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10. Juni 2016, 07:12 Uhr

Gruppe A - Albanien

Die Minimalisten

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Albanien ist der absolute Außenseiter dieser EM. Mit dem konsequent defensiven System könnte es trotzdem für das Achtelfinale reichen.

Giovanni de Biasi kannte es nicht anders. Außenseiter hatte der Italiener in seiner Trainerkarriere zur Genüge betreut, allein dreimal war er beim FC Turin eingesprungen. Dazu in Modena, in Brescia, zuletzt vor mehr als sechs Jahren für wenige Monate bei Udinese Calcio. Meist ging es darum, kaum konkurrenzfähige Teams schnell aus der Gefahrenzone zu führen. Nur die Resultate zählten.

Ein Feuerwehrmann alter Schule, der im Dezember 2011 einigermaßen überraschend den undankbaren Posten als Nationaltrainer bei einem europäischen Fußballzwerg antrat. Endlich ein Engagement ohne Abstiegsgefahr, aber eben auch ohne große Ambitionen. So klingen normalerweise Karrieren von Trainern aus, deren Namen im Anschluss vergessen werden. Normalerweise.

Eine Drohne bringt Albanien zur EM

Heute ist der 59-Jährige ein albanischer Volksheld. Unter ihm haben sich Kuq e zinjte (die Rot-Schwarzen) erstmals für die Endrunde eines Turniers qualifiziert. "Als ich sagte, Albanien könne es schaffen, wurde ich ausgelacht", erinnert sich de Biasi. Auf der Setzliste für die Qualifikationsrunde hatte die Uefa Albanien lediglich auf Rang 40 (von 54) einsortiert, niedriger als alle anderen Teams, die jetzt in Frankreich dabei sind.

Selbst nach dem sensationellen 1:0-Auftaktsieg in Lissabon, der Portugals damaligem Trainer Paulo Bento den Job kostete, hatte Albanien noch immer niemand als EM-Teilnehmer auf der Rechnung. Die Skipetaren trotzten den höher gehandelten Dänen im Anschluss allerdings zwei Unentschieden ab, besiegten zweimal Armenien und profitierten davon, dass das Auswärtsspiel in Belgrad nach dem Drohnenzwischenfall abgebrochen und mit 3:0 für Albanien gewertet wurde.

Die Bilanz: 14 Punkte aus siebeneinhalb Spielen, bei gerade einmal sechs selbst erzielten Toren. Dazu kam ein armenisches Eigentor. Dieser dünnen Offensivbilanz stehen allerdings auch nur fünf Gegentreffer entgegen. De Biasi lässt ein sehr defensives 4-1-4-1 oder 4-5-1 spielen und interessiert sich in etwa so sehr für Ballbesitz wie Darmstadt 98 unter Dirk Schuster. Bietet sich keine Konterchance, endet das Spiel eben 0:0.

Klammert man die beiden Spiele gegen das Gruppenschlusslicht Armenien aus, brachte Albanien in der EM-Qualifikation nur 13 Schüsse aufs gegnerische Tor zustande. Nicht im Schnitt, sondern insgesamt. In rund 500 Spielminuten.

Für de Biasi zählt nur das Ergebnis

Wenn der albanische Kader überhaupt einen Star hat, dann ist es der mittlerweile 32-jährige Abwehrchef Lorik Cana. Der Rekordnationalspieler, einst nach seinem Wechsel zu Sunderland der erste Albaner in der Premier League, ist "das Herz des Teams" (de Biasi). In der Kabine hilft er regelmäßig als Übersetzer für den Coach aus, gilt nicht nur deshalb als dessen verlängerter Arm. Ansonsten stechen am ehesten noch der erst 22-jährige Rechtsverteidiger Elseid Hysaj (SSC Neapel) und Mittelfeldmann Taulant Xhaka (FC Basel) aus dem Aufgebot heraus.

Die Prognose: EM-Spiele mit albanischer Beteiligung werden kein Vergnügen, weder für die Gegner noch für die Zuschauer. Etliche Zweikämpfe, wenige Torchancen. Nur die Resultate zählen. Ein 1:0 im letzten Gruppenspiel gegen Rumänien reicht ja im neuen Modus unter Umständen schon für einen Platz im Achtelfinale. Das weiß auch Giovanni de Biasi.

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