Afrika-Kenner Gutendorf "Mir ist das Pflaster da unten zu heiß"

Kaum ein anderer deutscher Trainer kennt den afrikanischen Fußball so gut wie Rudi Gutendorf. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der 83-Jährige über Hexerei, die WM-Geheimfavoriten und darüber, warum er seinem Sohn von der Reise nach Südafrika abrät.

Trainer Gutendorf: "Mein Sohn soll sein Leben nicht riskieren"
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Trainer Gutendorf: "Mein Sohn soll sein Leben nicht riskieren"


SPIEGEL ONLINE: Herr Gutendorf, Sie haben in der vergangenen Woche mit der Bemerkung Schlagzeilen gemacht, Sie würden nicht zur Fußballweltmeisterschaft nach Südafrika fahren, weil sie es für zu gefährlich halten.

Gutendorf: Stimmt, da ist es mir wie Uli Hoeneß gegangen. Der hat ja auch davor gewarnt, da runter zu fahren. Es scheint ein sensibles Thema zu sein. Ehrlich: Ich bin alles andere als ein ängstlicher Mensch. Aber mir ist das Pflaster da unten zu heiß.

SPIEGEL ONLINE: Dabei hat Ihnen der Fußballverband von Mauritius Tickets angeboten.

Gutendorf: Genau. Ich war zweimal, 1993 und 1997, auf dieser wunderschönen Insel Trainer der Nationalmannschaft, und der Verband ist mir immer noch sehr verbunden. Ich wäre wirklich gerne gefahren. Eine Weltmeisterschaft ist doch immer ein großartiges Ereignis. Aber diesmal muss ich passen. Ich rate übrigens auch meinem 19-jährigen Sohn Fabian ab, dorthinzufahren. Ich habe ihm angeboten, die Kosten für ein Luxushotel auf Mauritius zu übernehmen. Soll er sich die Spiele dort im Fernsehen ansehen. Er ist das Wertvollste, was ich habe. Er soll sein Leben nicht riskieren.

SPIEGEL ONLINE: Befolgt er Ihren Rat?

Gutendorf: Er überlegt noch. Na ja, die Jugend ist halt schwer zu bändigen. Aber ich habe ihm kräftig ins Gewissen geredet.

SPIEGEL ONLINE: So eine Warnung hätten wohl gerade aus Ihrem Mund die wenigsten erwartet.

Gutendorf: Stimmt. Ich war immerhin in acht verschiedenen afrikanischen Ländern Trainer. Darunter Pulverfässer wie Simbabwe und Ruanda. Aber an Südafrika habe ich besonders schlimme Erinnerungen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit Mauritius 1993 in Johannesburg gespielt, in der Qualifikation zum Africa Cup of Nations...

Gutendorf: ...und wir holten ein sensationelles 0:0. Damit hatte damals niemand gerechnet. Wir waren krasser Außenseiter gegen "Bafana Bafana" gewesen. Unsere Verbandsfunktionäre waren gar nicht erst mitgekommen; die dachten, wir kriegen eine zweistellige Packung. Mauritius ist doch ein Fußballzwerg. Aber ich habe denen meinen berühmten Riegel beigebracht, mit dem ich mit Meiderich 1964 Vizemeister wurde: Alle hinten rein und dann mit Mann und Maus angreifen. 45.000 Leute im Stadion - die Südafrikaner haben vielleicht Augen gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Und dann schlug die Stimmung um?

Gutendorf: Aber wie! Wir wurden übel beschimpft. Nachdem wir endlich das Hotel erreicht hatten, habe ich meine Spieler gewarnt, noch rauszugehen. Aber drei Spieler und ein Masseur wollten noch ein Bierchen trinken. Morgens um drei Uhr standen sie splitternackt und blutend im Foyer des Hotels. Sie waren erkannt, ausgeraubt und schlimm verdroschen worden.

SPIEGEL ONLINE: Ansonsten gelten Sie als Liebhaber des afrikanischen Fußballs.

Gutendorf: Klar, wie die Afrikaner sich bewegen, so geschmeidig, diese Ballbeherrschung! Ich habe mich in Afrika immer wohlgefühlt. Da gibt es so viele Talente.

SPIEGEL ONLINE: 1982 haben Sie in einem Beitrag prognostiziert, "dass 1998 oder 2002 eine Mannschaft aus der Dritten Welt Fußballweltmeister werden kann".

Gutendorf: Stimmt ja auch, ist nur leider nicht eingetreten. Sie sind immer noch zu undiszipliniert, und vor allem sind die Funktionäre zu korrupt. Das ist die Tragödie des afrikanischen Fußballs. Ich habe es selbst erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Ist das alles, woran es hapert?

Gutendorf: Natürlich nicht. Dazu kommt der Hexenglauben, der ganze Zauber. In Tansania war es am schlimmsten. Ich war Anfang der achtziger Jahre Trainer der Nationalmannschaft und von den Yangas aus Daressalam. Mit dem Nationalteam mussten wir gegen Kenia ran, es war immerhin das Finale um den East und Central Africa Cup. Da hat mir ein Ältestenrat aus Medizinmännern und Zauberern verboten, den besten Flügelstürmer des Landes, Twenny Ali, aufzustellen, weil ein böser Geist von ihm Besitz ergriffen habe. Natürlich haben wir verloren. Kein Wunder.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich Positives über den Fußball in Afrika sagen?

Gutendorf: Da ist natürlich das unglaubliche Spielerpotential. Und dann hat Fußball auch eine versöhnende Kraft, die ich selten so deutlich wie in Afrika gespürt habe. In Afrika ist einfach alles möglich. Auch das beste.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet in Afrika? Von dem Kontinent kommen doch immer wieder Horrormeldungen.

Gutendorf: Ja, aber 1999 in Ruanda habe ich auch erlebt, wie Fußball Grenzen überbrücken kann. Es war mein 54. Trainerjob. Fünf Jahre zuvor hatte ein Völkermord Hunderttausende von Toten gefordert. Meine Mannschaft bestand natürlich sowohl aus Tutsis wie auch aus Hutus, den beiden großen Volksgruppen. Die Spieler waren sich anfangs überhaupt nicht grün. Aber zusammen für ihr Land aufzulaufen, hat sie richtig zusammengeschweißt. Das zu sehen war phantastisch. Vielleicht mein schönsten Erlebnis in meiner Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Welcher afrikanischen Mannschaft trauen Sie bei der WM in Südafrika am meisten zu?

Gutendorf: Schwer zu sagen. Die drei großen schwarzafrikanischen Mannschaften Elfenbeinküste, Nigeria, Ghana, sind sehr spielstark; Südafrika hat als Außenseiter den Heimvorteil der fanatischen, phantastischen Fans; Algerien ist wohl noch stärker, vor allem im taktischen Bereich. Sie alle können das Halbfinale locker erreichen, den Cup werden sie aber wohl nicht holen.

Das Interview führte Thilo Thielke



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