Champions-League-Siegerin Ada Hegerberg Die Beste hat ihren Platz wieder

Ada Hegerberg stieß mit einem Boykott eine Entwicklung im Fußball der Frauen an – und drohte dort den Anschluss wegen Verletzungen selbst zu verpassen. Jetzt ist die Starstürmerin auf ganz großer Bühne zurück. Und wie!
Hegerberg mit dem Champions-League-Pokal

Hegerberg mit dem Champions-League-Pokal

Foto: FRANCK FIFE / AFP

Ende März war Ada Hegerberg mit Olympique Lyon schon einmal in Turin. Sie hatte damals mit ihrem Team bei Juventus verloren, jenes Viertelfinal-Hinspiel in der Champions League fand auf einem Trainingsplatz des italienischen Klubs statt, ein trister Abend, es sahen kaum 500 Menschen zu.

Auch Hegerberg schaute damals nur zu. Die norwegische Weltfußballerin von 2018 hatte die gesamte Spielzeit auf der Bank gesessen. Ein sehr ungewohntes Bild.

Es hieß damals, die 26-Jährige stecke in einer kleinen Formkrise und müsse pausieren. Aber in einem Champions-League-Spiel? Damit stand plötzlich ein Zweifel im Raum: Wird Hegerberg, der Weltstar des Fußballs der Frauen mit den Verdiensten neben und auf dem Platz, noch einmal so gut wie 2018, bevor sie mehrere schwere Verletzungen durchmachen musste und fast zwei Jahre ausfiel? Kann sich Hegerberg von Kreuzbandriss, Ermüdungsbruch und weiteren Verletzungen erholen? Viele Karrieren enden mit so einer Verletzungshistorie.

Zwei Monate nach ihren 90 Minuten auf der Bank ist Hegerberg am Samstag erneut in Turin. Und diesmal war alles eine Spur größer: Es lief die siebte Minute der Nachspielzeit im Champions-League-Finale, und eigentlich war die Frage zu diesem Zeitpunkt bereits beantwortet, Hegerberg hatte längst jeden Zweifel ausgeräumt. Doch sie mochte nicht aufhören zu spielen.

Wendie Renard (l.) und Hegerberg sind die Topstars bei Lyon

Wendie Renard (l.) und Hegerberg sind die Topstars bei Lyon

Foto: IMAGO/VEGARD GRoTT / IMAGO/Bildbyran

40.000 Fans im großen Juventus-Stadium sahen zu, wie die Angreiferin in jener Minute eine Flanke direkt nahm und den Ball an den linken Torpfosten donnerte. Ein letztes Raunen ging durch das Publikum, kurz darauf war die Partie vorbei und die Spielerinnen des FC Barcelona durften nun endlich zu Boden sacken.

Der Champions-League-Sieger heißt zum achten Mal Olympique Lyon, und zum sechsten Mal durfte Ada Hegerberg die Trophäe in Empfang nehmen. Beim 3:1 war sie das Gesicht einer sensationellen ersten Hälfte der Französinnen, die bereits nach 33 Minuten 3:0 vorn lagen gegen das vermeintlich beste Team Europas. Sie platzten beinahe vor Kraft, und Hegerberg ist die Stärkste.

Sie erzielte das 2:0 per Kopf (ihr 59. Europapokaltor im 60. Spiel) und bereitete das 3:1 vor, sie erspielte sich noch weitere Großchancen, wich keinem Zweikampf aus, als hätte es ihre schweren Verletzungen nie gegeben. Sie wurde nicht müde. Erst ganz zum Schluss, als die Partie vorbei war, fiel sie in die Arme einiger Teamkolleginnen und Betreuer. Sie verweilte dort für mehrere Augenblicke, als wolle sie sich dafür bedanken, dass man immer an sie geglaubt habe.

