Die neue Stärke von Ajax Amsterdam Danke, Deutschland

Dass Ajax Amsterdam nach schwachen Jahren nun im Viertelfinale der Champions League steht, hat es einer alten Tradition zu verdanken: dem deutsch-niederländischen Ideen-Klau.

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Irgendwann in diesem Jahrhundert wurde aus Holland Deutschland und aus Deutschland Holland. Ihr habt gelernt, aufregend offensiven Pressingfußball zu spielen und habt damit weniger gewonnen, als ihr verdient hättet. Und wir haben angefangen, hässlichen Angsthasenfußball zu spielen und sind damit bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 weiter gekommen, als angemessen gewesen wäre.

Gute Nachbarn klauen sich eben gegenseitig manchmal Ideen. Als es für die Niederlande gut lief, so um das Jahr 2000, habt ihr unsere geklaut. Und später haben wir uns dann bei euch bedient.

Und so ist der Ursprungsgedanke, der hinter dem Erfolg der aktuellen Ajax-Mannschaft steckt, die mit berauschendem Angriffsfußball den Titelverteidiger Real Madrid rausgeworfen hat und am Abend im Viertelfinale der Champions League auf Juventus trifft (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: Dazn): deutsch.

Autoren-Info
    Simon Kuper, geboren in Uganda, aufgewachsen in den Niederlanden. Der britische Journalist und Schriftsteller beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dem Thema Fußballkultur. In seinem Erstlingswerk "Football against the enemy - Oder: Wie ich lernte, Deutschland zu lieben" widmete er sich ausgiebig der deutsch-niederländischen Rivalität. Kuper schrieb unter anderem für "The Observer" und "The Guardian", aktuell ist er Sport- und Wochenendkolumnist bei der "Financial Times".

Eigentlich dürften niederländische Teams heutzutage gar keinen Erfolg haben. Ajax hat im vergangenen Jahr 92 Millionen Euro eingenommen. Das ist ein Achtel dessen, was Real erwirtschaftet hat. Und die niederländische Nationalmannschaft hatte es nicht mal geschafft, sich für die WM 2018 in Russland zu qualifizieren. Stellt sich also die Frage: Warum ist Ajax Amsterdam gerade so erfolgreich?

Teil eins der Erklärung: Hinter fast jeder Erfolgsgeschichte im Fußball steckt Geld. Die legendäre Ajax-Akademie bringt regelmäßig Spieler hervor, die an größere Klubs verkauft werden. Bis vor Kurzem weigerten sich die Amsterdammer allerdings, die so gewonnenen Erlöse auch wieder auszugeben. Johan Cruyff, der 2016 verstorbene Urvater des modernen niederländischen Fußballs, der 2011 bei Ajax einen Machtkampf ausgelöst hatte, pflegte zu sagen: "Ich habe noch nie einen Sack Geld ein Tor schießen sehen."

Eine etwas alberne Sichtweise - mit einem Sack Geld kann man schließlich einen Spieler kaufen, der Tore schießt - , die dennoch bei Ajax zur Grundregel wurde. Der von Cruyff eingesetzte technische Direktor Marc Overmars verdiente sich wegen seiner Sparsamkeit im Klub den Spitznamen "Marc Netto". Overmars, früher selbst ein Weltklassespieler, behauptete steif und fest, dass hohe Ausgaben die Existenz des Vereins gefährden könnten. Obwohl Geld da war, kaufte Overmars jahrelang nur Schnäppchen ein und deckelte die Spielergehälter auf maximal rund eine Million Euro im Jahr. Ajax' erste Mannschaft wurde behandelt wie eine Billig-Abschlussklasse für Eigengewächse.

Hakim Ziyech
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Hakim Ziyech

Die Haltung änderte sich am 24. August 2016. 1:4 ging Ajax in Rostow unter und qualifizierte sich nicht für die Champions League. Sechs Tage später gab der unter Druck geratene "Marc Netto" elf Millionen Euro für den marokkanischen Spielmacher Hakim Ziyech vom FC Twente aus, über den er zuvor gesagt hatte, Ajax brauche diesen Spieler nicht. Ziyech hatte großen Anteil daran, dass Amsterdam 2017 das Finale der Europa League erreichte (das sie 0:2 gegen Manchester United verloren). Plötzlich war Ajax ein Einkaufsklub.

Im vergangenen Sommer lockten sie Dusan Tadic und Daley Blind aus der Premier League nach Amsterdam. Mit einem Gehalt von deutlich über zwei Millionen Euro ist Tadic nicht nur der beste, sondern auch der bestbezahlte Spieler der niederländischen Liga. Viele seiner Teamkollegen erhielten Gehaltserhöhungen. Overmars hat üppige Transferangebote für seine Spieler David Neres und Kasper Dolberg abgelehnt. Inzwischen besteht Overmars zu Recht darauf, nicht mehr "Marc Netto" genannt zu werden.

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Ajax Amsterdam: Mehr einkaufen, besser ausbilden

Teil zwei der Erklärung: Deutsches Denken. Zuletzt war der niederländische Fußball zu einem horizontalen Spiel verkommen. Die schwierigste Aufgabe für gegnerische Teams bestand darin, nicht vor Langeweile zu sterben, während sie auf einen schlechten Querpass warteten, den sie abfangen und dann kontern konnten. Erst 2016/2017 führte der damalige Ajax- und jetzige Leverkusen-Trainer Peter Bosz einen schnellen Spielstil ein, der auf Steilpässe und Gegenpressing setzte. Mit anderen Worten: ein deutscher Stil.

