Afrika-Cup Die unglaubliche Geschichte der Nationalmannschaft von Madagaskar

Keine Stars, keine Prämien und ein Teilzeit-Coach: Gegen jede Wahrscheinlichkeit erreichte Madagaskar beim Afrika-Cup das Viertelfinale. Der Erfolg verrät viel über die Mannschaft - doch er wird wohl einmalig bleiben.

Die Spieler Madagaskars nach dem Achtelfinalsieg gegen die DR Kongo
Javier Soriano/AFP

Die Spieler Madagaskars nach dem Achtelfinalsieg gegen die DR Kongo

Von Philipp Awounou


Bevor sein Team im Achtelfinale des Afrika-Cup gegen die Demokratische Republik Kongo antrat, äußerte Madagaskars Nationaltrainer Nicolas Dupuis einen gewagten Wunsch: "Vor 80.000 Zuschauern im Finale gegen Ägypten zu gewinnen, das wäre mehr als ein Traum", sagte der 51-Jährige.

Wenige Tage später ist klar: Dupuis' Traum wird ein solcher bleiben. Allerdings nicht, weil Madagaskar, die Überraschung des Turniers, ausgeschieden ist - sondern weil Gastgeber Ägypten unerwartet im Achtelfinale an Südafrika scheiterte (0:1).

Madagaskar im Viertelfinale

Die Madagassen hingegen schlugen die favorisierten Kongolesen im Elfmeterschießen mit 4:2 (2:2) und setzten damit ihre märchenhafte Erfolgsgeschichte fort; die Geschichte einer verschworenen Einheit, zusammengekratzt auf den Resterampen des professionellen Fußballs, trainiert von einem Teilzeitcoach.

Jubel nach dem Elfmeterschießen
Guiseppe Cacae/AFP

Jubel nach dem Elfmeterschießen

Noch vor fünf Jahren belegte Madagaskar auf der Fifa-Weltrangliste Platz 190 von 211. Utopisch, undenkbar erschien damals schon die Qualifikation für den Afrika-Cup - und schon gar nicht das Erreichen des Viertelfinals.

Es mangelte schlicht an den nötigen Strukturen: keine Profiliga, keine Jugendarbeit, kein fähiges Personal. Zumindest einige der Löcher konnten in den vergangenen Jahren gestopft werden - seit der Ankunft eines nahezu Unbekannten aus Frankreich: Nicolas Dupuis.

Trainer aus der vierten Liga

Weder als Spieler noch als Trainer kam der 51-Jährige über die vierte französische Liga hinaus, die höchste Amateurklasse des Landes. Ohne jegliches Renommee heuerte er im März 2017 in Madagaskar an, wo er tiefgreifende Reformen anschob.

Erfolgsfaktor Nicolas Dupuis
Javier Soriano/AFP

Erfolgsfaktor Nicolas Dupuis

"Alles hat sich verändert", sagte Dupuis der Nachrichtenagentur AFP. Das Team arbeite jetzt viel professioneller, habe Athletiktrainer, Physiotherapeuten, Doktoren. Der Franzose schuf Bedingungen, die in weiten Teilen der Fußballwelt längst Standard sind. Welchen Einfluss diese Strukturen hatten, lässt sich nicht zuletzt an der Performance gegen die Demokratische Republik Kongo ablesen.

Debüt beim Afrika-Cup

Schon im Juni 2016 war Madagaskar gegen das Team angetreten. Und verlor chancenlos mit 1:6. Ein halbes Jahr später trat Dupuis das Traineramt an - und der Aufschwung begann: 2017 verloren die Madagassen nur eines von 14 Länderspielen, 2018 feierten sie die erstmalige Qualifikation für den auf 24 Teams aufgestockten Afrika-Cup. 2019 trafen sie schließlich erneut auf die Kongolesen - und feierten den größten Erfolg der Verbandsgeschichte.

Große Stars sucht man im Kader Madagaskars vergebens. Der Gesamtmarktwert des Teams liegt laut transfermarkt.de bei 14 Millionen Euro, die meisten Akteure spielen unterklassig in den Niederungen des französischen Fußballs. Im Kollektiv jedoch blühen die Einzelnen auf. Die Spieler loben die herausragende Mentalität, und auch der Fußball kann sich sehen lassen: kein typisches Underdog-Bollwerk, Madagaskar bemüht sich um Ballbesitz und Spielanteile.

