Hütter-Abschied in Gladbach Ein Verein, der nicht weiß, wohin es mit ihm geht

Der Abschied von Adi Hütter bei Borussia Mönchengladbach erscheint folgerichtig, zu enttäuschend war die abgelaufene Saison. Ob es aber besser wird, ist völlig ungewiss. Der Verein befindet sich im vollständigen Umbruch.
Am Ende busselten sie sich doch noch ab: Adi Hütter und die Spieler

Am Ende busselten sie sich doch noch ab: Adi Hütter und die Spieler

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Federico Gambarini / dpa

Es war ein Abgang mit Anstand. Adi Hütter verkündete seinen Abschied von Borussia Mönchengladbach nach nur einem Jahr höchstselbst, und er versuchte erst gar nicht, die eigenen Verantwortung für diese enttäuschende Spielzeit wegzureden.

»Ich hätte sicher das eine oder andere besser machen können«, sagte der Trainer, in der Kabine soll es bei der Verkündung des Abschieds Standing Ovations der Spieler für Hütter gegeben haben, die Mannschaft hatte zuvor beim 5:1 über 1899 Hoffenheim die vielleicht beste Saisonleistung gezeigt. Auf dem Platz busselten sich Trainer und Spieler danach ab.

Es schien, als habe Hütter doch noch zu sich selbst und zu diesem Klub gefunden. Als es vorbei war.

Geburtsfehler bei der Verpflichtung

Mit hohen Erwartungen war der Österreicher zu Saisonbeginn vom Manager Max Eberl aus Frankfurt losgeeist worden, nicht zuletzt mithilfe einer Ablösesumme, die bei 7,5 Millionen Euro gelegen haben soll. Was die Wertschätzung der Arbeit, die Hütter bei der Eintracht geleistet hat, dokumentiert. Was aber auch schon eine Art Geburtsfehler in der Beziehung zwischen der Borussia und dem Trainer darstellte.

Schließlich hatte Hütters Vorgänger Marco Rose mit seinem Abgang aus einem laufenden Vertrag zu einem schweren Zerwürfnis mit den Gladbacher Fans geführt, die sich durch Roses Wechsel nach Dortmund wie betrogene Liebhaber vorgekommen sein mussten. Dass Hütter, der in Frankfurt auch noch unter Vertrag stand, auf dieselbe Weise nach Gladbach gelotst wurde, machte die emotionale Nähe zum Österreicher von Anfang an schwer.

Gestörte Beziehung – Hütter und die Borussia

Gestörte Beziehung – Hütter und die Borussia

Foto: Federico Gambarini / dpa

Die Distanz zwischen Trainer, Mannschaft und Fans war eine Konstante der gesamten abgelaufenen Spielzeit. Hütter hatte im Oktober das Highlight der 5:0-Gala gegen Bayern München im Pokal vorgelegt, der rauschhafte Abend, der andeutete, was in dieser Mannschaft möglich ist, blieb ein einsamer Höhepunkt in einer Spielzeit, die am Ende nur Enttäuschte hinterließ.

Eberl hatte sich verzettelt

Manager Eberl verzettelte sich nach einem Erfolgsjahrzehnt, das mit seinem Namen verbunden war, bei Transfers und Verhandlungen, sein Abgang im Januar, ausgebrannt, frustriert, erschöpft, war eine Zäsur, das sichtbarste Zeichen dafür, in welchem Umbruch sich der Klub befindet.

Das Präsidium der Borussia mit dem 80-jährigen Klubchef Rolf Königs an der Spitze und dem 79-jährigen Ex-Trainerguru Hans Meyer bedarf dringend einer Auffrischung, mit dem Aufrücken des 58-jährigen Stefan Stegemann in das Amt eines Vizepräsidenten ist immerhin ein Anfang getan. Der Abgang von Eberl hat auch die Schwächen der Klubführung offengelegt.

Der Verein stand auf einmal ohne seine Leitfigur da und Hütter ohne denjenigen, der ihn zur Borussia geholt hatte und der sein engster Ratgeber sein sollte. Eberls Nachfolger Roland Virkus kennt den Verein zwar aus dem Effeff, ist als Sportdirektor aber ein Novize und findet erst langsam in seine Rolle.

Zweifel am Engagement

Der Trainer hatte zudem zu Amtsantritt eine Mannschaft vorgefunden, bei der mehrere Leistungsträger schon zu Saisonbeginn mit einem Wechsel geliebäugelt hatten. Mit Spielern, die das Gefühl hinterließen, sie hielten sich eigentlich zu Höherem berufen, als für Borussia Mönchengladbach zu spielen.

