Norwegens Ada Hegerberg Warum die beste Stürmerin der Welt nicht bei der WM spielen will

Die Fußball-WM der Frauen wird ohne die amtierende Weltfußballerin stattfinden. Ada Hegerberg weigert sich, für Norwegen zu spielen. Weil ihr Sport nicht ausreichend respektiert wird.

Ada Hegerberg
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Ada Hegerberg

Von Jonas Hüster


Was für Deutschlands Fußballer die WM in Russland war, war für Norwegens Fußballerinnen die Europameisterschaft 2017 in den Niederlanden: eine Blamage. Die Norwegerinnen schieden in der Gruppenphase aus, holten in drei Spielen keinen Punkt und schossen kein einziges Tor. Nicht mal Ada Hegerberg. Dabei gilt die 23-Jährige als beste Stürmerin der Welt. In der vergangenen Saison erzielte sie für Olympique Lyon 46 Treffer in 29 Spielen und wurde daraufhin als Weltfußballerin des Jahres mit dem Ballon d'Or ausgezeichnet.

Bei der Weltmeisterschaft in Frankreich wird Hegerberg fehlen. Und das nicht etwa, weil sich Norwegen nicht qualifiziert hätte. Ihr Team spielt, nur sie eben nicht. Nach der EM-Schmach hat sie ihre Laufbahn beendet - kurz nach ihrem 22. Geburtstag. Der norwegische Fußballverband (NFF) versuchte zwar mehrfach, den Superstar umzustimmen, blieb aber erfolglos. Das bestätigte Norwegens Nationaltrainer Martin Sjögren: "Es gab Treffen, aber sie hat sich entschieden, nicht zu spielen".

"Es geht um Respekt"

Ihre Nicht-Teilnahme geht auf einen Disput mit dem NFF zurück. Aus Protest gegen die Verhältnisse im Verband verzichtete Hegerberg auf weitere Nominierungen. "Es geht um Respekt für den Frauenfußball. Ich finde, der Respekt war nicht da", sagte sie. Kurz nach ihrem Rücktritt entschied der NFF als erster Verband der Welt, sein Frauen- und Männerteam gleich zu bezahlen. Ihr gehe es jedoch "nicht nur um das Geld", sagt Hegerberg. Sie strebt nach einer Professionalisierung des Frauenfußballs auf allen Ebenen.

"Fußball ist der beliebteste Sport in Norwegen für Mädchen und Jungen und das schon seit Jahren, aber gleichzeitig haben Mädchen nicht die gleichen Chancen wie die Jungen," sagte sie dem "Guardian". "Wir haben aufgehört, über Entwicklung zu reden, und andere Länder haben uns überholt." Das Abschneiden bei der Europameisterschaft 2017 war das schwächste Ergebnis in der Geschichte der Nationalelf.

Seitdem geht es wieder bergauf: Die Norwegerinnen qualifizierten sich souverän für die WM. Doch andere Länder wie England, Deutschland oder Frankreich sind enteilt. Auch die nationale Liga "Toppserien" kann mit der finanzstarken Konkurrenz aus dem Ausland nicht mithalten. Zuletzt gründeten vermehrt Spitzenvereine wie Manchester United eigene Frauenabteilungen.

Comeback nicht ausgeschlossen

Hegerberg spielt selbst im Ausland. Bevor sie nach Lyon in die französische Ligue 1 wechselte, stand sie zwei Jahre bei Turbine Potsdam unter Vertrag. "Dort kann ich mich als Spielerin entwickeln", sagte Hegerberg. Nach Aufenthalten mit der Nationalmannschaft habe sie das Gefühl gehabt, dass sie als schlechtere Spielerin nach Lyon zurückkäme. Ihr Debüt für Norwegen gab sie mit 16 Jahren, in ihrer Nationalmannschaftskarriere erzielte Hegerberg in 66 Spielen 38 Tore.

Ein Comeback ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. "Natürlich würde ich gerne für mein Land spielen", sagt Hegerberg. "Aber es gibt mehrere Änderungen, die vorgenommen werden müssten, bevor ich eine Rückkehr in Betracht ziehen würde. Ich weiß, was ich will und kenne meine Werte und deshalb ist es einfach, schwierige Entscheidungen zu treffen".

Sie steht in Kontakt mit Lise Klaveness, der Chefin der sportlichen Leitung beider Nationalteams. Dem Norwegischen Rundfunk (NRK), sagte Hegerberg sie habe "gute Gespräche" mit Klaveness geführt, aber ihre Meinung über die Nationalmannschaft vorerst nicht geändert. Klaveness war selbst Nationalspielerin - wegen eines Disputs mit dem damaligen Nationaltrainer hatte sie 2007 zeitweise ihren Rücktritt erklärt.

