Wege aus der Krise Acht Empfehlungen für den Profifußball

Die Corona-Pandemie zeigt, wie anfällig der Profifußball für Krisen ist. Er muss wirtschaftlich nachhaltiger werden - mit Gehaltsobergrenzen, einem Rettungsschirm der DFL und mit der Eingemeindung der dritten Liga.
Ein Debattenbeitrag von Albert Galli und Rainer Cherkeh
Bundesligastadion in Dortmund

Bundesligastadion in Dortmund

Foto: Roger Petzsche/ imago images/Picture Point LE

Die Rahmenbedingungen im Profifußball sind klar. Es geht um unterschiedliche Produkte, Dienstleistungen und Rechte, die Geld bringen: Das Fernsehen benötigt Bilder für Zuschauer, insbesondere solche, die extra dafür bezahlen.

Die Ligabetreiber und die Klubs benötigen das Fernsehen, damit Sponsoren wahrgenommen werden. Die Sponsoren benötigen Fernsehbilder und Veranstaltungen, damit Werbung sichtbar ist. Die Klubs benötigen alles zusammen, damit der Laden weiter läuft.

Zu den Autoren

Prof. Dr. Albert Galli ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Sportökonomie an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter. Prof. Dr. Rainer Cherkeh, ist Fachanwalt für Sportrecht und Honorarprofessor an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter.

Und in Sportarten und Ligen, in denen das Fernsehen und das Sponsoring keine so bedeutende Rolle spielen, benötigen die Klubs auch noch Zuschauer - nicht nur als Kulisse, sondern weil sie Eintrittsgelder bezahlen.

Im professionellen Teamsport kommt zu einer individuellen wirtschaftlichen Betrachtung aus Klubsicht aber noch ein weiterer Aspekt hinzu: Hier agieren zwar Wettbewerber im Kampf um sportlichen Erfolg und die Verteilung finanzieller Mittel. Das übergeordnete Zuschauerinteresse gilt aber dem sportlichen Wettkampf, den Platzierungen im Ligawettbewerb. Der einzelne Sportklub besitzt ohne seine Aktivitäten im Rahmen eines Wettbewerbs kaum Wert. Deswegen müssen die Klubs nicht nur im sportlichen Wettkampf kooperieren, sondern auch wirtschaftliche Kompromisse eingehen, um letztendlich die Attraktivität und damit den Erfolg der Liga im eigenen Interesse zu sichern.

Die Coronakrise bringt deutlich zum Vorschein, wie anfällig der Profifußball ist. Sie bietet aber auch die Chance, ihn mit kurz- und mittelfristig umzusetzenden Reaktionen und Maßnahmen nachhaltiger und wirtschaftlich widerstandsfähiger aufzustellen.

In Krisenzeiten sollte es keine Denkverbote geben, deshalb nachstehende Empfehlungen: 

1. Frühzeitige Festlegung der sportlichen Auswirkungen eines Liga-Abbruchs

Kommt es als unmittelbare Auswirkung der Coronakrise, wie schon in vielen anderen Profiligen, zu einem vorzeitigen Abbruch der Saison, so müssen die sich dann ergebenden sportlichen Konsequenzen feststehen. Soll die Spielzeit annulliert werden, oder soll es Auf- und Absteiger geben? Diese seitens DFL und DFB bislang noch immer offen gelassene und kontrovers diskutierte Weichenstellung hat für einige Klubs existenzielle wirtschaftliche Auswirkungen. Auch zur Planungssicherheit der Vereine müssen die Konsequenzen deutlich vor einem etwaigen Abbruch der Saison - also jetzt – klar und transparent sein. In den Statuten und Lizenzverträgen zwischen den Ligabetreibern und den Bundesligisten bzw. Klubs der 3. Liga besteht zu der Frage der sportlichen Auswirkungen eines Saisonabbruchs während der Rückrunde eine Regelungslücke.

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert

Foto: ARNE DEDERT/ AFP

Diese Lücke ist jedoch unschwer im Wege der ergänzenden Vertragsauslegung unter Berücksichtigung von Treu und Glauben zu schließen: Bisherige sportliche Erfolge – sei es zum Zeitpunkt des zuletzt durchgeführten vollständigen Spieltages oder zum Zeitpunkt der Beendigung der Hinrunde – sind hinreichend zu würdigen, indem man die entsprechend platzierten Klubs aufsteigen und gleichzeitig die am schlechtesten platzierten Klubs aus Billigkeitsgründen nicht absteigen lässt (Anmerkung der Redaktion: innerhalb der DFL wird bereits über eine Aufstockung der Bundesliga von 18 auf 20 Teams diskutiert). Eine Annullierung der Saison ohne Aufsteiger wäre hingegen der Startschuss für eine Prozesslawine, die überdies erhebliche finanzielle Risiken für die Ligabetreiber mit sich bringen würde.

