Ajax-Kapitän de Ligt Mal Lastwagen, mal Motorrad

Matthijs de Ligt ist der gefragteste junge Verteidiger der Welt. Der 19-Jährige symbolisiert das Revival von Ajax Amsterdam und könnte im Champions-League-Halbfinale gegen Tottenham wieder zur Schlüsselfigur werden.
Matthijs de Ligt

Matthijs de Ligt

Foto: Dean Mouhtaropoulos/ Getty Images

Am Nachmittag des Champions-League-Viertelfinals zwischen Juventus Turin und Ajax Amsterdam versprach der 19 Jahre alte Kapitän Matthijs de Ligt seinem Teamkollegen Frenkie de Jong: "Ich denke, ich werde heute treffen, nach einer Ecke mit dem Kopf." Am Abend dann, kurz vor einem Ajax-Eckstoß in der zweiten Hälfte, erinnerte de Jong ihn daran: "Das ist dein Moment."

Eckballschütze Lasse Schöne zielte den Ball auf den hinteren Pfosten, de Ligt stieg zwischen zwei Gegenspielern hoch und köpfte das 2:1 für Ajax - der entscheidende Treffer zum Weiterkommen.

Beim Weiterkommen gegen Juventus Turin erzielte Matthijs de Ligt (Mitte) das 2:1 für Ajax

Beim Weiterkommen gegen Juventus Turin erzielte Matthijs de Ligt (Mitte) das 2:1 für Ajax

Foto: Alberto Lingria / REUTERS

Am Dienstag spielt Ajax, die Offenbarung dieser Champions-League-Saison, das Hinspiel im Halbfinale bei Tottenham Hotspur in London (21 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: Sky). Und der gefragteste junge Verteidiger der Welt symbolisiert wohl am besten Ajax' unvorhergesehenes Revival.

Als Ajax einst den kleinen Matthijs in einem lokalen Verein vor den Toren Amsterdams zum ersten Mal beobachtete, hielten sie ihn zunächst für langsam und übergewichtig. Doch als der Scout den schlanken Vater des Talents an der Seitenlinie sah, war er beruhigt. Gute Sportlergene.

Mit 16 Jahren bereits schaffte de Ligt dann tatsächlich den Durchbruch in die erste Ajax-Mannschaft. Das schien absurd jung für einen Innenverteidiger, aber de Ligt verfügte damals bereits über den Körper eines Erwachsenen. Schon nach wenigen Wochen verschob er Teamkollegen auf ihre Positionen auf dem Feld. Zudem besaß er die Fähigkeiten eines überraschend leichtfüßigen Dribblings, eines feinen Passes nach vorn (mit links wie mit rechts) und einer Gelassenheit im Spiel - selbst mit dem halben Feld im Rücken. Bei seinen Vorstößen kam er auf erstaunliches Tempo: Gebaut wie ein Lastwagen, konnte er sich in einer halben Sekunde in ein Motorrad verwandeln.

Ein Debakel zum Karrierestart

Heute ist sein Spitzname in der Ajax-Kabine "Fatty", Dickerchen, was etwas harsch klingt, da sein früheres Babyface längst einem Männergesicht gewichen ist. Sein Körper ist gewaltig, aber eigentlich nicht ideal für einen Abwehrspieler. Obwohl 1,88 Meter groß, hat de Ligt einen relativ langen Oberkörper und vergleichsweise kurze Beine, was seine Geschwindigkeit bei Richtungswechseln limitiert. Im niederländischen Fußballjargon heißt es, große Verteidiger bewegen sich zuweilen "auf Straßenbahnschienen".

Aber de Ligt kompensiert dies mit seinem Perfektionismus. Weit davon entfernt, den internationalen Hype um seine Person zu sehr zu glauben, identifiziert er stets die eigenen Schwachpunkte und arbeitet an ihnen. Seine ersten Monate als Profi haben de Ligt geerdet. Mit 17 Jahren und 225 Tagen wurde er bei einem WM-Qualifikationsspiel in Sofia gegen Bulgarien im März 2017 der jüngste Debütant in der niederländischen Nationalmannschaft seit 1931. Doch die Bulgaren hatten ihn auch als Schwachstelle ausgemacht, zwangen ihn zu Fehlern und gewannen so 2:0. Diese Niederlage kostete Oranje letztlich die WM 2018.

