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06. März 2019, 08:03 Uhr

Ajax-Sensation in Madrid

Ramos a la playa?

Aus Madrid berichtet Florian Haupt

Ajax Amsterdam hat die Fußballwelt mit einer Darbietung voller Überschwang und Fantasie aus den Angeln gehoben. Real Madrid ging am eigenen Größenwahn zugrunde. Die Ajax-Fans dankten dem abwesenden Superstar Sergio Ramos.

Als das Fest eigentlich schon vorbei war und alle Ajax-Spieler zum wiederholten Mal in der Kabine verschwanden, kam noch einmal ihr Partykönig auf den Rasen des Estadio Santiago Bernabéu. Klaas-Jan Huntelaar, 35, kennt die Örtlichkeit ganz gut, auch für Real Madrid spielte er mal während seiner langen Karriere, die er nun dort ausklingen lässt, wo er einst groß rauskam. Eine halbe Stunde nach Spielschluss schmiss er sich bäuchlings vor die Gästekurve und wedelte immer wieder mit einem getauschten Real-Trikot. Olé. Halb Tulpenstar, halb Torero - und völlig losgelöst. Wie dieses Ajax, das zuvor die Fußballwelt aus den Angeln gehoben hatte.

Für einen denkwürdigen Abend stellte es die Gesetze des Fußball-Kapitalismus auf den Kopf. Das Gehalt von Real-Star Gareth Bale reiche bei ihm für das halbe Budget, hatte Sportdirektor Marc Overmars vor der Partie errechnet. Doch nun hieß es: Real 1, Ajax 4.

Und zwar nicht wegen ein paar glücklichen Situationen, sondern dank einer Darbietung ohne Komplexe, voller Überschwang und Fantasie, verewigt in der atemberaubenden Pirouette von Dusan Tadic auf dem Weg zum 0:2. Eine Vorstellung, vergleichbar mit den Auftritten der letzten Ajax-Europapokalsieger von 1995, der ähnlich jungen Mannschaft von Louis van Gaal. Mit gutem Ajax-Fußball ist es wie mit so vielen Dingen im Leben: Erst wenn etwas wieder da ist, weiß man, wie sehr es gefehlt hat.

Das Spiel war eine Stunde vorbei, immer noch hörte man die Ajax-Fans singen, als Trainer Erik ten Hag zusammenfasste, was dieser fulminante Viertelfinaleinzug gegen den Titelverteidiger bedeutete. "Ein Zertifikat für die Philosophie des holländischen Fußballs und konkret von Ajax", sagte ten Hag. "Dieser Klub hat in seiner Geschichte viele Titel erreicht, aber das Umfeld des Fußballs hat sich verändert, es ist viel mehr Geld im Spiel, das macht es für ein kleines Land wie unseres immer schwerer."

Seit 2007 hatte keine niederländische Mannschaft mehr im Champions-League-Viertelfinale gestanden, seit 2003 nicht mehr Ajax mit seinem typischen Angriffsstil, der auch nach dem unglücklichen 1:2 im Hinspiel nicht verhandelt wurde. "Jetzt wollen wir noch mehr", sagte ten Hag. "Und wir werden es mit Wagemut versuchen."

Bevor die Mannschaft im Sommer wohl auseinandergekauft wird - Spielmacher Frenkie de Jong hat schon beim FC Barcelona unterschrieben -, könnte es noch andere Favoriten erwischen. Gegen ein alterndes und ausgelaugtes Real war Ajax "in beiden Spielen besser", wie Toni Kroos unumwunden zugab. Der Nationalspieler wirkte aufgeräumt und suchte nicht nach Ausreden: "Viele Spieler waren nicht auf ihrem Niveau, ich zuvorderst." Kroos hatte durch einen Ballverlust das 0:1 eingeleitet. Davor und danach verbaselten die Madrilenen aber wie schon bei den jüngsten Pleiten gegen Barcelona im nationalen Pokal und bei der letzten Meisterschaftschance auch etliche Torchancen. Nun geht es nur noch um die Qualifikation für die nächste Champions League, ein tiefgreifender Umbruch steht an.

Ohne Ramos wirkte Reals Abwehr verlassen

Eine große Ära ist vorbei: drei Champions-League-Siege in Serie, wo keine andere Mannschaft zuvor den wichtigsten Klubpokal im heutigen Format auch nur einmal verteidigt hatte. Die Ära - man weiß es jetzt noch besser als je zuvor - des Cristiano Ronaldo. Ohne ihn offenbarte Real nicht nur die Schwächen, die es bei allen Erfolgen immer gehabt hatte. Es war nun aber keiner mehr da, sie zu überdecken.

Gegen Ajax fehlte mit Sergio Ramos ein zweiter Held der vergangenen Jahre, was die Ajax-Fans zu einem Gassenhauer inspirierte: "Ramos bedankt". Danke, Ramos. Der Real-Kapitän wird eines Tages vielleicht eine vernünftige Erklärung für seine im Hinspiel absichtlich forcierte Gelbsperre anbieten können. Womöglich ja schon in dem Dokumentarfilm, den er Amazon gerade über sich drehen lässt - und für den er am Dienstagabend in seiner Stadionloge SR4 posierte, während sich unten auf dem Rasen die von ihm verlassene Abwehr blamierte.

Fürs erste bleibt seine Gelbe Karte von Amsterdam ein Mahnmal für verirrtes Selbstvertrauen. Denn wer das Spiel richtig verstanden hatte, musste Ajax zwangsläufig eine Chance für das Rückspiel zubilligen. Ramos tat es nicht, in diesem Moment begann die Wende von Madrid.

Ten Hag war sich ihr so sicher, dass er sie schon einen Tag vor dem Rückspiel ankündigte. "Ramos' Ausfall ist eine offene Wunde für Real, sie werden das spüren." Genau so ist es nun gekommen. Hybris und Nemesis. Wie jede große Mannschaft ging dieses Real Madrid nicht zuletzt am eigenen Größenwahn zugrunde.

Real Madrid - Ajax Amsterdam 1:4 (0:2)
0:1 Ziyech (7.)
0:2 Neres (18.)
0:3 Tadic (62.)
1:3 Asensio (70.)
1:4 Schöne (72.)
Madrid: Courtois - Carvajal, Nacho, Varane, Reguilon - Casemiro (87. Valverde) - Kroos, Modric - Lucas Vázquez (29. Bale), Benzema, Vinícius Júnior (35. Asensio)
Amsterdam:
Onana - Mazraoui (80. Veltman), de Ligt, Blind, Tagliafico - Schöne (74. de Wit) - van de Beek, de Jong - Ziyech, Tadic, Neres (73. Dolberg)
Schiedsrichter: Brych (Deutschland)
Gelb-Rote Karte: Nacho wegen unsportlichen Verhaltens (90.+3)
Gelbe Karten: Carvajal - Mazraoui (3)
Zuschauer: 77.013

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