Achilles' Spezial Mülltrennen nach Mitternacht

Die Mannschaft ist der Star: Nicht nur Jürgen Klinsmanns Kicker haben dafür gesorgt, dass die WM zu einer riesigen Party wurde. Das Team Deutschland hat viele Gesichter: Reinigungspersonal, Polizisten, Volunteers. Es wird Zeit, sich bei den Malochern zu bedanken.


Bevor diese WM in Trauer ertrinkt oder in die fußballerische Mythenmaschine wandert, müssen wir dringend noch einen Moment in der Realität ausharren. Denn alles, was in den letzten vier Wochen so beschwingt und unbeschwert daher kam, war das Ergebnis harter Arbeit - wie könnte es in Deutschland anders sein. Unseren elf Malochern auf dem Rasen haben wir beim Ackern ja zugesehen. Aber es gab Zehntausende, die genauso hart geschuftet haben. Und keiner hat geguckt.

Beckenbauer, Volonteers in Berlin: Neues Gütesiegel erschaffen
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Beckenbauer, Volonteers in Berlin: Neues Gütesiegel erschaffen

Zum Team Deutschland gehörte zum Beispiel jener ältere Mann von der Reinigungskolonne, der mitten in der Nacht im Leipziger Hauptbahnhof die vollen Müllbeutel wechselte, grün für Papier, gelb für Verpackung, und so weiter. Die Fans aus aller Welt, die trunken zu ihren Sonderzügen taumelten, verharrten einen Moment in tiefer Ehrfurcht. Mülltrennen nach Mitternacht, das bringen nur die Deutschen.

Es waren diese WM-Nächte, in denen dieses Land zu größter Spielstärke auflief, übrigens deutlich schlechter bezahlt als unsere Kicker. Die Bahn fuhr Millionen Menschen kreuz und quer durch die Nacht, damit sie morgens am anderen Ende der Republik aufwachten, oftmals sogar pünktlich.

Als Bahnchef Hartmut Mehdorn hörte, dass mehrere Züge zum Halbfinale nach Dortmund feststeckten, schaltete er persönlich grünes Licht und beorderte einen Sonderzug vom Bahnhof zum Stadion. Pünktlich zur Hymne waren die Fans auf ihren Plätzen.

Entschieden wurde bei dieser WM eben nicht nur auf dem Fußball-, sondern auch auf dem Marktplatz. Den ganzen Tag harrten Sicherkräfte und Polizisten dort stoisch in der Hitze aus. Die deutsche Abwehr stand.

Im Morgengrauen dann kehrte das Reinigungspersonal jeden Tag aufs Neue den Dreck der Nacht weg. Ein sensationelles Mittelfeld. Den Sturm der Sympathie bildeten schließlich die Freiwilligen, die in den Spielstädten jedem Besucher entgegen sprangen, um Hilfe in drei Sprachen anzubieten.

Fleiß, Perfektion und Gründlichkeit liefern wir offenbar nicht nur für Autos und Baumaschinen, sondern auch für die größte Fete der Welt. Damit haben wir wenigstens den Titel des Party-Weltmeisters 2006 sicher.



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