Aktion "Schöner spielen" Bremen will nicht Bayern sein

Für Werder läuft es derzeit. Das Team ist Bundesliga-Spitzenreiter. Am Sonntag könnte Verfolger Schalke mit einem Heimsieg distanziert werden. Es gibt jedoch auch Probleme. Torsten Frings ist gesperrt. Und dann sind da die Vergleiche mit dem Rekordmeister aus München.

Von Christoph Biermann, Leverkusen


Torsten Frings forderte nachträglich "Fingerspitzengefühl", und Klaus Allofs fand es "grenzwertig", dass sein Mittelfeldspieler beim 2:0 (1:0)-Sieg in Leverkusen verwarnt worden war. Grund zur Aufregung war die Gelbe Karte für Frings deshalb, weil es seine fünfte war und er daher beim Spitzenspiel der Bundesliga gegen Schalke 04 am Sonntag (17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nicht dabei sein wird. Als Schiedsrichter Lutz Wagner nach einer knappen halben Stunde Frings wegen einer Abseitsposition zurückpfiff, hatte er noch den Ball weggeschossen. Weil aber Pfiff und Schuss so nah beieinander lagen, war der Hinweis von Bremens Manager auf den Grenzbereich so wenig Unrecht wie Frings' Forderung nach dem Gespür des Schiedsrichters. An der Sperre wird das jedoch nichts ändern.

Bremer Borowski: "Es geht um die Wurst"
REUTERS

Bremer Borowski: "Es geht um die Wurst"

"Der Lutscher (Frings' Spitzname, die Red.) wird uns fehlen", sagte Werder-Trainer Thomas Schaaf für das Duell der mit jeweils 42 Punkten führenden Teams voraus, doch Frings selbst sah das anders. "Wir haben so eine gute Truppe, da geht es auch mal ohne mich", sagte er. Doch der souveräne Sieg beim Tabellensechsten täuschte nicht ganz darüber hinweg, dass Werder noch nicht wieder die Form der Vorrunde erreicht hat. "Wir haben uns aber im Vergleich zum Spiel gegen Hannover 96 gesteigert", fand Tim Borowski. In Leverkusen überzeugten die Bremer eher durch ihre Kompaktheit und Kontrolle des Spiels, als dass sie das Publikum durch Spielfreude verzaubert hätten. "Immerhin aber haben wir den Ball laufen lassen, daher musste der Gegner laufen", sagte Allofs.

So wirkte die Partie ein wenig wie ein Pokalspiel, wenn der Große beim Kleinen zu Gast ist. Die Kleinen aus Leverkusen mühten sich zwar eifrig und hatten nach schwachem Start auch einige Chancen. Trotzdem gab ihr Trainer Michael Skibbe hinterher zu, dass der Sieg des Bundesliga-Spitzenreiters verdient war. Manchmal strapazierten die Bremer ihr Glück auch ein wenig, als etwa Andreij Voronin beim Stand von 0:1 mit einem Fernschuss den Innenpfosten traf.

Doch meldeten sich die Bremer immer so im Spiel zurück, wie sie es brauchten. "Wir haben die Reizpunkte in den richtigen Momenten gesetzt", sagte Bremens Nationalspieler Per Mertesacker. Das waren vor allem die beiden Tore. Nach einer Viertelstunde das schön herausgespielte 1:0 durch Miroslav Klose und eine Viertelstunde vor Schluss das 2:0 durch Hugo Almeida, nachdem fünf Minuten zuvor der Leverkusener Gonzalo Castro die Gelb-Rote Karte gesehen hatte.

Oben auf der Tribüne fühlte sich Rudi Völler angesichts des effektiven Bremer Auftritts an einen anderen Club erinnert. "Die haben das in Bayern-München-Manier runtergespielt", sagte der Leverkusener Sportdirektor. Hoffentlich wiederholte Völler das später gegenüber den Bremern nicht noch einmal, denn sowohl Allofs als auch Schaaf verzogen pikiert das Gesicht, als sie den Vergleich hörten. Mit der Neigung zu Abgebrühtheit und Coolness, die der Rekordmeister schon lange pflegt, wollen sie in Bremen bitteschön gar nicht verglichen werden. Das sollte Völler doch wissen. "Man muss sich nur unser erstes Tor anschauen, das war nicht eiskalt, sondern etwas Schönes", sagte Schaaf und schaute so tadelnd es ihm möglich ist.

Werder streitet in einer kalten Welt also für das Schöne, und vielleicht ist der Tabellenführer in der Rückrunde nur spielerisch noch nicht so richtig ins Rollen gekommen, wie er sich das vorgestellt hat. Gegen die beiden ambitionierten Mittelmächte der Liga aus Hannover und Leverkusen hat Bremen trotzdem sechs Punkte geholt, fünf Tore erzielt und keines kassiert. Den Bayern sind die Bremer dadurch acht Punkte entfleucht, dem VfB Stuttgart sieben.

Doch Allofs sieht, Schalke selbstverständlich eingerechnet, immer noch "einen Vierkampf" um den Titel. Wenn Frings über den FC Bayern spricht, klingt es sogar, als würde er das Monster aus einem Horrorfilm beschreiben: "Wenn man den Fehler macht, die Bayern abzuhaken, kommen sie doppelt so stark zurück." Am Sonntag im Weserstadion gibt es jedoch kein Fernduell mit dem FC Bayern. "Gegen Schalke geht es um die sogenannte Wurst", stellte Borowski fest. Als er das gesagt hatte, strahlte er so, dass man merkte, dass die Bremer sich richtig darauf freuen. Auf die Wurst.

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