2. Nachjustierung der Regelungen für die Konsequenzen von Insolvenzen

Die Ligabetreiber, DFL und DFB, haben als Reaktion auf die aktuelle Lage bereits die Konsequenzen von Insolvenzen für den Spielbetrieb gelockert. Bei Eintritt in ein Insolvenzverfahren soll ein Klub nicht mehr wie bislang mit Abzug von neun Punkten bestraft werden. Dabei erscheint es, als würden Vereinsführer Plan-Insolvenzen als willkommenen Lösungsansatz für Teile der bereits lange vor der Coronakrise hoch verschuldeten Profi-Klubs sehen. Unbedacht bleibt hierbei jedoch, dass es insbesondere die Gläubiger, häufig auch Fans über Fananleihen, Sponsoren und Mäzene sind, die den Profifußball in der aktuellen Form überhaupt erst ermöglichen. Diese werden bei einer Plan-Insolvenz den größten Schaden davontragen. Während Gewinne aus üppigen TV-Verträgen sehr gern im Closed-Shop DFL, DFB und Klubs verteilt werden, sollen Verluste via Insolvenz sozialisiert werden. Die DFL und der DFB haben aufgrund der Lizenzierungsverfahren Kenntnis über die finanzielle Situation der Klubs. Um Missbrauch und somit eine Wettbewerbsverzerrung zu verhindern, sollten die Statuten nun erneut derart angepasst werden, dass von Punkteabzügen nur dann abgesehen wird, wenn die Schieflage eine Folge der Coronakrise ist.

3. Solidarität der Klubs aus Eigeninteresse

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Finanzielle Schieflagen konnten Sportklubs nicht viel anhaben, die Vereine waren bislang wahre Überlebenskünstler. Selbst existenzbedrohende Verschuldung oder Liquiditätsprobleme hatten vielleicht Punktabzüge, im schlimmsten Fall das Ausscheiden aus der Liga zur Folge. In den seltenen Fällen, in denen eine Insolvenz unausweichlich war, erfolgte einige Ligen tiefer ein Neustart. Unter den gleichen Rahmenbedingungen und mit dem gleichen Marktpotenzial konnte der Klub dann wieder durchstarten. Wenn nun aber die Gefahr droht, dass mehrere Klubs einer Liga ins Straucheln geraten, steht der Fortbestand der Liga auf dem Spiel. Das gilt es zu verhindern. Zusammen mit den Ligaorganisatoren, der DFL und dem DFB, muss es den Klubs gelingen, Konkurrenz und Koordination in einem für das Gesamtsystem fördernden Maß zu gestalten. Es braucht Solidarität aus Eigeninteresse. Denn gelingt das nicht, sägen alle Beteiligten am Ast, auf dem sie sitzen und gefährden den Wettbewerb, den Spielbetrieb und die Vermarktung der Ligen als Ganzes.

4. Rettungsschirm durch die DFL

Notfalltöpfe existieren im Profifußball nicht und viele Klubs sind selbst nicht in der Lage, kurzfristig an nennenswertes Kapital zu gelangen. Die Aufnahme von Eigenkapital scheidet als schnelle Maßnahme grundsätzlich aus. Sie erfordert Zeit, nicht nur für die Suche nach geeigneten Investoren, sondern auch für die Ausgestaltung von Beteiligungen. Und auch der Aufnahme von Fremdkapital sind klubseitig Grenzen gesetzt. Für Bankkredite mangelt es oft an der nötigen Bonität und den erforderlichen Sicherheiten. Demgegenüber besitzt die DFL alle Möglichkeiten zur Aufnahme von Fremdkapital. Denkbar ist, dass die DFL eine Anleihe platziert oder einen Kredit bei Banken oder sonstigen Investoren aufnimmt. Die Besicherung könnte über die Verpfändung künftiger Medienrechteerlöse erfolgen und auch für die Rückführung könnten künftige Fernsehgelder herangezogen werden. Notleidende Klubs der Bundesliga, der Zweiten und auch der 3. Liga, die nicht allein wegen des Auf- und Abstiegs zwischen den Ligen eng miteinander verquickt sind, könnten so gestützt und der Spielbetrieb gesichert werden. Alleingänge sollten unterbleiben, Gesamtlösungen für das System sind gefragt.

