Champions-League-Finale in Afrika VAR-Panne, Spielabbruch - und trotzdem ein Pokalsieger

Das Endspiel der afrikanischen Königsklasse dauerte nur 60 Minuten. Ein nicht gegebenes Tor sorgte für heftige Diskussionen, Tumulte und sogar den vorzeitigen Abpfiff.

Casablancas Spieler protestierten gegen die Entscheidung von Schiedsrichter Bakary Gassama (M.)
Fethi Belaid / AFP

Casablancas Spieler protestierten gegen die Entscheidung von Schiedsrichter Bakary Gassama (M.)


Während die europäischen Fußballfans auf das Finale der Uefa Champions League am Samstagabend hinfiebern, hat das Endspiel des afrikanischen Pendants im tunesischen Radès für einen Aufreger gesorgt: Das Rückspiel zwischen Espérance Tunis und Wydad Casablanca am Freitagabend wurde abgebrochen, da das System des Videoschiedsrichters nicht funktionierte und die Wydad-Spieler aus Protest den Platz verließen. Tunis wurde zum Champions-League-Sieger erklärt.

Was war genau passiert? Beim Hinspiel in Rabat vor einer Woche hatten die beiden Klubs 1:1 gespielt. Im Rückspiel ging Tunis durch Youcef Belaili (41. Minute) in Führung. Der Auslöser für den Abbruch folgte 20 Minuten später: Walid El Karti (59.) erzielte für Wydad per Kopf den vermeintlichen Ausgleich. Der gambische Schiedsrichter Bakary Gassama erkannte den Treffer aber nicht an, da er zuvor ein Foul des Torschützen gesehen hatte.

Das marokkanische Team bestand darauf, die Situation durch den Videoschiedsrichter überprüfen zu lassen, erfuhr aber laut eigener Aussage erst dann, dass das System nicht funktionierte. Der Kapitän von Espérance, Khalil Chemmam, sagte "Beinsports", der Schiedsrichter habe beiden Spielführern vor dem Spiel mitgeteilt, dass der VAR defekt sei. Er habe zudem gefragt, ob die Teams bereit seien, trotzdem zu spielen. Beide Kapitäne hätten zugestimmt, erklärte Chemmam. Wydads Spieler hätten später gesagt, dass ihr Spielführer weder Französisch noch Englisch verstanden habe. Eigentlich hatte der VAR zum vierten Mal im afrikanischen Klubfußball zum Einsatz kommen sollen.

CAF kündigt außerordentliche Sitzung an

Die Elf von Wydad, Ersatzspieler und Co-Trainer umringten die Schiedsrichter. Offizielle der Mannschaften und des Verbandes versammelten sich am Spielfeldrand, um die Situation zu klären. Sogar Ahmad Ahmad, Chef des afrikanischen Fußballverbandes, schaltete sich laut der Nachrichtenagentur Reuters in die Diskussion über den Wiederanpfiff ein.

Das VAR-System stand im Fokus
Fethi Belaid / AFP

Das VAR-System stand im Fokus

Casablancas Spieler weigerten sich aber, das Spiel fortzusetzen. Beide Mannschaften gingen in die Kabinen. Nach 90 Minuten wurde ihnen mitgeteilt, dass das Spiel vorzeitig beendet und mit 1:0 für Tunis gewertet worden sei, das damit seinen vierten Titel in der Champions League gewann. Der Pokal wurde Tunis auf dem Platz überreicht.

Casablancas Vereinschef Said Naciri war außer sicher und beschuldigte die CAF. "Wenn sie den Pokal irgendeiner Seite schenken wollen, dann sollte das nicht auf diese Weise geschehen", wetterte er. Der Club will jetzt den Weltverband FIFA und den Internationalen Sportgerichtshof CAS anrufen. Zugleich dementierte Naciri, dass sein Verein über den Defekt der Videotechnik informiert worden sei.

