiegen, Hans-Olaf Henkel, Günter Grass maulen wie gewohnt vor sich hin - und wir mit ihnen.

Es wird Zeit, dass Warnschilder an den Flughäfen aufgestellt werden: Achtung Besucher, es gibt kein neues Deutschland. Was ihr im Fernsehen gesehen habt, das war Ausnahmezustand. Schon deswegen müssen unsere Jungs am Freitag gewinnen: Damit uns wenigstens noch eine Woche mehr Spaß mit uns vergönnt ist.



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