Achilles' Spezial Die Entdeckung der Freizeit

Das Wort "Zeit" bekommt in Verbindung mit der Vorsilbe "Frei" eine völlig neue Bedeutung. Das durften am Wochenende auch Klinsmanns Kicker erleben. Wie Lahm, Poldi und Co. die kostbaren Stunden angelegt haben? Sicher ziemlich sinnvoll, glaubt zumindest Achim.


Der Bundes-Jürgen ist wirklich ein außergewöhnlicher Coach. Er vertraut seinen Männern. Das hat es noch nie gegeben. Vor und während Weltmeisterschaften haben Klinsmanns Vorgänger Helmut Schön und Jupp Derwall, Hans-Hubert Vogts und Franz Beckenbauer ihre Spieler an unwirtlichen Orten wie der Sportschule Malente eingesperrt wie ein Rudel Problembären. Und zwar völlig zu Recht.

Kahn, Freundin Verena: Keine Handynummer von Lehmann
DPA

Kahn, Freundin Verena: Keine Handynummer von Lehmann

Einen vergnügungsorientierten Torwart hätte die Feuerwehr von jenem Tresen losflexen müssen, an den er sich zum Zwecke eines unbefristeten Trinkstreiks angekettet hätte. Oder dieser Bayern-Spieler mit Afrokugel - der hätte sich in einem linken Buchladen festgequatscht. Es soll einen Stürmer gegeben haben, der nicht mal zurückgefunden hätte.

Andererseits: Wenn es Joschka Fischer als Professor nach Princeton schafft, dann packt es ein deutscher Angreifer auch allein nach Hause. Ein Träger der stolzen Nummer 10 jedenfalls wäre pünktlich zurückgekehrt. Aber auch nur, weil ihn Litti und Icke an allen Vieren aus dem Saunaclub geschleppt und ihn mitten in der Nacht über den Zaun der Sportschule geworfen hätten. Der Gute ist dabei übrigens immer auf dem Kopf gelandet, genau auf dem Sprachzentrum.

Heute ist das alles anders. Würden die Jungs über den Zaun springen, landeten sie im Arm von Reportern. Also kriegen sie gleich frei, so richtig, mit Rausgehen, eineinhalb Tage, von Freitagmorgen bis Samstagabend. Und tatsächlich: Alle sind pünktlich wieder da, nüchtern, ausgeschlafen und bestimmt auch mit vorübergehend gedämpftem Paarungstrieb. Artig hat sich Bernd Schneider vor der Hoteltür bestimmt noch schnell einen Hieb Pfefferminzspray in den Rachen gepustet, damit man die letzte Kippe nicht so riecht.

Was unsere Musterknaben gemacht haben? Philipp Lahm und Lukas Podolski sind in Berlin geblieben. Vielleicht haben sie sich Hasenzähne angeklebt und sind mit Ronaldinho-T-Shirt in die Fanmeile gestiefelt. Oder sie waren im Museum.

David Odonkor weiß gar nicht, was Freizeit ist. Er hat zur Lockerung bestimmt ein paar Sprints gemacht, nichts ernstes, höchstens 20 x 800 Meter in jeweils 90 Sekunden. Torsten Frings hat sich die Spitzen schneiden lassen.

Der stille Held Kahn hat sich geweigert, Verena die Handy-Nummer von Jens Lehmann zu geben. Mike Hanke hat Kevin Kuranyi und Patrick Owomoyela angerufen, um von den Sitzkissen auf der Auswechselbank zu schwärmen. Und Klinsmann und Löw? Die haben sich garantiert mal so richtig die Kante gegeben.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.