Afrika-Cup Weltklasse - und die Bundesliga schaut weg

Die laufende Afrikameisterschaft ist die bislang beste ihrer Geschichte. Die Fußballprofis vom schwarzen Kontinent gehören inzwischen zur Weltklasse, doch der deutsche Fußball tut sich schwer mit ihnen. Nun erforscht ein Bundesligist die Möglichkeiten in Afrika.

Von Christoph Biermann


In den vergangenen Wochen war Jens Todt viel unterwegs und hat oft gestaunt. In Burkina Faso wurde er von einem echten König empfangen, doch mehr noch beeindruckte den ehemaligen deutschen Nationalspieler, was er auf den staubigen Fußballplätzen Westafrikas sah. "Wie weit junge Spieler da sind, ist einfach irre", sagt Todt nach seinen Reisen nach Nigeria, Ghana, Mali und eben Burkina Faso. Die Elfenbeinküste und Kamerun werden noch folgen, und nach diesen abschließenden Exkursionen wird er gemeinsam mit dem Sportökonom Johannes Baumeister eine "Standortanalyse" zum afrikanischen Fußball verfassen.

Beauftragt hat die beiden Dietmar Beiersdorfer. "Wir würden in Afrika gerne den Fuß in die Tür stellen", sagt der Sportdirektor des Hamburger SV und zeigt allein durch dieses bescheidene Vorhaben mehr Interesse am afrikanischen Fußball als hierzulande üblich. Die derzeit in Ghana laufende Afrikameisterschaft ist sportlich die beste in der Geschichte des Wettbewerbs und beweist einmal mehr, dass die Profis von der Elfenbeinküste oder aus Ghana ihren Kollegen aus Brasilien oder Argentinien in nichts nachstehen. Nur spielen die besten Afrikaner nicht mehr in der Bundesliga, wie das zu Zeiten von Anthony Yeboah, Jay Jay Okocha oder Souleyman Sané mal der Fall war.

"Das hat sicherlich auch historische Gründe", sagt Beiersdorfer. Vor allem französische, belgische und portugiesische Clubs nutzen die postkolonialen Verbindungen nach Afrika, die in Deutschland fehlen. Aber dass nur einige Bundesligisten ihre Scouts zum Turnier nach Ghana geschickt haben, ließ Kameruns Nationaltrainer Otto Pfister bereits spotten: "Vielleicht ist es denen zu weit und zu heiß." Zwei Dutzend afrikanische Profis stehen derzeit in der Bundesliga unter Vertrag, von denen nur eine Handvoll nicht den Umweg über andere europäische Länder nahm. Doch haben sich die Spieler erst einmal in Europa etabliert, sind sie für die deutschen Clubs zu teuer.

"In Afrika besteht sicherlich die Riesenchance, eine Nische zu besetzen", sagt Martin Bader, Manager des 1.FC Nürnberg. Mangelnde Marktkenntnis ist für ihn jedoch der entscheidende Grund dafür, dass sich die deutschen Clubs in Afrika so schwer tun. Niemand kennt die Ligen, die Spieler und die handelnden Personen. Selbst die Bewertung spielerischer Qualität fällt seiner Meinung nach schwerer als sonst: "Wie schätzt man eine Leistung zutreffend ein, wenn vor ein paar hundert Zuschauern auf holprigem Rasen im Kongo gespielt wird?" Selbst Joe Mnari musste vor seiner Verpflichtung beim 1.FC Nürnberg ein Probetraining machen, obwohl er damals bereits 28 Jahre alt und Kapitän der tunesischen Nationalmannschaft war.

Doch wie engagiert man sich in Afrika am besten? Red Bull Salzburg investiert in Ghana gerade sieben Millionen Euro in eine neue Fußballschule, während Feyenoord Rotterdam seine 1999 ebenfalls in Ghana gegründete Akademie gerne abgeben würde, wie hinter vorgehaltener Hand gesagt wird. Ajax Amsterdam überdenkt ebenfalls, ob es sich lohnt, die Filiale Ajax Kapstadt weiter in der ersten Liga Südafrikas spielen zu lassen. Und der HSV wird Mitte Februar darüber nachdenken, welcher Weg nach Afrika der richtige ist, wenn der Bericht von Jens Todt vorliegt.

"Wir wollen zunächst ein Gefühl dafür bekommen, was dort los ist", sagt Beiersdorfer, "Projekte müssen nicht von heute auf morgen umgesetzt werden." Wahrscheinlich aber ist, dass der Bundesligist in einem der bereisten Länder eine Fußballschule gründet, sich an einem bereits bestehenden Projekt beteiligt oder einem afrikanischen Club zum Partnerverein macht. Doch der HSV muss sich auch darüber im Klaren sein, dass so ein Vorhaben neben der Ausbildung von Fußballtalenten eine zusätzliche Ebene hätte.

Auf den afrikanischen Fußballtalenten lasten gewaltige Erwartungen der Familien, dass die Spieler es schaffen und so ihren Clan ernähren können. Daher werden Schule und Ausbildung nicht selten wegen des Fußballs vernachlässigt, und selbst auf den Flüchtlingsschiffen nach Europa sitzen oft Jugendliche, die auf eine Traumkarriere in Europa hoffen. Für Todt ist daher schon jetzt klar, welche Seite ein weitergehendes Engagement in Afrika noch hätte. "Das muss man sicherlich auch als soziales Projekt sehen", sagt er.



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