2017 debütierte Matthijs de Ligt (r.) für die Niederlande gegen Bulgarien und erlebte ein Debakel

2017 debütierte Matthijs de Ligt (r.) für die Niederlande gegen Bulgarien und erlebte ein Debakel

Foto: VI Images/ imago images

Das Debakel von Sofia hat de Ligt jedoch nicht traumatisiert. Er gestand seine Fehler öffentlich ein, lernte aus ihnen und verbesserte sein Stellungsspiel. Zwei Monate später wurde er zum jüngsten Spieler, der jemals in einem Europapokalfinale stand. Mit Ajax verlor de Ligt zwar das Endspiel der Europa League 0:2 gegen Manchester United, doch er selbst gewann 69 Prozent seiner Zweikämpfe - der beste Wert seines Teams.

Sein erster Berater, Barry Hulshoff, musste ständig den Karriereweg seines Klienten überarbeiten, denn de Ligt verschob einen Meilenstein nach dem anderen. Er war dem eigentlichen Zeitplan um Jahre voraus. Selbst die für Hochbegabte berühmte Ajax-Akademie hatte keinen so frühreifen Spieler mehr produziert seit Clarence Seedorf 25 Jahre zuvor.

Ein Teenager, der wie ein 30-Jähriger agiert

Mit 18 wurde de Ligt Ajax-Kapitän. Dieser Bruch mit den ewigen Fußballhierarchien schockierte zunächst seine ausländischen Teamkollegen. Schnell aber wurde es für sie selbstverständlich. Denn de Ligt ist ein geborener Anführer, der jetzt schon wie ein 30-Jähriger spielt. Abseits des Feldes blieb er, wie er ist: mal heiter, mal still. Oder wie die Niederländer als ultimative Würdigung sagen: "normaal." Seine Kollegen zogen ihn dafür auf, dass er jeden Tag die gleichen zerschlissenen Adidas-Turnschuhe trug.

In dieser Saison hat de Ligt für Ajax und die Nationalelf Robert Lewandowski (gegen Bayern) und Kylian Mbappé (gegen Frankreich) ausgeschaltet. In zwei Spielen gegen Juve entwischte ihm Cristiano Ronaldo zweimal (und traf zwangsläufig doppelt), der Portugiese sah aber ansonsten keinen Stich gegen de Ligt. Robin van Persie, der 35 Jahre alte frühere niederländische Stürmerstar, der nun für Feyenoord spielt, sagte über den Verteidiger: "Ich gehe gar nicht erst ins Kopfballduell mit de Ligt. Er ist so gut, so stark."

Im Dezember wurde de Ligt als erster Abwehrspieler überhaupt mit dem Golden Boy Award für Europas größtes Talent ausgezeichnet. Aber eigentlich war er da schon längst dem Talentstatus entwachsen.

Dass er noch kein perfekter Verteidiger ist, hat auch das 3:2 der deutschen Nationalelf gegen die Niederlande Ende März hat gezeigt. Leichtfüßige Angreifer wie Serge Gnabry und Leroy Sané, die ständig in Bewegung sind, können seine mangelnde Beweglichkeit ausnutzen.

In Barcelona soll der 19-Jährige Gerard Piqué beerben

Trotzdem wird erwartet, dass der FC Barcelona de Ligt im Sommer unter Vertrag nehmen wird. Er soll dort auf lange Sicht der Nachfolger von Gerard Piqué werden. Vorher will er aber noch sein zweites und drittes europäisches Finale erreichen: mit Ajax in der Champions League am 1. Juni in Madrid und mit der Nationalelf acht Tage später in der Nations League in Porto (die Niederlande treffen zuvor im Halbfinale auf England).

Peter Bosz, der heutige Trainer von Bayer Leverkusen, der de Ligt eins bei Ajax aufblühen ließ, sinnierte in den niederländischen Medien gerade darüber, dass seine Landsleute aufgehört hätten, sich Sorgen über den holländischen Fußball zu machen. Bosz sagte: "Vater und Mutter de Ligt haben einen Sohn, und plötzlich geht unser Fußball wieder in die richtige Richtung."

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