In einer früheren Textfassung hieß es, der FC Arsenal habe zuletzt eine eigene Frauenabteilung gegründet. Tatsächlich existiert der Arsenal Women FC bereits seit 1987.

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insgesamt 11 Beiträge
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Gerdd 02.03.2019
1. Ein Messi-Problem?
Fußball ist nun mal kein Sport für Einzelleistungen - manchmal kommt das vor, aber die Regel ist, daß sich das Zählbare durch Beiträge mehrerer entwickelt. Das gilt auch für Nationalmannschaften, ist dort aber mangels Spielmöglichkeiten schwerer zu üben und zu praktizieren. Messi - bekannt dafür, daß er bei Barca der Fokuspunkt einer großartigen "Tormaschine" ist, hat das anscheinend resigniert zur Kenntnis genommen und über viele Jahre hinweg achselzuckend akzeptiert. Ada geht eben offensiver damit um. Und wenn die Leitung ihres Nationalteams der Sache nicht gewachsen ist, ist es nur konsequent, daß sie sich dem entzieht. Es ist vermutlich besser, nicht anzutreten, als sich den Ruf durch frustrierenden Auftritte zu verderben. Und womöglich kann sie durch die Verweigerung und die Diskussion darüber ja doch etwas bewirken. Eine Gefahr besteht allerdings: Die kritisierte Teamleitung könnte versuchen - vermutlich wider besseres Wissen - dir Legende zu verbreiten, daß sie viel besser dagestanden hätten, wenn sich nur "die Hegenberg nicht verweigert hätte - die ist an allem schuld." Gut, daß sie im Gespräch mit der Chefin ist und das auch öffentlich macht.
patsm 02.03.2019
2. Ergänzung
Es ist unfassbar welche Züge diese Gleichberechtigungsdebatten angenommen haben. In Bereichen wie Sport oder Film, ist geschlechterunabhängig die Bezahlung oder Respekt eben nicht von einer geleisteten Arbeitsstunde abhängig, daher sind solche Forderungen eine Beleidigung für jeden normal arbeitenden Bürger. Das ist wie wenn ich ein Recht auf Kaviar essen einfordere und mich dann darüber beschwere, dass das Gramm 10 € kostet und nicht 3 Cent wie beim Schweinebraten.
dachhase 02.03.2019
3. Bezahlung kann man in Zahlen abbilden
bei Wertschätzung ist das diffizieler. Zielgruppe in dem Fall äquivalent Frauen? Um Zeitungen zu füllen, wirklich große Stadien voll zu bekommen und Top Sendezeiten zu erhalten, gehört schon mehr dazu. Bei uns haben es die Frauen bis ins Vorabendprogramm geschafft. Ich denke, damit leben sie ganz gut. Ich persönlich sehe gerne die Spiele, allerdings nur, wenn es ums Topniveaus geht. Klar ist, daß ein Sportler das Kapital Körper nur zeitlich begrenzt zur Verfügung hat. Trotzdem kann man Entwicklungen nicht per Wunsch beschleunigen. Da braucht es Marketing Strategien, viel Geld und Geduld. Es gab vor der Erfindung des Fernsehers auch genug tolle Fußballer, die im Endeffekt bettelarm geblieben sind. Und es gab Leute wie Günther Netzer, die erkannt haben, was es braucht, um Porsche zu fahren. Fazit: Um Wertschätzung zu erlangen, muß man präsent sein, daß erreicht sie ganz sicher nicht mit Boykott.p
Björn L 02.03.2019
4. Gespalten zwischen Verständnis und Sabotage
Ich drücke die Daumen und bewundere die Charakterstärke.
Valis 02.03.2019
5. Unverständlich
Sie kann mehr als zufrieden sein das der Verband Frauen und Männer nun gleich bezahlt! Das Problem bei Frauenfussball ist: Keiner will das sehen! Keiner kauft ein Sky-abo oder zu Tausenden das Fantrikot einer Spielerinnen. Keiner bezahlt 50 Euro für ein Ticket.Und keine Arena ist damit ausverkauft. Man kann das nicht mit Männerfussball vergleichen und das hat auch nix mit Frauenfeindlichkeit zu tun. Was sollen denn andere Sportarten sagen??? Ich spiele mein Leben lang Badminton. Du kannst als Profi in der ersten Liga nicht davon leben! Bis zum Profispieler zahlst du deine Ausbildung größtenteils selbst! Als unterer Ligaspieler hat man durch Echtfederbälle und Ausrüstung rund 50 Euro im Monat zu zahlen für den Sport. Ich finde diese Norwegische Spielerin sollte mal auf den Boden der Tatsachen zurück kommen!
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