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Fußballer Ailton: Vom Torkönig zum Wandervogel

Foto: Fredrik von Erichsen/ dpa

Ailton bei Hassia Bingen Endstation für den Kugelblitz

Er war Bundesliga-Torschützenkönig und Publikumsliebling, jetzt kickt Ailton bei Hassia Bingen. Der Sechstligist ist wohl die letzte Station des Brasilianers im deutschen Fußball. Nach einem furiosen Saisonstart könnte es schon im Winter zur Trennung kommen.
Von Marcel Friederich

Ailton ist gut drauf. Als er auf der Geschäftsstelle von Hassia Bingen um die Ecke biegt, kaut er lächelnd auf einem Bonbon. Er trägt eine Baseball-Kappe und ein grünes Oberteil, das um den Bauch herum ein bisschen spannt. "Warte bitte noch kurz. Ich muss schnell telefonieren", sagt Ailton und greift zu seinem Handy.

Als das Gespräch nach fünf Minuten beendet ist, entschuldigt sich der Brasilianer und sagt: "In meiner Heimat züchte ich Pferde auf einer Farm. Habe eben ein Angebot bekommen, 10.000 Euro - doch ich habe das Pferd nicht verkauft. Denn ich finde, es ist mindestens 15.000 Euro wert." Auch wenn es mit dem Verkauf diesmal nicht geklappt hat, "solche Geschäfte machen mir unheimlich viel Spaß", so der 39-Jährige.

Weniger Freude hat Ailton derzeit auf dem Fußballplatz. Der Bundesliga-Torschützenkönig der Saison 2003/2004 kickt mittlerweile in der sechsten Liga in Rheinland-Pfalz. Aus den letzten sechs Spielen holte seine Mannschaft lediglich einen Punkt, Ailton steht mit seinem Club auf dem drittletzten Platz. Enttäuschung, Frust und Abstiegsgefahr sind die Folge. "Wenn Ailton Fußball spielt, will ich lachen und Spaß haben", sagt der Brasilianer im gewohnten "Ailton-Deutsch". "Aber momentan habe ich hier keinen Spaß." Meist steht er in der gegnerischen Hälfte und wartet auf brauchbare Zuspiele. Oft wartet er vergeblich.

"Das ist alles sehr schade"

Dabei hatte alles so gut angefangen. Bei seinem ersten Saisonspiel kam Ailton in der 68. Minute beim Stand von 0:0 auf den Rasen - und schoss noch zwei Tore. Bingen gewann 2:0, die 2000 Zuschauer waren begeistert. In den ersten fünf Spielen gelangen ihm insgesamt fünf Treffer. Der Rummel um Ailton war enorm.

Doch plötzlich verletzten sich mehrere Leistungsträger, die Mannschaft kam aus dem Tritt. Daraufhin wirkte auch Ailton, der ehemalige Dschungelcamp-Teilnehmer, zusehends lustloser. Wegen einer Schiedsrichterbeleidigung kassierte er sogar eine Rote Karte. "Das ist alles sehr schade", sagt er. "Bingen ist wahrscheinlich meine letzte Station in Deutschland. Da hätte ich gerne eine super Saison gespielt."

So aber hat die Ailton-Euphorie spürbar nachgelassen. Beim jüngsten Spiel, ein 0:4 gegen den TSV Schott Mainz, kamen nur noch 300 Zuschauer. Einen Tag später wurde der Trainer entlassen. "Bei einer guten Mannschaft mache ich in dieser Liga locker 20 oder 25 Tore. Aber Ailton alleine - das geht nicht", hadert der Brasilianer. "Ich brauche hinter mir eine Mannschaft mit ein bisschen Disziplin, ein bisschen Potential. Sonst wird das nichts. In der Winterpause brauchen wir fünf, sechs neue gute Leute."

Kommt Ailton nach der Winterpause zurück?

Stichwort Winterpause. Schon zu seinen Glanzzeiten hatte Ailton seine Clubs zur Weißglut gebracht, indem er den Weihnachtsurlaub in Brasilien regelmäßig eigenmächtig verlängerte. Und ob er diesmal überhaupt wiederkommt? "Schwierige Frage", sagt Ailton, dessen Vertrag bis Saisonende läuft. Sein Gehalt, das angeblich im sechsstelligen Bereich liegt, wird von privaten Sponsoren gestemmt. "Ich will diesen Monat abwarten, wie der Verein, die Mannschaft und der Manager reagieren. Wenn es eine gute Reaktion gibt, ist meine Motivation größer. Aber wenn es keine gute Reaktion gibt - mal sehen."

Stefan Seidel lässt das alles kalt. Der Hassia-Manager, der Ailton nach Bingen gelotst hat, glaubt fest an den Verbleib seines Stars. "Ich kenne ihn inzwischen sehr gut und bin daher ganz entspannt", sagt Seidel. "Mit Ailton wird es definitiv nie langweilig. Jede Woche gibt es eine neue positive Herausforderung."

Seidel hat sogar schon Ideen entwickelt, um das Interesse an Ailton neu zu entfachen. In der Rückrunde werden Tagesreisen zu den Heimspielen angeboten, "dabei kann man aus vier verschiedenen Paketen auswählen", sagt er. Bei manchen ist ein handsigniertes Ailton-Trikot inklusive. Bleibt nur die Frage, ob Ailton bis dahin überhaupt noch in Bingen spielt. Oder ob er sich schon voll und ganz auf seine Pferdezucht in Brasilien konzentriert.

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