Der aktuelle Ajax-Coach Erik ten Hag, der 2017 auf Bosz folgte, hat viele Ideen aus Deutschland mitgebracht, wo er von 2013 bis 2015 die zweite Mannschaft des FC Bayern trainierte. Er regt sich gerne über die Fußballkrankheit "Hollanditus" auf, die daraus besteht, dass in der Abwehr endlos Quer- und Rückpässe gespielt werden: "Ich glaube, es gibt kein Land auf der Welt, in dem sich Innenverteidiger häufiger den Ball zuspielen."

Erik ten Hag
RONALD BONESTROO/EPA-EFE/REX

Erik ten Hag

In der niederländischen Presse wurde Ten Hag niedergeschrieben, bis zur Nacht im Bernabéu. Er ist kahlköpfig, uncharismatisch, spricht mit heiserer Stimme, in einem abgehackten Provinzdialekt und war als Spieler ein Journeyman, der alle paar Jahre den Klub wechselte - und nie für Ajax spielte. Damit verstößt er auch noch gegen das cruyffs'sche Gesetz, dass der Klub immer von Ex-Spielern geleitet werden sollte. Aber er hat moderne deutsche Fußballideen nach Holland gebracht. Für ihn gibt es zwei entscheidende Momente: Wenn man den Ball gewinnt und wenn man ihn verliert.

Bei Ballgewinn ist die gegnerische Abwehr meist ungeordnet, also sollte man schnell nach vorne spielen. Bei Ballverlust wird fünf Sekunden lang so energisch wie möglich gepresst, um den Ball wiederzubekommen. In dieser Saison konnte man immer wieder beobachten, wie ein Verteidiger des Gegners von gleich fünf Ajax-Spielern gleichzeitig unter Druck gesetzt wurde. Es ist ein totales Jürgen-Klopp-System, aber auch eine Renaissance des "Total Football": Man sehe sich nur mal eine der großen Ajax-Mannschaften der Siebzigerjahre um Cruyff an, die dem Ball im Rudel hinterhergejagt sind.

Pep Guardiola
NEIL HALL/EPA-EFE/REX

Pep Guardiola

Vor allem aber kennt Ten Hag den aktuellsten Taktiktrend: die Wiedergeburt des Dribblings. Spricht man privat mit Pep Guardiola, erzählt er, wie schwierig es inzwischen geworden ist, moderne Weltklasseverteidiger mit Pässen aus dem Konzept zu bringen. Zu fit sind sie, zu gut ausgebildet. Deshalb, so Guardiola, sind inzwischen Spieler von enormer Bedeutung, die Überzahl erzeugen können, indem sie sich in Eins-gegen-Eins-Situationen durchsetzen können. Tadic, Ziyech, Neres und Frenkie de Jong sind solche Spieler.

Teil drei der Erklärung: Ajax bringt wieder Weltklassespieler hervor. De Jong war einer von sechs Spielern in der Ajax-Startelf in Madrid, die Zeit in der Jugendakademie des Klubs verbracht haben. Ein anderes Beispiel ist Matthijs de Ligt, der hünenhafte 19 Jahre alte Innenverteidiger, der schon mehr als 100 Spiele für die erste Mannschaft gemacht hat und auch im Nationalteam gesetzt ist.

Vermutlich scheidet Ajax Amsterdam trotzdem gegen Juventus Turin aus. Im Sommer werden mehrere Spieler zu größeren Klubs wechseln. Aber Ajax wird neue Stars kaufen. Mit den Einkünften aus der Champions League sowie der Ablöse aus Barcelona für De Jong hat Overmars jetzt schon rund 140 Millionen Euro sicher, die er ausgeben kann. Hinzu kommen die vermutlichen Sommereinnahmen (De Ligt wird wohl für ein Vermögen zum FC Barcelona wechseln), und schon ist man bei über 200 Millionen Euro. Soviel haben Dortmund, RB Leipzig, Wolfsburg und der FC Bayern im letzten Sommer gemeinsam ausgegeben.

Ajax ist also wieder da. Danke, Deutschland.



insgesamt 4 Beiträge
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wolleb 10.04.2019
1. Was für ein Blödsinn
Angsthasenfußball bei der WM 2014 von der deutschen Mannschaft? Ok, ich habe da aufgehört weiter zu lesen.
potenz 10.04.2019
2. Lesen üben!
Zitat von wollebAngsthasenfußball bei der WM 2014 von der deutschen Mannschaft? Ok, ich habe da aufgehört weiter zu lesen.
Lesen und das Gelesene verstehen will gelernt sein: Hier z.B. war ganz eindeutig gemeint, dass die Niederländer bei der WM 2014 Angsthasenfussball gespielt haben (der Autor - ein Niederländer, wie weiter unten zu lesen - sprach da von "wir" (= die Niederländer) versus "ihr" (= die Deutschen) ... Vielleicht hätten Sie einfach nur zu Übungszwecken weiterlesen sollen (learning by doing)!
nofunawo 10.04.2019
3. Lesen und verstehen
Er spricht von der niederländischen Mannschaft.
aliof 10.04.2019
4. Sympathische Verwirrung
.. der Autor scheint Sympathien sowohl für Deutsche als auch Niederländer zu haben .. .. ist aber eher Brite .. der aus meiner Sicht total Recht hat , die wechselseitige (förderliche) Konkurrenz zwischen D - NL als speziell zu beschreiben.
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