Sie selbst hatte vor ihrem Comeback Zweifel geäußert und Erwartungen gedämpft. »Vielleicht bin ich eine ganz andere Spielerin als früher«, sagte sie kürzlich der »New York Times« . Doch, das sagte sie auch, sie sei positiv gestimmt, zuversichtlich. Bereits beim Viertelfinal-Rückspiel gegen Juventus war sie eine der Besten, im Halbfinale gegen Paris-Saint-Germain gelangen ihr erneut zwei Torbeteiligungen. Sie ebnete den Weg ins Finale – und dort den zum Triumph.

Nun sagte sie: »Ich hätte mir nicht vorstellen können, ein Jahr nach meinen Verletzungen hier zu stehen. Ich habe einen langen Weg hinter mir, ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.«

Hegerberg war gegen Barcelona kaum zu stoppen

Hegerberg war gegen Barcelona kaum zu stoppen

Foto: MARCO BERTORELLO / AFP

Hegerberg hat immer noch die stärkste Strahlkraft auf der ganz großen Fußballbühne. Das war keineswegs sicher. Nicht nur wegen ihrer Verletzungen.

Als Hegerberg 2018 als beste Fußballerin des Jahres an der Spitze stand, war die Welt des Fußballs der Frauen noch eine andere, sie war sehr viel kleiner und hatte mit Lyon eine unangefochtene Hauptstadt. Fünfmal in Serie konnte der Klub die Königsklasse gewinnen, angeführt von Hegerberg.

Als sie weg ist, entwickelt sich der Fußball rasant

Doch während ihrer verletzungsbedingten Abwesenheit hat sich diese Welt verändert. In England jubeln die Klubs über einen millionenschweren TV-Vertrag, der Streamingdienst DAZN überträgt inzwischen alle Spiele der Champions League live.

Im Finale der diesjährigen Königsklasse war Hegerberg mit Lyon sogar Außenseiter. Gegner Barcelona hatte bereits im Vorjahr den Wettbewerb gewonnen und wurde seither nicht schlechter. Im Gegenteil: Neben der spielerischen Klasse auf dem Rasen mit Weltfußballerin Alexia Putellas entwickelte sich auch eine Euphorie auf den Rängen. Barcelona brach Zuschauerrekorde  und schien auf dem besten Weg zur neuen Hauptstadt des Fußballs der Frauen.

Diesen Machtwechsel konnten Lyon und Hegerberg für den Moment stoppen. Dass es an der Spitze inzwischen deutlich umkämpfter ist, liegt auch an einer Entwicklung, die Hegerberg selbst ausgelöst hat.

Sie hatte sich früh in ihrer Karriere das Ziel gesetzt, einmal die Größte ihrer Sportart zu werden. Allein: Sie wollte dabei auch die Sportart selbst vergrößern.

2017 trat sie als eine der besten Spielerinnen der Welt aus dem norwegischen Nationalteam zurück. Im Alter von 22 Jahren, allerdings auch schon mit 66 Länderspielen, in Norwegen war sie längst ein großer Star. Ihr Rückzug war ein Protest, um auf ungleiche Behandlung von Fußballerinnen und Fußballern in Norwegen aufmerksam zu machen. Ihr ging es um Bezahlung, um mehr Förderung und bessere Bedingungen für die Fußballerinnen ihres Landes.

Mit ihrem Protest entstand eine Bewegung. Seither haben sich in vielen Ländern der Welt und vor allem in Europa die Bedingungen für Fußballerinnen verbessert, wenn auch in unterschiedlichem Tempo und noch lange nicht mit dem Ergebnis, das alle zufriedenstellt. Aber es gibt eine Entwicklung, und mit all ihren Verletzungen drohte Hegerberg dort den Anschluss gar zu verpassen.

Doch mit dem Champions-League-Finale sind alle Zweifel ausgeräumt.

Im März gab Hegerberg außerdem bekannt, dass sie wieder für Norwegen auflaufen wird. Im Sommer folgt nun für sie die EM in England, viele Spiele sind bereits ausverkauft und es werden neue Rekorde warten. Es wird die perfekte Bühne für Ada Hegerberg.