5. Keine Wettbewerbsverzerrungen durch Aufweichung der Financial-Fairplay-Regelungen

Die Financial-Fairplay-Regelungen der Uefa halten Klubs an, solide zu wirtschaften und nicht mehr Geld auszugeben, als sie einnehmen. Zudem begrenzen sie die Finanzspritzen von Investoren. Zwar ist es denkbar, dass die Uefa die Regelungen lockert, um Schieflagen bei Klubs zu beheben. Frisches Geld von Investoren sollte aber eben nur für die Rettung der Klubs fließen dürfen. Insbesondere muss verhindert werden, dass Großinvestoren Liquidität in ihre Klubs pumpen, die dann für Shoppingtouren auf kollabierenden oder wackeligen Transfermärkten verwendet werden und zu Wettbewerbsverzerrungen führen. Gegebenenfalls sollten die Fifa und die Uefa für die anstehende Transferperiode flankierende Transferregelungen erlassen.

6. Verschiebung von Entscheidungen über die 50+1-Regel und die Vergabe der Medienrechte

Die 50+1-Regel begrenzt die Mitspracherechte von Investoren und sichert dem Mutterverein grundsätzlich einen beherrschenden Einfluss zu. Die Bundesligaklubs können jederzeit darüber entscheiden, was ihnen wichtiger ist: eigener Einfluss oder Geld. Zum einen sollen sie dabei aber nicht außer Acht lassen, was Fans und Zuschauer davon halten. Zum anderen sollten sie bedenken, dass in Notsituationen Verhandlungen für gewöhnlich ungünstig ausfallen. Das Gegenüber weiß um die Zwangslage und wird dies bei Preisverhandlungen berücksichtigen. Letzteres gilt auch für den Verkauf der nationalen Medienrechte. Zudem: Die DFL weiß jetzt auch nicht genau, was sie anzubieten hat, und dementsprechend wissen die Sender jetzt auch nicht genau, was sie einkaufen würden. Die Attraktivität der Medienrechte und ihr Preis hängen, neben vielen anderen Faktoren, nicht zuletzt davon ab, welche Klubs im Boot sind und welche eben nicht. Auf der anderen Seite wird den Sendern nun, da sie eben keine Spiele zeigen können, deutlich, wie wichtig Fußball für ihr Programm und ihr eigenes Geschäftsmodell ist.

7. Die 3. Liga gehört unter das Dach der DFL

Die aktuelle Krise trifft die vom DFB betriebene 3. Liga am härtesten. Dies ist nicht verwunderlich. In den elf Jahren seit Bestehen hat sie in der Gesamtbetrachtung neun Mal rote Zahlen geschrieben, zuletzt so tief rote wie noch nie. Einige Klubs wollen einfach, koste es was es wolle, unbedingt in die Zweite aufsteigen, um an die fetten Medientöpfe zu gelangen. Die schon im Normalbetrieb klammen Klubs schüttelt es nun so richtig durch. Viele können sich schon jetzt nur durch Kurzarbeit über Wasser halten. Am schlimmsten aber trifft es die Klubs, die die Zweite Liga Richtung 3. Liga verlassen und bei dann gravierend niedrigeren Einnahmen aus TV-Geldern sowie annähernd gleich hoher Personalkostenlast zum schnellen Wiederaufstieg geradezu verdammt sind. Die 3. Liga sollte daher so schnell wie möglich unter das Dach der DFL kommen. Beim DFB würden nur noch der Amateurfußball und die Nationalmannschaften verbleiben und sämtliche Profiligen im deutschen Fußball wären organisatorisch in der DFL gebündelt.

8. Einführung von Gehaltsobergrenzen und Beschränkung von Beraterhonoraren

Die von den Ligabetreibern aufgrund der Auswirkungen der Coronakrise beschlossenen Maßnahmen für den Spielbetrieb werden nur dann nachhaltige Wirkung zeigen, wenn gleichzeitig durch die Fifa, die Uefa sowie durch den DFB und die DFL Reglements erlassen werden, die Gehaltsobergrenzen vorsehen und Beraterhonorare beschneiden. Themen, an die sich die Verbände bis dato nicht herangetraut haben und die auch für die Spielzeiten nach der Coronakrise für ein wirtschaftlich stabiles Gefüge in den Klubs wichtig sind.

Die Coronakrise wird uns noch lange beschäftigen. Unsere Gesellschaft wird viel sozialen Kitt und Schmierstoff benötigen. Eine wichtige, wenn auch nicht eine entscheidende Rolle wird dabei auch der Sport spielen – nicht zuletzt der Profifußball. Ihn zu schützen und aufrecht zu erhalten, ist deshalb für die internationalen und nationalen Verbände und die Klubs nicht nur Eigennutz, sondern soziale Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit.

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