"Sie können noch weit kommen"

Essentiell ist dabei die Schaltzentrale um Madagaskars Juwel, Marco Ilaimaharitra vom belgischen Erstligisten RSC Charleroi. Im Laufe der Vorrunde dürfte sich der 23-Jährige in die Notizbücher zahlreicher Scouts gespielt haben. Die Resultate: 2:2 gegen Guinea, 1:0 gegen Burundi, und vor allem: 2:0 gegen Titelkandidat Nigeria. "Es ist absolut keine Schande, gegen dieses Team zu verlieren. Sie können noch weit kommen", sagte Nigerias Coach Gernot Rohr nach dem Spiel, das den Madagassen den Gruppensieg einbrachte.

Große Freude bei den Fans der "Barea"
AFP

Große Freude bei den Fans der "Barea"

Rohr ist eine Instanz im afrikanischen Fußball, ein Szenekenner. Dennoch muss man feststellen, dass das madagassische Märchen auch Symptom eines schwachen Turniers ist: Lediglich 68 Tore fielen in den 36 Vorrundenspielen, 16 Mal sahen die Fans höchstens einen Treffer. Vor allem die Titelkandidaten enttäuschten, weshalb statt Ghana, Ägypten oder Marokko nun Nationalmannschaften aus Südafrika, Benin oder Madagaskar im Viertelfinale stehen. In der Runde der letzten Acht treffen die Madagassen am Abend auf Tunesien (21 Uhr, Stream: Dazn), die Nummer 25 der Welt.

Dupuis mahnt

In der Heimat ist die Euphorie riesig, doch zugleich tritt Dupuis bei ESPN als Mahner auf. Der Erfolg sei der Baum, hinter dem man den Wald nicht sehe. Denn: "Das Team funktioniert gut, der Rest nicht."

Nach wie vor gibt es keine madagassische Profiliga, keine professionelle Jugendarbeit, kein Scouting. Keine Prämien, kaum Ausstattung. Teamkapitän Faneva Andriatsima verkaufte laut eigener Aussage vor Turnierbeginn rund 600 Teamtrikots, um dringend benötigtes Trainingsequipment besorgen zu können. Und Dupuis, dem sein niedriges Gehalt nur unregelmäßig ausbezahlt wird, arbeitet parallel in Frankreich als technischer Direktor des Viertligisten FC Fleury.

Rückständige Verbandsarbeit

Auch deshalb ist die Geschichte Madagaskars so märchenhaft. Weil sie ein Erfolg gegen jede Wahrscheinlichkeit, gegen alle Widerstände ist. Das Denkmal, das sich dieses Team geschaffen hat, erscheint dadurch zwar umso größer, doch angesichts der noch immer rückständigen Verbandsarbeit bleibt zu befürchten, dass die einmaligen Leistungen Madagaskars langfristig wohl genau das bleiben werden: einmalig.

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insgesamt 3 Beiträge
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snigger 11.07.2019
1. cool runings for football
mein tipp an den madegasganischen trainer: mach einen Film drüber. wenn französiche verbindungen schon da sind ... würde ich das nutzen. Jean Reno als Trainer wäre vielleicht das internationale Zugpferd. Die Story von "Cool Runings" könnte eine tolle Vorlage bieten ... Den Gewinn aus dem Film, soweit generierbar, dann in den Fussball von Madegasgar pumpen ...
Celegorm 11.07.2019
2.
Dass bei praktisch jedem Afrika-Cup irgendeine Überraschungsmannschaft nach vorne stösst, mag zwar Liebhaber von Underdog-Geschichten erfreuen, illustriert aber letztlich das eigentliche Problem des afrikanischen Fussballs ganz gut: so gut wie keine Konstanz, Stabilität und Professionalität. Erfolge sind fast immer das Produkt aus einzelnen Starspielern, etwas Momentum und Glück, weshalb auch fast im Jahrestakt wieder neue Länder nach oben schiessen und andere in der Versenkung verschwinden. Wohin das führt, sieht man dann wieder bei der WM, wo sämtliche afrikanischen Teams chancenlos bleiben und sich seit längerem sogar von der Asien-Gruppe den Schneid abkaufen lassen müssen..
frogman07 12.07.2019
3. gut recherchierter Artikel
Es sind diese kleine Geschichten am Rande des Fussballs, die den Sport so faszinierend machen. Deshalb gucke ich auch den Afrika Cup im Stream. Fernab von Kommerz und Bling Bling. Selbst die Zuschauerränge sind so leer, weil Sich keiner die teuren Fifa Karten leisten kann. Aber vor dem TV stehen Millionen Afrikaner und die Spieler jubeln aus ganzem Herzen....schön zu sehen. Echte Leidenschaft aller Teams bis jetzt.
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