Alpen-Hopper Kleine Länder, weite Reisen

Das Mannschaftsquartier in der Schweiz, die Spiele in Österreich: Die Fußball-EM sorgt für reichlich Reisekilometer. Da verlieren zuweilen sogar der ein oder andere Berichterstatter den Überblick und macht gewaltig Ärger.

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Vor drei Tagen hat es ein Kollege geschafft, eine Berühmtheit zu werden, wenn auch eine traurige. Er ist das Gesprächsthema Nummer eins hier in Tenero, ob im Medienzentrum oder beim Training der deutschen Mannschaft. Man raunt sich seine Geschichte immer noch fassungslos zu, dabei werden ungläubig die Köpfe geschüttelt. Über Reisestrapazen beschwert sich plötzlich niemand mehr.

Österreichischer Grenzer: Die netten Beamten
DPA

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Niemand wusste am Anfang, was wirklich passiert war. Ein junger Mann musste seinen Flieger bekommen, ein deutscher Sportjournalist, 27 angeblich. Und weil er zu spät dran war, ließ er in Verona eine Bombendrohung per Telefon eingehen. Am nächsten Tag war das Pressezentrum voll und man konnte Kollegen beobachten, die die Reihen nach einem absuchten, der fehlte.

Aber alle waren da.

Dann erfuhr man, dass er mit der deutschen Mannschaft nichts zu tun hatte. Weitere Informationen tropften ins Medienzentrum. Der freie Journalist sei auf dem Weg nach Wien gewesen, es ging um eine Maschine mit 22 Plätzen, die Fluggesellschaft heißt Air Dolomiti, er tauchte am Schalter auf, nichts zu machen. Die Bombendrohung. Dann die Aussage des Journalisten, er habe gehört, dass die Maschine nicht startklar sei. Ob er nicht doch noch mitgenommen werden könne. Die Festnahme durch die misstrauische Polizei. Es hatte nirgendwo ein Hinweis auf die Startverzögerung gegeben.

Am Ende kam raus: Der gehetzte Reporter hatte die Polizei vom eigenen Mobiltelefon aus angerufen.

Von Tenero in der Schweiz, wo der DFB sein Trainingsquartier aufgeschlagen hat, nach Klagenfurt in Österreich, wo der DFB seine beiden ersten EM-Vorrundenspiele ausgetragen hat, sind es 645 Kilometer. Tenero liegt am Lago Maggiore, hier scheint oft die Sonne, die Menschen sind freundlich. In Klagenfurt regnete es meistens und es gab auch keine Klagenfurter dort, aber manchmal ganz viele deutsche Journalisten, die aus Tenero gekommen waren. Die meisten davon mit dem Flugzeug.

Ich hatte leider keinen Platz in den beiden Chartermaschinen von Lugano nach Klagenfurt gefunden, es gab nur 100 Plätze. Die glücklichen Kollegen wurden vom Flughafen in Bussen abgeholt und direkt vor dem Stadion ausgeladen. Sie mussten noch 65 Schritte ins Medienzentrum gehen und schauten danach das Spiel. Ein paar Stunden später kam der Bus, lud sie wieder ein und fuhr sie zurück zum Flughafen. Das kostete mehr als 500 Euro, aber es war bequem und sparte viel Zeit.

Ich bin stattdessen mit einem Saarbrücker Kollegen gefahren, der einen Audi 80, Baujahr 1997, fährt. Er (der Audi) sieht gepflegt aus, ist innen sauber und verbraucht Benzin, das auch in Österreich gerade günstiger als Diesel ist. Der Audi hat ein Saarbrücker Kennzeichen und einen großen Tank, aber weder Airbags noch Klimaanlage. Der Motor hat schon 266.000 Kilometer hinter sich, und vorgestern kamen wieder 1290 dazu. Klagenfurt, einmal hin, und wieder zurück. Danke an dieser Stelle an den DFB, dass er sein Trainingsquartier in solch unmittelbarer Nähe zu den Spielorten gewählt hat.

Der Saarbrücker Kollege Michael Kipp und ich waren so schon vor dem Spiel gegen Kroatien so fertig wie Marcell Jansen nach 45 Minuten. Aber wir würden uns nie beschweren.

Denn solche Autofahrten haben immer auch ihr Gutes. Man erfährt zum Beispiel, dass die Schweizer Grenzkontrolleure sehr penibel sind. Ein ernst blickender Mensch mit ordenbehängter Uniform bat uns, auszusteigen und uns in sicherer Entfernung aufzustellen. Dann kam ein Mann mit noch mehr Orden und einem Hund und ging um den Audi 80 herum. Ein Drogenhund. Der Drogenhund schnüffelte an den Sitzen, am Kofferraum und an den Rädern. Aber alles, was er fand, war das Schinkenbrot des Kollegen Kipp. Der klärte mich danach auf, dass Saarbrücken berüchtigt sei für seine Drogenkuriere.

Zehn Meter weiter, auf der italienischen Seite, mussten wir dann erneut aussteigen. Es kam diesmal kein Hund, aber es dauerte wieder zehn Minuten. Schweizer und Italiener müssten mehr miteinander reden. An der österreichischen Grenze passierte nichts. Die Zöllner telefonieren dort gern.

Um es abzukürzen: Wir waren 20 Stunden auf den Beinen, fuhren 1290 Kilometer ohne Klimaanlage, Deutschland verlor 1:2 gegen Kroatien und ein DFB-Kicker schoss den Ball nach dem Spiel auf die Pressetribüne. Der Ball schlug unweit von uns ein. Ein Scheißtag, dachten wir. Dann hörten wir die Bombengeschichte, schüttelten den Kopf und fuhren 645 Kilometer zurück. Wir hatten ja Zeit.



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