Geschasster Trainer Warum Zorniger in Stuttgart gescheitert ist

Alexander Zorniger sollte Stuttgart mit spektakulärem Spiel und Profis aus der eigenen Jugend wieder nach oben führen. Dass der Trainer jetzt gehen muss, liegt zum Teil an ihm selbst. Trotzdem könnte der VfB ihn schon bald vermissen.
Sportdirektor Dutt, links, Trainer Zorniger: Zwei Faktoren

Sportdirektor Dutt, links, Trainer Zorniger: Zwei Faktoren

Foto: Marijan Murat/ dpa

Am Samstag, nach einem der schlechtesten VfB-Auftritte seit Menschengedenken, hat Alexander Zorniger ein paar Dinge gesagt. Es war nichts, was man sagen sollte, wenn man seinen Job behalten will.

Zorniger sagte zum Beispiel, dass er "garantiert die falschen Worte gefunden hätte", wenn er nach dem Schlusspfiff in den Spielerkreis gegangen wäre, den die Mannschaft gebildet hatte. Ein Trainer, der sich nicht zutraut, die richtige Ansprache zu finden? Ebenso schwierig wie die Lage des VfB. Die brachte Zorniger allerdings treffend auf den Punkt: "Das Spiel wird nicht den Glauben an das verfestigen, was wir gerade machen. Weder in der Tabelle noch abseits vom Platz."

Und weil sich offenbar wenig später bei den VfB-Verantwortlichen einzig der Glaube verfestigt hatte, dass es so nicht weitergehen konnte, wurde Zorniger am Dienstag freigestellt.

Gros der Mannschaft gegen sich

Zorniger, 48, dieser kantige, wortgewaltige Schwabe, ist vor allem an zwei Faktoren gescheitert. Einer ist der Eindruck, dass da ein Trainer nicht in der Lage ist, fachliche Fehler zu korrigieren und dem Verein ein System zu verpassen, mit dem er erfolgreich spielt. Dabei stimmt dieser Vorwurf nur bedingt, aber dazu später mehr.

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Zorniger, Labbadia und Co.: Die Trainer des VfB Stuttgart seit Daum

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Zorniger ist auch an seiner (Un-)Art zu kommunizieren gescheitert. Am Schluss hatte er mit seiner oft überheblich wirkenden Art nicht nur das Gros der Stuttgarter Journalisten gegen sich, sondern auch die Mannschaft. Zorniger sah sich Spielern gegenüber, die sich unter einem anderen Trainer mehr Einsatzzeiten versprachen. Und solchen, die er selbst gegen sich aufgebracht hatte.

  • Da war zum Beispiel Timo Werner, der seinen Torjubel gegen Hoffenheim ausgelassen zelebrierte. Doch wo andere Trainer sich darüber im Stillen ärgern, zerriss Zorniger den jungen Angreifer mit Gesten und Kommentaren vor einem Millionenpublikum in der Luft.
  • Georg Niedermeier, einen in der Mannschaft hoch angesehenen Spieler, beschrieb er ohne Not als spielerisch limitiert.
  • Und er machte die Knieverletzung von Daniel Didavi ("deutliche Problematik im Kniegelenk") öffentlich. Welcher Spieler verzeiht es einem Trainer, wenn der den eigenen Marktwert in den Keller redet? Didavi nicht, er trottete am Samstag oft lustlos über den Platz.

Komplette Abwehr zu langsam

Ein paar Spieler mehr werden ebenfalls aufatmen, dass die kurze Zorniger-Ära beim VfB vorbei ist. Doch dafür gibt es weniger Grund, als den wenigen verbliebenen Optimisten in der VfB-Fanszene lieb sein dürfte. Warum? Das liegt an einem Missverständnis, das auch nicht wahrer wird, nur weil man es an jedem Wochenende wiederholt.

Zorniger, so der Vorwurf, habe (zu) stur an seinem Offensivkonzept festgehalten. Doch weder die Heimsiege gegen Ingolstadt und Darmstadt noch das Spiel gegen Augsburg ging der VfB sonderlich gewagt an. Und die Gegentor-Flut gegen Leverkusen und die Bayern (3:4, 0:4) hatte weniger mit einer zu offensiven Mannschaftstaktik als mit dilettantischem Defensivverhalten und haarsträubenden individuellen Fehlern zu tun. Die komplette Abwehr ist zu langsam und wohl auch individuell zu schwach, um in der Bundesliga bestehen zu können.

Kritische Fragen müssen sich deswegen auch die VfB-Verantwortlichen um Sportdirektor Robin Dutt gefallen lassen, der zusammen mit Zorniger auch für die wacklige Defensive verantwortlich ist. Sollte er deren Qualität falsch eingeschätzt haben, wäre er in der Pflicht. Doch die Wahrheit dürfte eine andere sein: Der VfB hatte im Sommer zu wenig Geld, um den Kader qualitativ zu verbessern, und im Vergleich zur Abstiegskonkurrenz aus Augsburg und Hoffenheim dürfte man auch im Winter wenig Mittel haben. Dutts Ankündigung vom Samstag, er werde "versuchen" nachzubessern, klingt jedenfalls nicht sehr waghalsig.

Schwere Wochen für Dutt

Zorniger hatte bei vielen VfB-Fans selbst am Sonntag noch Kredit, weil er für etwas stand, das den Schwaben lange fehlte: ein klares Konzept, eine Spielidee, ein Ziel, wo es hingehen sollte. Nach all den Jahren des Mittelmaßes, in dem pragmatische Trainer mit biederem Fußball gerade noch irgendwie den Abstieg vermieden, stand Zorniger für das Versprechen, dass der VfB zurückfinden würde zu attraktivem Fußball, in dem auch Spieler aus dem eigenen Nachwuchs eine Rolle spielen. Es ist der Fußball, den die Fans aus den erfolgreichen Jahrzehnten der Vergangenheit gewohnt sind.

Spannend wird, wen Dutt als Nachfolger verpflichtet: Felix Magath, der am Sonntag in der SWR-Sendung "Sport im Dritten" eine peinliche Bewerbungsrede hielt ("würde alles anders machen"; "unter mir wird Werner Nationalspieler") dürfte es wohl nicht werden. Also doch Markus Gisdol? Oder noch einmal ein Übergangstrainer?

Letzteres wäre gleichzeitig eine Absage an all die Ziele, für die Zorniger stand und die der gesamte Verein im Sommer zur Leitlinie erkoren hat. Robin Dutt hat schwere Wochen vor sich. Misslingt die Trainerwahl, wird es auch für ihn ungemütlich.