Stuttgarter Niederlage in Leverkusen Zorniger, entradikalisieren Sie

Balleroberung, Pressing, Vorwärtsverteidigung - so stellen sich die Trainer Roger Schmidt und Alexander Zorniger erfolgreichen Fußball vor. Doch der VfB-Coach muss seinem Team einen Plan B beibringen, sonst könnte es für ihn eng werden.
VfB-Trainer Zorniger

VfB-Trainer Zorniger

Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS

Admir Mehmedi scheint kein besonders extrovertierter Mensch zu sein, ganz im Gegenteil. Leise wie ein Kirchenbesucher flüstert der Stürmer von Bayer Leverkusen, wenn er Interviews gibt, und auf dem Rasen wirkt er bisweilen auch melancholisch und in sich gekehrt.

Aber in der 89. Minute des Duells gegen den VfB Stuttgart, da explodierte Mehmedi förmlich. Erst hämmerte er den Ball in den Torwinkel, es war der 4:3-Siegtreffer in einer wilden Fußballschlacht dann sprinte er los, entblößte seinen Oberkörper und schleuderte die Fäuste durch die Luft. Dieser aberwitzige Spielverlauf voller Drehungen und Wendungen verlangte geradezu nach einem Extrem, irgendeinem.

Als Mehmedi dann einige Minuten später im Souterrain der Arena vor den Reportern stand, war er aber schon wieder der tiefenentspannte Flüsterer. "Heute bin ich glücklich und jetzt ist es wichtig, dass ich Konstanz in meine Leistung reinbringe", hauchte der überragende Spieler des Nachmittags, der schon vor seinem Siegtreffer an fast allen guten Leverkusener Aktionen beteiligt war. Dann stellte er eine gewagte These auf: "Für einen Bayer-Fan ist es schöner, wenn er nicht so zittern muss."

Das sah nicht jeder so, "die Leute, die am Dienstag und heute hier waren, die werden zum nächsten Heimspiel wiederkommen", sagte Bayer-Sportchef Rudi Völler. Nur fünf Tage vor diesem 4:3 hatte es ja schon das ähnlich verrückte 4:4 gegen den AS Rom gegeben. "Herrlich, toll", fand Völler die aufregende Show, und Trainer Roger Schmidt schwärmte von der "Mentalität der Mannschaft zurückzukommen, nie aufzugeben". Bayer Leverkusen hatte nämlich 0:2 und 1:3 zurückgelegen und das Spiel tatsächlich noch gewonnen.

Lernt Zorniger wie Schmidt vor einem Jahr dazu?

Deshalb wurden im Presseraum der BayArena nach dem Spiel wieder einmal Themen diskutiert, die vielen Anwesenden sehr vertraut waren. Nur war nicht mehr Schmidt der Hauptdarsteller, sondern Alexander Zorniger, und das ist interessant, weil diese beiden Trainer ähnliche Grundprinzipien propagieren.

Beide haben zentrale Elemente ihres Fußballs bei den von Ralf Rangnick gelenkten Red-Bull-Klubs entwickelt, wo es weniger um Ballbesitz als um Balleroberung, um Pressing und eine besonders aggressive Variante der Vorwärtsverteidigung geht.

In diesem Stil hatte der VfB Stuttgart lange großartig mitgehalten, "wir waren über 90 Minuten mindestens gleichwertig", sagte Zorniger, allerdings zeigte das Team eine recht fundamentalistische Variante dieses Fußballs. So ähnlich wie Bayer Leverkusen zu Beginn der Vorsaison. Damals wurde Schmidt vorgeworfen, die Werkself sei nicht in der Lage, auch mal ruhiger zu spielen, das Tempo zu drosseln, einem Gegner den Schwung zu nehmen. Dieser Kritik sieht sich nun Zorniger ausgesetzt.

Und er antwortet ähnlich dogmatisch wie seinerzeit Schmidt. "Soll ich meinen Spielern sagen, jetzt soll ich nach vorne verteidigen und jetzt eher hinten passiv stehen? Das ist eine Frage von Aktivität oder Passivität, das kannst du nicht machen." Schmidt hat ähnlich kompromisslos reagiert und streitet bis heute ab, die Spielweise seiner Mannschaft entradikalisiert zu haben. Viele Beobachter sehen aber das anders.

Natürlich ist es möglich, einem Spiel, das sich mehr und mehr auf einen bedenklichen Kontrollverlust zubewegt, durch ein paar Quer- und Rückpässe seine Schärfe zu nehmen. Bayer beherrscht dieses Stilmittel inzwischen, und auch der VfB hätte seine Siegchancen mit einer etwas ruhigeren Zwischenphase vermutlich deutlich erhöht.

Stuttgart lässt sich auskontern

Als Lukas Rupp nach einer Stunde zum 1:3 für den VfB getroffen hatte, brüllten die Leverkusener Fans bereits wütend, "wir wollen Euch kämpfen sehen". Solch eine Atmosphäre bietet die perfekte Ausgangslage, einen Gegner laufen, die Zeit verstreichen und die Stimmung immer schlechter werden zu lassen. Aber diese Variante ist offenbar ein Tabu in der Ideologie dieser Trainerschule. Der VfB spielte weiter wild nach vorne - und ließ sich in der 89. Minute auskontern.

Es war ein Spiel zahlloser kleiner und großer Fehler, die meisten Fußballlehrer hätten sich vermutlich die Haare gerauft angesichts der chaotischen Zustände, die zweitweise herrschten. Schmidt aber sagte: So ein Spielverlauf sei ihm "tausendmal lieber, als wenn wir uns hinten rein stellen und dann durch einen Konter 1:0 gewinnen, damit kann ich nichts anfangen."

Allerdings räumen beide Trainer ein, dass dieser Fußball mit bewusst erzeugem Chaosfaktor reifen müsse. "Wir arbeiten da dran, das wird noch eine Weile dauern, aber die Zeit kriegen die Spieler", sagte Zorniger. Ein Problem, mit dem sich die Leverkusener auch immer wieder herumplagen, bleibt: Damit dieser Fußball funktioniert, müssen alle bedingungslos risikobereit bleiben und mitziehen, sonst geht die erforderliche Homogenität verloren. Und so viele Niederlagen, wie der VfB sie einsteckt, sind ein guter Nährboden für das schlimmste Gift, dass der Vorwärtsverteidigungsfußball kennt: den Zweifel.

Bayer Leverkusen - VfB Stuttgart 4:3 (0:0)
0:1 Harnik (50.)
0:2 Didavi (54.)
1:2 Bellarabi (57.)
1:3 Rupp (60.)
2:3 Boenisch (70.)
3:3 Hernandez (71.)
4:3 Mehmedi (89.)
Leverkusen: Leno - Boenisch, Tah, Toprak (67. Papadopoulos), Wendell - Kampl, Calhanoglu - Mehmedi, Brandt (57. Bellarabi) - Kießling (87. Yurchenko), Hernandez.
Stuttgart: Tyton - Klein, Sunjic, Baumgartl, Insua - Gruezo (46. Ferati, 79. Ristl), Schwaab, Rupp - Didavi - Harnik, Timo Werner (85. Kliment).
Schiedsrichter: Felix Brych (München)
Zuschauer: 30.210 (ausverkauft)
Gelbe Karten: - Sunjic (4), Schwaab (2)

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