Achilles' Spezial Von Beruf Stimmungskiller

Die WM hat es deutlich gezeigt: Viele Besucher in den Stadien haben die Bezeichnung "Fan" nicht verdient. Während Millionen Anhänger alles für ein WM-Ticket gegeben hatten, sorgten manche Promis, Politiker und Profilneurotiker für Pathologie-Stimmung auf den Rängen.


Mal angenommen, das Berliner Olympiastadion wäre die gesamte deutsche Gesellschaft, dann wohnten in den Kurven die rechtschaffenen Bürger. Sie arbeiten hart außerhalb des Stadions, um sich die teuren Fanartikel und das Ticket kaufen zu können, und sie arbeiten noch härter im Stadion, denn sie schreien und stampfen ununterbrochen für ihre Elf. Diese Menschen zahlen die ganze WM und sorgen auch noch für die Stimmung. Gerecht ist das nicht. Aber so ist sie, die Leistungsgesellschaft.

Gottschalk mit Frau Thea: Vorsichtiges Klatschen
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Gottschalk mit Frau Thea: Vorsichtiges Klatschen

Auf der Haupttribüne tummeln sich Honoratioren, Politiker und Prominente. Sie müssen extrem kontrolliert Fußball schauen, mit Schal und Jubelgesicht im richtigen Moment, weil sie jederzeit von einer TV-Kamera erwischt werden könnten, wenn sie in der Nase bohren. Jubeltechnisch ist diese Region des Stadions zu vernachlässigen, immerhin bietet sie bisweilen Unterhaltungswert. Hier fällt Mutti Merkel dem Kaiser Franz um den Hals und er lässt ihr die bayerische Version eines gelungenen Vorspiels angedeihen: ein paar deftige Hiebe auf die Schulter.

Oberhalb der Ehrentribüne liegen die Skyboxen, jene gekühlten Glaskästen. Hier ist das Reich der Wirtschaft, das sich von Volk und Fußball längst entkoppelt hat. Drinnen gibt es Champagner und einen großen Bildschirm mit "Premiere".

Am schlimmsten aber geht es auf der Gegengeraden zu. Hier schwingt die soziale Hängematte der Gutsiuierten. Den ganzen Tag meckern, aber immer Freikarten abgreifen. Von dieser Sorte Drückeberger und Leistungsverweigerer, die den Teams beharrlich ihren Jubel vorenthalten, gab es bei dieser WM ganze Sitzreihen voll. Und je weiter es aufs Finale zuging, desto mehr dieser Stimmungskiller drängten sich auf den Plätzen.

Hier lümmeln vorwiegend Menschen ohne Fan-Ausrüstung, die sich sichtlich langweilen, zu Hause aber unbedingt erzählen wollen, sie seien dabei gewesen. Und die Stimmung war so toll. Kein Wunder. Die Malocher in den Kurven haben ja auch alles gegeben. Gegengeraden-Menschen gucken irritiert, wenn man brüllt, sie zupfen einem in der 88. Minute am Hemd, man möge sich doch bitte hinsetzen, sonst könnten die Hinterleute ja gar nicht sehen.

Die beiden amerikanischen Damen links jubeln leise, wenn einem Spieler ein besonders hoher Schuss gelingt. Das, glauben sie, sei gut beim Fußball. Die beiden dicken Männer rechts unten spielen während der 120 Minuten Deutschland gegen Argentinien mit ihrem Handy.

Der Rest: Werbe- und Marketing-Leute, die das Kinn grüblerisch aufstützen, als würden sie das Spiel lesen. Zehn Plätze in Block N2 sind bei Deutschland gegen Argentinien komplett leer. Etwa in Reihe 27 hockt Günther Jauch. Beim Halbfinalsieg der Italiener über Deutschland saß in Block 20 Verona Pooth. Abwechselnd gähnten und schwiegen beide. Nur selten wurden sie beim vorsichtigen Klatschen erwischt.

Ein Stadion voller Pooths und Jauchs, und die Stimmung könnte es mit der Pathologie der Charité aufnehmen. Kein Zufall, dass die deutschen Spieler vor der Gegengeraden mehrfach die Arme flehend zum Himmel rissen, um diese Schweigemauer zum Lärmen zu bewegen. Das Drama beim Finale ist schon abzusehen. Weil die deutsche Elf nicht dabei ist, bleiben die Freikarten-Jäger lieber daheim vorm Flachbildschirm, es wird Schneisen leerer Plätze geben.

Eine neue Fifa-Regel muss her: Karten werden künftig nur noch an Menschen verschenkt, die ein Jubeldiplom und entsprechende Ausrüstung vorweisen können. Gelangweilte, Angeber und Ahnungslose dagegen werden umgehend des Stadions verwiesen.



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