Achtelfinale gegen Schweden Deutschland im Deutschland-Fieber

Ein Land im Rausch: Tausende drängen sich bereits auf Festen und Fanmeilen, glauben fest an den Sieg. Das Team, so verspricht Bundestrainer Klinsmann, sei bis zum "Maximum motiviert". Bei den Schweden herrscht dagegen absolute Gelassenheit.

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Hamburg - Deutschland ist im Deutschland-Rausch, nur der Bundestrainer klingt nüchtern: "Wir sind dreimal Weltmeister und dreimal Europameister geworden. Da dürfen wir bei der WM im eigenen Land gar keine andere Zielsetzung als den Titelgewinn ausgeben", stellt Jürgen Klinsmann vor dem Achtelfinale in München gegen Schweden (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) klar. Vom Gegner spricht der Weltmeister von 1990 kaum, dafür umso mehr von seiner Mannschaft. "Wir sind absolut überzeugt, dass wir diese schwere Arbeit positiv hinter uns bringen und dass wir das Spiel gewinnen werden", sagt Klinsmann und schiebt nach: "Wir werden eine Hürde nach der anderen nehmen."

Seinen grenzenlosen Optimismus begründet er mit Tatsachen. Erstens: "Wir haben sehr hart und intensiv auf diesen Moment hingearbeitet. Die Mannschaft ist topfit und auch dafür gerüstet, über 120 Minuten volles Tempo zu gehen oder sogar im Elfmeterschießen das Spiel für sich zu entscheiden. Sie wird körperlich und mental das Letzte aus sich rausholen." Außerdem sei sein Team "bis zum Maximum motiviert" und wolle diesen Schub gegen die Schweden abrufen. "Es ist gut, dass bei uns einige Spieler dabei sind, die schon Erfahrungen mit K.o.-Spielen haben. Aber auch die jüngeren Spieler machen keinen nervösen Eindruck und sind in der Lage, sich voll auf dieses Spiel zu fokussieren."

Die Jungstars Phillip Lahm und Bastian Schweinsteiger haben sich längst von Klinsmanns Optimismus anstecken lassen. "Durch diese Aussagen sind wir zusätzlich motiviert. Das zeigt doch auch, dass der Trainer uns zutraut, dass wir es schaffen. Auch mein Ziel ist das Finale. Mit einem Ausscheiden beschäftige ich mich nicht", sagt Lahm. "Wir haben uns bislang von Spiel zu Spiel gesteigert, das gilt es fortzusetzen", so der linke Verteidiger. Mittelfeldspieler Schweinsteiger ergänzt: "Ich bin nicht zufrieden mit dem Achtelfinale, wir wollen weiterkommen."

Rund 60.000 Zuschauer in München werden die DFB-Elf nach vorne peitschen. Auf den Fanfesten in ganz Deutschland werden rund zwei Millionen Menschen erwartet - Rekord. Deutschlands größte Fanmeile in Berlin, die bereits nach dem zweiten Vorrundenspiel gegen Polen erweitert wurde, wird mit vermutlich 750.000 Besuchern restlos voll sein.

Klinsmann setzt auf dem angestrebten Weg ins Finale am 9. Juli auf die Willensstärke seiner Elf, die er nur auf einer Position verändern dürfte. Robert Huth muss trotz der fehlerfreien Leistung beim 3:0 gegen Ecuador zurück auf die Bank. Der Dortmunder Christoph Metzelder soll wieder im Abwehrzentrum vor Torhüter Jens Lehmann mit Per Mertesacker Gegentore verhindern. Die Viererabwehrkette wird von den Außenverteidigern Arne Friedrich und Lahm komplettiert. Im Mittelfeld sind weiterhin Bernd Schneider, Torsten Frings, Kapitän Michael Ballack und Schweinsteiger erste Wahl. Das deutsche Angriffsduo heißt Miroslav Klose und Lukas Podolski.

In Video-Sitzungen und mit vielen Gesprächen hat Klinsmanns Stab alle 23 Akteure auf die Skandinavier vorbereitet. Verwundbar hält man die Schweden in der Abwehr. "Sie haben auch Schwächen, nicht nur Stärken, die wollen wir gnadenlos ausnutzen", so Schweinsteiger.

Bei den Schweden sieht man diese Kampfansagen mit Gelassenheit. Besondere Maßnahmen werde man im Spiel gegen den dreimaligen Weltmeister nicht treffen, erklärte Trainer Lars Lagerbäck. "Wir wollen unser eigenes Spiel spielen", sagte der 58-Jährige, der seine Elf jedoch mit einer eher defensiven Taktik ausrichten will.

Eine Sonderbewachung für Regisseur Ballack werde es nicht geben. Der Schwede verglich die Spielweise der Mannschaft von Bundestrainer Jürgen Klinsmann mit der der englischen Auswahl, "außer dass England mehr mit langen Bällen spielt". Schweden hatte die Briten im letzten Gruppenspiel (2:2) an den Rand einer Niederlage gebracht.

Respekt äußerte derweil Kapitän und Innenverteidiger Olof Mellberg vor dem deutschen Sturm. Miroslav Klose und Lukas Podolski seien "sehr gute Stürmer. Es wird schwierig, gegen sie zu spielen, aber unsere Vorbereitung haben wir wegen ihnen nicht geändert", sagte der 28-Jährige und fügte hinzu: "Wenn wir die Leistung aus der zweiten Halbzeit gegen England wiederholen, haben wir eine gute Chance zu gewinnen." Auch, dass Stürmerstar Zlatan Ibrahimovic vom italienischen Meister Juventus Turin rechtzeitig fit ist, dürfte die Euphorie im schwedischen Lager verstärkt haben.

Die Statistik spricht sowohl für die Deutschen als auch für die Schweden. Bislang standen sich beide Teams 31 Mal gegenüber. 12 Mal setzte sich Deutschland durch, 13 Siege gelangen Schweden, 6 Mal trennten sich beide Mannschaften unentschieden. Aber: In den neun Pflichtspielen gab es sechs deutsche Siege, zwei Unentschieden und nur eine Niederlage. Und: Von bisher sieben Achtelfinalspielen der DFB-Auswahlen ging nur eins verloren. Zum Glücksbringer könnte Jürgen Klinsmann werden, der zwischen 1990 und 1998 drei Mal als Spieler in einem WM-Achtelfinale stand und jeweils zu den Torschützen zählte.

Die Mannschaftsaufstellungen:

Deutschland: 1 Lehmann - 3 Friedrich, 17 Mertesacker, 21 Metzelder, 16 Lahm - 19 Schneider, 8 Frings, 13 Ballack, 7 Schweinsteiger - 11 Klose, 20 Podolski

Schweden: 1 Isaksson - 7 Alexandersson, 3 Mellberg, 4 Lucic, 5 Edman - 6 Linderoth, 18 Jonson, 16 Källström, 9 Ljungberg - 10 Ibrahimovic, 11 Larsson

Schiedsrichter: Simon (Brasilien)



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