So entstand früh in der Saison das Bild einer unambitionierten Truppe ohne Leidenschaft, die regelmäßig fußballerisch auseinanderfiel, wenn der Gegner mit Entschlossenheit Widerstand leistete.

Adi Hütter und Max Eberl (v.l.)

Adi Hütter und Max Eberl (v.l.)

Foto: Marius Becker / dpa

Wiederholt wurden Führungen aus der ersten Hälfte nach der Pause verspielt, der Trainer ließ dabei kaum erkennen, dass er in kritischen Situationen im Spiel Impulse von außen geben konnte. Im Gegenteil offenbarten sich auch Defizite in der Fitness, wenn das Team häufiger gegen Ende der Spielzeit einbrach.

Zu viele Enttäuschungen

Zwei demütigende Niederlagen im Derby gegen den 1. FC Köln, das 0:6 daheim gegen den SC Freiburg, ein blamables 0:3 im DFB-Pokal beim Zweitligisten Hannover 96, das 2:3 beim VfB Stuttgart nach 2:0-Führung – diese Saison war eine Ansammlung von frustrierenden Erlebnissen für die Fans, die zunehmend gleichgültig auf das reagierten, was da auf dem Feld passierte.

Als Borussia vor drei Wochen in Freiburg in letzter Minute das 3:3 erzielte, verweigerten zahlreiche Fans den an sich fälligen Jubel. Zu viel war vorgefallen.

So ist der Abschied Hütters, so stilvoll er auch vor sich ging, für viele Borussen-Fans ein Grund zur Erleichterung. Ob es allerdings künftig besser wird, ist alles andere als gewiss. Nationalspieler Matthias Ginter verlässt den Verein im Groll, die Zukunft anderer Spieler ist unsicher. Von Neuverpflichtungen hört man bisher so gut wie nichts.

Favre als Sehnsuchtsname

Die Borussia verpasst erneut die internationalen Plätze, das macht es nicht leichter, Spieler zum Bleiben zu animieren oder Profis von auswärts zum Kommen an den Niederrhein zu locken. Der Name Borussia Mönchengladbach hat immer noch Renommee, aber es gibt mittlerweile genug Klubs, vom 1. FC Union Berlin bis Eintracht Frankfurt, die dabei sind, die Borussia an Attraktivität zu überholen.

Lucien Favre bei seiner Verpflichtung 2011

Lucien Favre bei seiner Verpflichtung 2011

Foto: PATRIK STOLLARZ/ AFP

Angesichts dieser wenig rosigen Aussichten ist es nachvollziehbar, dass sich die Sehnsüchte vieler Borussen-Anhänger auf den Namen Lucien Favre kaprizieren. Er ist seit seiner Zeit zwischen 2011 und 2015 in Mönchengladbach mit einem schwer zu erschütternden Zauber verbunden. Wie die Borussia unter ihm aufblühte, vom Abstiegskandidaten zum Champions-League-Klub, hat ihm einen Platz im Herzen auf immer reserviert.

Wie anstrengend, wie abhängig von Stimmungen der Schweizer sein konnte, wie oft er mit dem Rücktritt kokettierte, wenn es nicht nach Wunsch lief, hat man in Kauf genommen. Er hatte allerdings auch stets Eberl an seiner Seite, der Favres Marotten gegenüber der Öffentlichkeit abfedern konnte.

Es soll bereits Gespräche zwischen Borussia und Favre gegeben haben, ist zu hören. Eine Rückkehr des mittlerweile 64-Jährigen wäre sicherlich ein Fußball-romantischer Move, das ist Versuchung und Gefahr in einem. 2022 ist nicht mehr 2011, Roland Virkus ist nicht Max Eberl, und die Zeit lässt sich nicht einfach zurückholen. Andererseits hat es in Favres Laufbahn nirgends so gut gepasst wie mit ihm und Borussia Mönchengladbach.

Nach Monaten des Schweigens hat sich in dieser Woche auch Eberl erstmals zu Wort gemeldet. In einem offenen Brief an die Fans hat er noch einmal die Gründe seines Abgangs erläutert und um Verständnis für seinen Schritt geworben: »Ein einfach Weiter-so wäre bedrohlich gewesen.«

Eberl schrieb noch, er werde jetzt weiterhin »tolle Erlebnisse und Menschen genießen und somit die notwendige Zeit nehmen, um meinen Akku und mein Herz wieder aufzuladen«.

Ein Weiter-so wäre bedrohlich gewesen. Das gilt im gewissen Sinne auch für den Klub. Das haben der Klub und Hütter jetzt auch erkannt. Auch Borussia Mönchengladbach muss Akku und Herz erst wieder aufladen.

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