Während der Unterbrechung kam es auf den Tribünen zu Unruhen, Flaschen wurden auf das Spielfeld geworfen. Nach dem offiziellen Abbruch der Partie kam es in den Katakomben zu Auseinandersetzungen, wie ein Video des ägyptischen Journalisten Ahmad Yousef zeigen soll.

Bereits im Hinspiel hatte ein Schiedsrichter mit zweifelhaften Entscheidungen für Aufruhr gesorgt. Beim 1:1 soll der Ägypter Gehad Grisha den Marokkanern ein reguläres Tor und einen klaren Elfmeter verweigert haben. Grisha wurde daraufhin wegen einer laut CAF "schwachen Leistung" vom afrikanischen Verband für sechs Monate gesperrt.

Die CAF zeigte sich nach den Ereignissen in beiden Spielen besorgt, man befürchtet Folgen für den Afrika Cup vom 21. Juni bis 19. Juli in Ägypten. "Was heute im Spiel zwischen Tunis und Casablanca passiert ist, könnte negative Auswirkungen auf die Reputation des afrikanischen Fußballs haben. Afrika lebt ohnehin bereits isoliert auf dieser Welt", twitterte der ehemalige ägyptische Nationaltorhüter Essam El-Hadary. Der afrikanische Fußballverband CAF will sich am Dienstag in einer außerordentlichen Sitzung mit dem Fall befassen.

Anmerkung: In der ursprünglich Meldung hieß es, Casablancas Ismail El Haddad sei der Torschütze zum vermeintlichen Ausgleich gewesen. Es handelte sich aber um Walid El Karti.

ptz/sid/rtr



insgesamt 5 Beiträge
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Abongui 01.06.2019
1. CAF und Korruption...
... kein Ende in Sicht. Diese korrupte Organisation gehört aufgelöst. Unfassbar wie die manchmal skrupellos sind. Erst den Sieger aussprechen, Pokal feierlich abgeben und nach Kritik und Stunden nach dem Theater eine Sitzung einberufen????? Wer ist jetzt blöd? Zuschauer, Spieler oder die Organisation.
kbrm9 01.06.2019
2.
Finale der CAF Champions League. und das System geht nicht. lol. Hätte der sich halt die Wiederholung auf BeiN Sports angeschaut. Aber der Protest ist ok. Nachdem Tor hat er das Foul gepfiffen. Hört sich NACH Spielmanipulation an.
Tandor 01.06.2019
3.
Was hätte man den tun sollen wenn sich eine Mannschaft weigert weiter zu spielen bleibt dem Schiedsrichter nichts anderes übrig. Und die CAF Sitzung gibt es wohl eher weil sich Wydad Casablanca geweigert hat weiter zu spielen. Das wäre bei der UEFA nicht anders. Andere Medien berichten auch das die Mannschaften sehr wohl vorher über das fehlende VAR informiert wurden, und zugestimmt haben das Spiel dennoch auszutragen (Tagesspiegel). Der Kapitän von Wydad das nur offensichtlich nicht verstanden hat, weil er weder Französisch noch Englisch spricht. Der Schiedsrichter gehört immerhin zu den renommiertesten Afrikas mit 2 gepfiffenen Weltmeisterschaften. Dem wird die Situation sicherlich auch nicht gefallen haben und er riskiert seine Karriere als FIFA Schiedsrichter.
DorianH 01.06.2019
4.
Vielleicht sollte man dann eher Casablancas Kapitän die Ohren langziehen. "Ich verstehe kein Wort von dem, was der Schiri mir erzählt....aber ich stimme zu." Selber schuld, würde ich sagen.....
alzi4825 01.06.2019
5. Foulspiel?
Im Video (kursiert bei Youtube) sieht es eher so aus, als würde der Schiedsrichter Abseits anzeigen. Leider ist der Assistent nicht im Bild zu sehen. Auch der Moment der Ballabgabe ist im Nebel schwer auszumachen, tendenziell war's kein Abseits, aber da reden wir von Sekundenbruchteilen. Passiert auf jedem Niveau, der VAR wäre hier hilfreich gewesen.
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