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Lukas Podolski: Der degradierter Publikumsliebling

Foto: Marcus Brandt/ dpa

Ärger beim 1. FC Köln Podolski gestutzt, Mannschaft gestützt

Aufregung beim 1. FC Köln: Der neue Trainer Ståle Solbakken hat Nationalspieler Lukas Podolski die Kapitänsbinde weggenommen. Was wie ein Affront wirkt, dürfte dem Verein auf Dauer nur nutzen.

Ståle Solbakken verfährt offenbar nach der Methode: Das Schwerste zuerst. Der neue Trainer des 1. FC Köln ist kaum im Amt, da riskiert er schon den Konflikt mit Lukas Podolski. Manche zürnen und meinen, er habe sich an der Geißbock-Ikone vergriffen. Der Nationalspieler, in Stadt und Verein immer noch mit dem Status des Heilsbringers versehen, soll nach dem Willen des norwegischen Coaches nicht mehr Kapitän des FC sein. Für die Fans und einen Teil der Kölner Presse kommt das einem Fall von Majestätsbeleidigung gleich, für den Trainer ist es "eine Entscheidung für die gesamte Mannschaft".

Tatsächlich ist die Amtsenthebung Podolskis nicht weniger als Teil eines großen Plans: Das Team soll nach Jahren der Orientierungslosigkeit eine klare und vor allem homogene Struktur bekommen. Der Star-Faktor eines Lukas Podolski passt nicht mehr dazu. Der neue Spielführer, der brasilianische Abwehrchef Pedro Geromel, werde dagegen "als Kapitän unser Gesamtkonzept verkörpern", so Solbakken.

Die Kölner lieben ihre Kultfiguren

Der Norweger hat nach seinem Amtsantritt in Köln gesagt, er sei gekommen, "um hier an einer neuen Kultur mitzuarbeiten". Man kann sich ausmalen, wie der Kölner Sportdirektor Volker Finke bei diesen Worten wohlwollend genickt hat. Der frühere Trainer des SC Freiburg ist in Köln als starker Mann mit einer Mission angetreten. Sie lautet: Der FC kann mittel- und langfristig nur dann erfolgreich sein, wenn sich die Mentalität des Vereins radikal ändert.

In Köln ist so etwas allerdings weit schwieriger als anderswo. In der Stadt haben sie immer ihre Kultfiguren geliebt, egal ob Volksschauspieler Willy Millowitsch, Schriftsteller Heinrich Böll oder Sängerin Trude Herr. Auch die Vereinsgeschichte des FC ist voll mit zutiefst verehrten Persönlichkeiten, von Toni Schumacher und Heinz Flohe über Pierre Littbarski und Bernd Schuster bis hin zu Wolfgang Overath, der heute Präsident ist. Trainer Christoph Daum war auch so einer, der in Köln die Aura eines Messias besaß. Zuletzt hatte der von Finke entmachtete Coach Frank Schaefer diese Rolle inne - wenn auch ein bisschen gegen seinen Willen.

Finke ist solch ein Personenkult immer verdächtig gewesen, wenn nicht sogar zuwider. Es widerspricht komplett Finkes Ideal vom "konzeptionellen Fußball": der Art, auf dem Platz als Kollektiv aufzutreten, in dem jeder Spieler nur seine vom Trainer zugedachte Aufgabe wahrnimmt - ohne Allüren, ohne Extravaganzen, ohne Stimmungsabhängigkeiten. Ein Spielertyp der Marke Antipodolski also.

Finke will den Verein aus der Gefangenschaft befreien

Der 26-Jährige, in der vergangenen Winterpause von Schaefer zum Spielführer ernannt, ist immer eher "der Kapitän der Fans, nicht der Mannschaft" gewesen, wie es die "Sport Bild" ausdrückt. Seit Podolski 2009 nach seinem missglückten Abstecher zum FC Bayern nach Köln zurückkehrte, war nicht nur fast die ganze öffentliche Aufmerksamkeit, sondern auch das Spiel auf Podolski ausgerichtet. Das hat nicht allen im Team gefallen. Wenn der Stürmer gut aufgelegt war, wie in weiten Teilen der Rückrunde der Saison 2010/2011, dann lief das Spiel des FC. Dennoch gab es immer wieder Zeiten, in denen ein lustloser Lukas Podolski zu sehen war. In diesen Phasen strauchelte die Mannschaft.

Finke will den Verein aus dieser Abhängigkeit von einem einzelnen Spieler befreien, und Solbakken scheint ihm dafür der richtige Mann zu sein. Der 43-jährige Norweger mit dem markanten Glatzkopf hat in Dänemark beim FC Kopenhagen Beachtliches geleistet und den kleinen Verein bis ins Achtelfinale der Champions League geführt.

Er ist zudem einer, der sich bislang unbeeindruckt von der berüchtigten Kölner Medienlandschaft gezeigt hat. Vor ein paar Tagen hat er in der Pressekonferenz mit süffisantem Lächeln verkündet, er wisse, "dass die Presse hier sehr stark ist, aber ihr hattet hier zu viel Power in den letzten zehn, fünfzehn Jahren". Wer sich so einführt, muss seiner Sache sehr sicher sein.

Mehr als eine persönliche Motivationsmaßnahme

Podolski habe die Rückstufung vom Kapitän zum normalen Feldspieler "verstanden und respektiert", heißt es in der offiziellen Presseerklärung des Vereins vom Montag. Dem Kölner "Express" sagte er nun, er könne die Gründe, die Solbakken nannte, "nicht zu 100 Prozent nachvollziehen". Podolski war speziell von der Art und Weise enttäuscht, "wie der Verein in den letzten Wochen mit diesem Thema umgegangen ist. Das hat aus meiner Sicht allen Beteiligten nur geschadet." Ein paar Tage zuvor hatte Podolski noch angekündigt, er werde sein "Amt bestimmt nicht freiwillig zur Verfügung stellen". Ihm selbst hatte die Verleihung der Kapitänsbinde in der Vorsaison sichtlich Auftrieb gegeben. Der sportliche Aufschwung Podolskis nach der Winterpause war auch damit in Zusammenhang gebracht worden.

Aber für Finke und Solbakken ist das Amt des Spielführers mehr als eine persönliche Motivationsmaßnahme. "Ein Kapitän muss die richtigen Dinge sagen, eine gute Körpersprache und einen hohen Sachverstand haben", hatte der Trainer dem "Kölner Stadtanzeiger" gesagt. Podolski besitzt diese Eigenschaften nach Solbakkens Einschätzung wohl nicht in ausreichendem Maße. In der Nationalmannschaft hat Podolski bisher 89 Länderspiele absolviert. Nach dem Abgang von Michael Ballack hat im aktuellen Kader nur noch Miroslav Klose mehr Einsätze vorzuweisen. Als Kapitän der DFB-Elf kam Podolski dennoch nie ernsthaft in Frage.

Der Angreifer soll sich im Verein jetzt auf das konzentrieren, was er ohnehin am besten kann: mit seiner Explosivität und seiner Schusskraft für Torgefahr sorgen. Podolski sei ein zentraler Spieler in seinem Konzept, ein echter Matchwinner, hat Solbakken gesagt.

Aufgrund seiner Dynamik hat der Trainer Podolski kürzlich gar mit dem ehemaligen Boxchampion Mike Tyson verglichen. Der Weltmeister im Schwergewicht war für seine Explosivität bekannt. Aber Besonnenheit? Fehlanzeige.

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